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Rettung der Fiscus GmbH ist gescheitert

14.09.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der Versuch, die Fiscus GmbH per Management Buyout (MBO) zu retten, ist gescheitert. Der IT-Dienstleister der obersten Finanzbehörden von Bund und Ländern wird aller Voraussicht nach Ende September 2005 liquidiert. Erst vor wenigen Wochen hatten die vier Mitglieder des Fiscus-Führungskreises Christoph Herr, Franz Walch, Andreas Winkelmann und José-Luis Uzquiano angekündigt, das Unternehmen gemeinsam mit einem Investor erwerben und fortführen zu wollen (siehe auch: "Fiscus-Manager legen Rettungsplan vor"). Nun teilt das Quartett mit, die Verhandlungen seien zu keinem erfolgreichen Abschluss geführt worden. Mit der Fiscus GmbH würden in Kürze mehr als 100 qualifizierte IT-Arbeitsplätze vernichtet.

Das MBO-Team konnte sich demnach nicht mit dem Verkäufer - mit Vertretern der Finanzbehörden aus Bund und Ländern also - über die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Übergangs einigen. Die vier hatten dabei eigenen Angaben zufolge angestrebt, das Unternehmen mit einer Eigenkapitalgarantie zu übernehmen, die deutlich unter den Kosten für einen Sozialplan liegt. Die Fiscus GmbH sollte so die Möglichkeit erhalten, neue Märkte mit Java-basierenden Entwicklungsprojekten anzugehen. Die Hoffnungen ruhten dabei auf öffentlichen Aufträgen von Bundeswehr, Kommunen, Zoll, Polizei oder auch Steuerverwaltungen im Ausland.

Das MBO-Team spricht nun davon, über mehrere Verhandlungsrunden hinweg mit sich ständig verschlechternden Konditionen konfrontiert worden zu sein, die die Liquidität des Unternehmens nachhaltig gefährdet hätten. Durch das Scheitern des Verkaufs würde der Steuerzahler unnötigerweise mit bis zu 15 Millionen Euro belastet. Der bereitstehende Bonner Investor, der die Neuausrichtung von Fiscus zu einem Wachstumsunternehmen geplant und im MBO-Szenario eine wesentliche Rolle gespielt habe, soll sich zurückgezogen haben, als die Bedingungen der Verkäuferseite klar wurden. Damit sei ein Interessent abgeschreckt worden, der bereits bewiesen habe, einen solchen Turn-around hinzubekommen.

Das MBO-Team glaubt, dass die Finanzverwaltung den Verkauf letztendlich nicht gewollt habe. Unklar sei nun, wie die Vorgabe der Finanzministerkonferenz vom 23. Juni 2005 umgesetzt werden soll, der zufolge die Fiscus GmbH sozialverträglich zu liquidieren ist. Außerdem zweifelt das Team, dass die Pflege und Weiterentwicklung bereits laufender Anwendungen auch nach der Liquidation erfolgen kann.

Das Fiscus-Projekt ("Föderales integriertes standardisiertes computerunterstütztes Steuersystem") verfolgte seit Anfang der 90er Jahre das Ziel, eine bundesweit einheitliche Steuersoftware für alle Finanzämter zu entwickeln. Doch schon bald gefährdeten Streitereien und Kompetenzgerangel das Vorhaben, weshalb die GmbH gegründet wurde, um die Entwicklung zentral zu steuern und voranzutreiben (siehe auch: "Länder reißen Fiscus-Projekt an sich").

Doch dies misslang. Bereits vor über einem Jahr degradierten die Finanzminister Fiscus zum reinen IT-Dienstleister, der von den einzelnen Bundesländern mit Teilaufgaben betraut werden sollte. Die Minister hatten auch gleich einen neuen Namen für ihren Dezentralisierungsplan parat: Mit "Konsens" (Koordinierte neue Softwareentwicklung der Steuerverwaltung) sei man in der Lage, das Ziel einer einheitlichen Software in allen Ländern zu erreichen, hieß es. Die Fiscus GmbH hatte in diesen Plänen wohl keinen Platz mehr. (hv)