Kommerzieller Bereich bleibt Herausforderung fuer Unix

RISC-Marktfuehrer HP sucht nun Erfolg in der Telekommunikation

12.02.1993

"HP stellt angesichts der vielen schlechten Nachrichten aus der Branche eine positive Ausnahme dar", erklaerte Richard Roy, Vertriebsdirektor Computersysteme bei der Hewlett-Pakkard GmbH, vor der Presse in Muenchen. Das Unternehmen habe mit seiner Entscheidung zugunsten offener Systeme fruehzeitig Zeichen gesetzt und mit der Beschraenkung auf lediglich zwei Betriebssysteme und eine Plattform das richtige Gespuer fuer die heutigen Marktbeduerfnisse entwickelt. Ergebnis dieser Strategie sei, so der Boeblinger HP-Manager, die gelungene Integration eigener Loesungen in heterogene Welten sowie die Tatsache, dass zahlreiche Hersteller beziehungsweise OEMs heute Applikationen fuer HP-Plattformen entwickelten.

Obwohl die Bilanz-Pressekonferenz des Unternehmens erst fuer den 19. Februar anberaumt ist, untermauerte die deutsche HP-Dependance ihre positive Geschaeftseinschaetzung mit ersten Zahlen. Demnach konnte der gesamte Konzern im abgelaufenen Geschaeftsjahr 1991/92 (31. Oktober) den Umsatz um 13 Prozent auf 16,4 Milliarden Dollar ausbauen, bei einem Gewinn von 549 Millionen Dollar - bereinigt um Rueckstellungen fuer Krankenversicherung und Pensionen. Trotz der, wie es hiess, schlechten Rahmenbedingungen verzeichnete auch die deutsche HP-Tochter mit einem Umsatz von 5,4 Milliarden Mark und einen Gewinn nach Steuern von 65 Millionen Mark ein gutes Ergebnis.

Grund zur Selbstzufriedenheit bestehe, wie Roy betonte, gleichwohl nicht, denn man bewege sich in einem Marktsegment, "dass nicht von Wachstum, sondern von einem Verdraengungswettbewerb gekennzeichnet ist".

HP weiterhin als sicherer Partner

Fuer das Unternehmen komme es daher mehr denn je darauf an, dass die Anwender "HP weiterhin als sicheren Partner ansehen". Dies sei, wie der fuer den Vertrieb in Deutschland Verantwortliche ausfuehrte, auf Dauer nur mit Systemen und

Loesungen realisierbar, die in puncto Investitionssicherheit eine zehn- bis 15jaehrige Perspektive bieten und deren Leistungsfaehigkeit ohne nennenswerten Aufwand um 50 bis 70 Prozent gesteigert werden koennten.

Das Produkt-Portfolio bei Unix-Workstations und Multiuser- Systemen verschaffe HP ein sicheres Standbein; mit mehr als fuenf Milliarden Dollar Umsatz ist die Company Roy zufolge "Marktfuehrer bei offenen Systemen". Nun gelte es verstaerkt, die Defizite von Unix im kommerziellen Markt abzubauen, wenngleich man, so Roy, in Zukunft zwischen dem wissenschaftlichen und kommerziellen Bereich keine klare Trennungslinie mehr ziehen koenne.

Der qualifizierte Anwender verlange zunehmend "nach Mischformen". Bei HP sehe man deshalb mehr und mehr die Tendenz, neben PCs auch Unix-Workstations als Clients fuer kommerzielle Applikationen einzusetzen.

Auch Windows NT als vermeintliche Konkurrenz fuer Unix scheint die RISC-Spezialisten nicht sonderlich zu beunruhigen. Sollte sich das 32-Bit-Betriebssystem von Microsoft auf dem Markt durchsetzen, werde man es, so das lapidare Statement, "auch unterstuetzen".

Mit der Posix-Schnittstelle von NT stellen Windows-Clients und Unix-Workstations auf der Basis von RISC-Prozessoren nach Auffassung von Roy lediglich eine vergleichbare Plattform dar. Komme es zum Showdown beider Welten, haenge es in erster Linie davon ab, "wer die sichereren Applikationen bietet und wer das Problem der Connectivity besser in den Griff bekommt".

