Große Rückstände

Reutax-Insolvenz bringt Freiberufler in Nöte

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 18 Jahren. Langweilig? Nein, sie endeckt immer wieder neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und in ihrem eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisert.
Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Mit der Reutax-Gruppe hat einer der größten Personaldienstleister Insolvenzantrag gestellt. Betroffen sind 150 Mitarbeiter und vor allem 1000 IT-Freiberufler, die nun um ihr Auskommen bangen.

Noch vor zwei Jahren belegte Reutax mit einem Umsatz von 170 Millionen Euro Platz drei im Lünendonk-Ranking der größten Vermittler für freiberufliche IT- und Engineering-Experten. Am 21. März waren die Kassen des Unternehmens, das Soheyl Ghaemian 2002 gründete, leer. Die Gründe dafür können zu dem Zeitpunkt selbst die bestellten Insolvenzverwalter nicht benennen, in Internet-Foren berichten ehemalige Reutax-Mitarbeiter von luxuriösen Villen, Booten und Autos, die sich der 37jährige Firmengründer Ghaemian geleistet haben soll. Das Kerngeschäft, die Vermittlung von IT-Freiberufler an Unternehmen, beurteilen die Verwalter aber als „gesund".

Positive Signale von Kunden

Als erstes sprachen die Insolvenzverwalter Tobias Wahl (für die Reutax AG), Karl-Heinrich Lorenz (für die Lenroxx GmbH) und Alexander Reus (für die Reutax Temp GmbH) mit den Unternehmen, an die IT-Freiberufler und Zeitarbeiter vermittelt wurden. Die Gespräche sind gut verlaufen, sagt Rechtsanwalt Tobias Wahl: „Die wesentlichen Kunden nehmen die Personaldienstleistungen von Reutax weiter in Anspruch. In Einzelfällen haben wir schon Zahlungsvereinbarungen getroffen, wonach die Kunden vor Fälligkeit bezahlen. Darum bin ich sehr zuversichtlich, dass wir das Unternehmen retten können."

Der Mannheinmer Rechtsanwalt Tobias Wahl ist als Insolvenzverwalter für die Reutax AG bestellt.
Der Mannheinmer Rechtsanwalt Tobias Wahl ist als Insolvenzverwalter für die Reutax AG bestellt.
Foto: Tobias Wahl

Die Gespräche mit den betroffenen Freiberuflern, die im Gegensatz zu den 150 Festangestellten keinen Anspruch auf das dreimonatige Insolvenzausfallgeld haben, stehen noch bevor. Die Kommunikation mit 1000 Freiberuflern, die zugleich Gläubiger sind, ist für die Insolvenzverwalter nicht nur eine „logistische Herausforderung", so Wahl: „Mit allgemeinen Informationen ist den Freelancern auch nicht geholfen, da sie individuelle Verträge und Vereinbarungen haben. Da Reutax mit einigen Freiberuflern längere Zahlungsziele vereinbart hatte, sind zum Teil größere Rückstände auf Seiten der Freelancer entstanden. Viele haben schon seit Januar kein Honorar mehr erhalten. Ob und in welchem Umfang die Freelancer das Geld bekommen werden, kann bislang keiner sagen.

Darko Palic, technischer Projektleiter und Unternehmer, rechnet zum Beispiel damit, dass er 18 bis 24 Monate den gleichen Umsatz wie bisher beim gleichen Kunden erwirtschaften muss, um seinen Verlust durch die Reutax-/Lenroxx-Insolvenz wieder ausgleichen zu können. Palic und zahlreiche andere IT-Experten, die unter anderem auch an die Telekom und T-Systems vermittelt wurden, organisieren sich auf der Business-Plattform Xing im Forum 4freelance und suchen einen Ausweg.

Palic, mittlerweile zentrale Anlaufstelle für die Betroffenen, schildert das Dilemma: „Da seit einigen Jahren Konzerne nur über so genannte preferred supplier IT-Dienstleistungen einkaufen, haben Freelancer und kleine Dienstleister keine Chance, ohne den Umweg über einen Vermittler an einen Auftrag zu kommen. Auch wenn der Vermittler wie jetzt Reutax/Lenroxx pleite geht, lassen sich die großen Kunden nicht auf eine direkte Verhandlung mit dem Freiberufler ein, auch wenn er schon zum Teil Jahre lang in Projekten für das Unternehmen tätig ist." Auch das Insolvenzrecht engt den Handlungsspielraum erheblich ein, weiß Palic: „Wenn Freiberufler die Leistung nicht erbringen und so die Insolvenz beschleunigen, könnten sie belangt werden."

Rechtsforum zur Reutax-Insolvenz

Die COMPUTERWOCHE bietet bis Freitag, 5. April, ein Rechtsforum zur Reutax-Insolvenz an. Freiberufler können ihre Fragen stellen, der Münchner Rechtsanwalt Dr. Oliver Stöckel antwortet.