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Richter vergleicht Microsofts Geschäftsgebaren mit Eisenstangenattacke

06.12.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - In dem aussergerichtlichen Verfahren zwischen Sun Microsystems und Microsoft hat der vorsitzende Richter Frederick Motz am dritten und letzten Tag der Anhörungen einen drastischen Vegleich angeführt, um Microsofts Geschäftsgebaren gegenüber einen Marktkonkurrenten wie Sun zu verdeutlichen.

Motz hatte als letzten Fürsprecher für die Gates-Company Kevin Murphy in den Zeugenstand gerufen. Dieser ist Wirtschaftswissenschaftler an der University of Chicago. Murphy hatte argumentiert, dass Microsofts Missetaten der Vergangenheit trotzdem nicht rechtfertigen würden, das Unternehmen heute zu zwingen, die Java-Maschine von Sun in das Windows-Betriebssystem zu integrieren. Genau das will Sun per einstweiliger Verfügung in dem Verfahren für Windows XP erzwingen. Würde Sun mit seinem Begehren Erfolg haben, würde dies im Umkehrschluss Microsoft in gewisser Hinsicht der Motivation berauben, das Windows-Betriebssystem weiter zu verbessern, sagte Murphy.

An diesem Punkt der Diskussion schaltete sich Richter Motz ein. Er verglich das Verhalten von Microsoft gegenüber Sun mit einem in der Sportgeschichte einmaligen und berühmt gewordenen Anschlag: 50 Tage vor den Olympischen Winterspielen 1994 in Hamar, Norwegen, hatte das mit Titelambitionen angetretene US-Eislaufsternchen Tonya Harding gegen ihre Landsmännin, Konkurrentin und Favoritin auf den Olympiasieg, Nancy Kerrigan, gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann Jeff Gillooly sowie den in die Attacke eingeweihten Derrick Smith, Shawn Eckardt and Shane Stant ein Attentat geplant und verübt. Stant hatte Kerrigan mit einer Eisenstange so schwer auf ein Knie geschlagen und verletzt, dass es zeitweise so aussah, als ob Kerrigan gar nicht an den Olympischen Spielen würde teilnehmen können. Glückliches Ende der bösen Tat: Kerrigan lief in Hamar die Kür ihres Lebens und wurde, nur knapp geschlagen von Oksana Baiul aus der Ukraine, Silbermedaillengewinnerin. Harding landete

abgeschlagen auf Rang acht.

Motz nutzte die Analogie, um dem Microsoft-Zeugen Murphy vorzuhalten, seinerzeit sei Kerrigan die bessere Eiskunstläuferin geworden, wegen des Anschlags auf ihr Knie aber nicht in der Lage gewesen, sich entsprechend im sportlichen Wettbewerb in Szene setzen zu können. Motz fragte Murphy in einer durchaus hintergründigen Art: „Gibt es etwa keine gesellschaftliche Übereinkunft über ein Werteverständnis, nach dem man an einem Markt teilhaben kann, ohne durch wettbewerbswidrige Aktionen daran gehindert zu werden?“

Motz beschied den Vorwurf abschlägig, er würde zugunsten von Sun in die Marktgegebenheiten eingreifen. „Ich habe nicht die existierenden Marktverhältnisse zu verändern. Ich soll aber sehr wohl die von Microsoft verzerrten Marktbedingungen wieder geraderücken.“ (jm)