Neben Banken, Versicherungen und dem Grosshandel als den fuer kommerzielle Unix-Anwendungen in erster Linie in Frage kommenden Wirtschaftszweige schielen die Verantwortlichen in Palo Alto seit einiger Zeit auch auf ein fuer sie zumindest auf den ersten Blick voelliges Neuland - den Bereich der Telekommunikation. Trotz der Tatsache, dass mittlerweile rund 20 Prozent des Gesamtumsatzes mit dem TK-Bereich generiert werden, wie Giorgio Dina, Marketing Manager Europe fuer die Bereiche Messtechnik und Telekommunikation, ausfuehrte, konnten sich die Kalifornier in diesem Business bislang noch keinen Namen machen.

Dies soll sich nun aendern. Rund 2000 Mitarbeiter in den Bereichen Messtechnik sowie Telecom Systems werden Dina zufolge kuenftig allein in Europa dazu beitragen, entsprechende Messgeraete sowie Hardwareplattformen entweder als Einzelkomponenten oder als integrierte Management-Loesungen fuer die Administration von TKNetzen zu entwickeln. Dabei wolle man sowohl als Lieferant von Komplettloesungen als auch als Kooperationspartner von TK- Unternehmen agieren. Ziel sei, mittelfristig auch in diesem Markt zu einem fuehrenden Anbieter zu avancieren.

Absicht von HP ist es dabei nicht, wie Dina klarstellte, als Carrier oder Service-Provider aufzutreten, sondern den jeweiligen TK-Dienstleistern und PTTs Produkte fuer die Administration und Ueberwachung ihrer Infrastruktur anzubieten. Speziell in diesem Marktsegment sieht der TK-Experte grosse Chancen, weil aufgrund der fortschreitenden Liberalisierung, kuerzerer Innovationszyklen sowie der immer groesser werdenden Zahl von Dienstleistern der Druck auf die einzelnen Anbieter waechst, effektive und kostenguenstige Loesungen anzubieten. HP werde, so Dina, ein Netz bauen, "mit dem man Netze kontrollieren kann".

Bereits Ende vergangenen Jahres wurde zu diesem Zweck mit dem schwedischen TK-Riesen Ericsson ein Joint-venture zur Entwicklung und Vermarktung von Management-Systemen fuer weltweit operierende Netzbetreiber gegruendet. Das Gemeinschaftsunternehmen, an dem Ericsson zu 60 und HP zu 40 Prozent beteiligt ist, hat seine Taetigkeit bereits aufgenommen und ist fuer die Vermarktung der Ericsson-Software "TMOS" sowie fuer die Belieferung der Kunden mit HP- und anderen Hardwareplattformen zustaendig. Darueber hinaus soll die gemeinsame Technologieschmiede fuer die Entwicklung dedizierter Zusatzprodukte verantwortlich zeichnen, die entweder in eigene Loesungen integriert oder als OEM-Plattform anderen Herstellern zur Verfuegung gestellt werden.

Quasi als Allzweckwaffe ist zudem die im Bereich Enterprise Networking bereits etablierte HP-Management-Plattform Openview als Rahmenwerk fuer entsprechende Entwicklungen vorgesehen. Unter dem Titel "Openview Harmoni" wird ab Maerz interessierten TK-Firmen beziehungsweise OEMs eine Plattform angeboten, auf deren Basis Software fuer ein, wie es bei HP heisst, "Customer Network Management" (CNM) geschrieben werden kann. Carrier und Diensteanbieter, die die in zweijaehriger Entwicklungsarbeit mit der Telecom Australia konzipierte Loesung nutzen, koennten sich, so Dina, durch die Beschraenkung auf die wesentlichen Applikationen "200 Mannjahre an Entwicklungsarbeit sparen".

Abb: Neben den klassischen Networking-Domaenen soll Openview nun auch den TK-Bereich abdecken.