System-Management/Kommentar

Revolution?

14.04.2000

Das Internet verändert fast alles. So weit, so schlecht. Auf den ersten Blick hat das Internet zumindest für eine Inflation der Verallgemeinerungen und Hypothesen gesorgt: Geschäftsprozesse, der Handel, die Kommunikation, die Wirtschaft, die Gesellschaft - es findet sich heutzutage nichts mehr, was nicht vom Internet "revolutioniert" wird. Die Branche boomt, es werden Millionenumsätze erwartet, mal sind es Milliarden, einige unverfrorene Statistiker wagen sich gar bis in die Billionen vor. Das Credo: Wer nicht auf der Welle reitet, säuft ab. Im schlimmsten Fall geben sichZauderer der Lächerlichkeit preis, aber selbst Boris Becker kann ja sogar inzwischen E-Mails an sein Handy senden. Für moderate Töne ist kein Platz mehr, Zweifler oder gar Kritiker haben inzwischen den gleichen gesellschaftlichen Status wie Schattenparker.

Allerdings: Die Propheten des Booms werden Recht behalten. Das Internet verändert tatsächlich fast alles und zunehmend auch dort, wo es um Profite geht. Wer heute nur noch auf seine Firma schaut und angesichts eines starken Markennamens von der Splendid Isolation träumt, manövriert sich ins Abseits. Lieferketten werden unternehmensübergreifend definiert, Handelsnetze gespannt. Die Zeitspanne, um Veränderungen im Unternehmen durchzusetzen, verkleinert sich. Niemand kann es sich künftig mehr leisten, monolithische Systeme einzusetzen, die nicht über den Rand des eigenen Rechenzentrums blicken. Flexibilität ist Trumpf, und zwar in allen Bereichen. Standardsoftware des letzten Jahrtausends ist kein Wettbewerbsvorteil, sondern ein überholtes Modell. Schließlich sind Standards das, was alle haben. Der neue Standard heißt Internet, und er zeichnet sich dadurch aus, dass es kaum Standards gibt. Deshalb besitzt auch der Zweifel von Boris Becker, ob er schon drin sei, mittelfristig keine Gültigkeit mehr. Unternehmen müssen sich künftig die Frage stellen, ob sie ohne das Internet noch drin sind: im Geschäft nämlich. ajf