API macht auch hochspezifische Anwenderprogramme möglich

Reichlich Software für die schöne neue Windows-Welt

24.07.1992

Neben den hergebrachten zeichenorientierten Programmen für MS-DOS-Systeme hat sich ein neuer Softwaremarkt für die IBM-kompatiblen Geräte entwickelt. Immer mehr Programme setzen für ihren Einsatz die grafische Benutzeroberfläche MS Windows voraus.

Die noch sehr junge PC-Industrie braucht Mythen, Sagen und Anekdoten wohl dringender als Umsatzwachstum. Jedenfalls gibt es Geschichten, die immer wieder die Runde machen und die hervorragend dafür geeignet sind, sich als Insider darzustellen. Eine dieser Geschichten hat ein Streitgespräch zwischen den Firmengründern Steve Jobs (Apple) und Microsoft- Gründer Bill Gates (Microsoft) zum Gegenstand. Jobs habe mit allen Tricks versucht, Gates davon abzubringen, ein Programm mit der Bezeichnung Windows zu entwickeln. Interessant an dieser Anekdote ist der Zeitpunkt, zu dem sie stattgefunden haben soll: Man sagt, es sei 1982 gewesen - zwei Jahre bevor der erste Macintosh und die erste Windows-Version das Licht der Welt erblickten.

Mittlerweile hat es den Anschein, als würden PCs unter Microsofts Windows und Apples Mac das Geschäft mit den Neukäufen exklusiv untereinander ausmachen. Dabei wird der Markt für Windows-Software zunehmend heißer umkämpft. Schließlich gibt es etwa zehnmal so viele IBM-kompatible Rechner, wie es Macs gibt. Doch der Kampf tobt: Noch vor gut zwei Jahren galt der Mac - damals zu teuer für den Normalanwender - als die einzige komfortable Möglichkeit, Daten zu verarbeiten. Erst die Markteinführung von Windows 3.0 im Mai 1990 brachte diesen Komfort auf den PC. Und das so nachhaltig, daß die Mac Preise inzwischen fast jeden PC-Preis unterbieten. Windows ist als Programm schwer einzuordnen. Es vereinigt verschiedene Aspekte in einem Paket, in dem außerdem eine Handvoll praktischer Zusatzprogramme zu finden sind. Die drei Hauptaspekte von Windows sind seine Benutzeroberfläche, seine Betriebssystemfunktionen und seine Programmierschnittstelle.

Auf der Betriebssystem-Seite von Windows ist einer der wesentlichen Faktoren für den Erfolg der Umstand, daß das Programm mehr Speicher für Anwendungsprogramme zur Verfügung stellt. Speicher ist eigentlich immer knapp. Schließlich will der Anwender, wenn er sich erst einmal mit der Programmversion, in die er sich gerade eingearbeitet hat, langweilt, schöne neue Programmversionen mit immer mehr Funktionen. Nun kann man Programme nicht nach Belieben optimieren, und so braucht jede neue Version meist mehr Speicher.

Windows 3.0 kam zur richtigen Zeit

Windows 3.0 kam genau zum richtigen Zeitpunkt: Die althergebrachten Standard-Programme waren mehr oder weniger alle im Lauf des Jahres 1989 an die engen Grenzen der von MS-DOS maximal unterstützten 640 KB Arbeitsspeicher gestoßen. Zwar hatten sich Lotus, Intel und Microsoft auf den sogenannten LIM-Standard zur Speichererweiterung geeinigt, doch so richtig unterstützt wurde dieser Standard kaum, setzte er doch voraus, daß mindestens ein Rechner der AT-Klasse (also mit Intels 80286-Prozessor) vorhanden war. Eigentlich war die 640-KB-Grenze ja keine Beschränkung von MS-DOS, sondern wurde seinerzeit vom ursprünglichen PC-Prozessor, dem 8088 diktiert.

So sah die Situation im Herbst 1989 recht trübe aus: Die langerwartete Version 3.0 von Lotus 1-2-3 setzte einen nach LIM-Spezifikation erweiterten Speicher voraus und Lotus mußte sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, man lasse die installierte Basis im Regen stehen. Daran änderte auch die nachgeschobene Version 2.2 nichts. Die gab sich zwar mit 640 KB RAM zufrieden, bot aber nicht die schönen neuen Funktionen.

Ashton-Tate ging mit der nicht weniger lang erwarteten Version Dbase IV andere Wege: Das Programm arbeite mit 640 KB, wurde gesagt, LIM sei nicht erforderlich und werde nicht unterstützt. Es stellte sich heraus, daß Dbase IV mit 640 KB nur sehr eingeschränkt benutzbar war. Anders wurde das erst 1991 mit Dbase IV 1.1.

Als im Mai 1990 Windows 3.0 vorgestellt wurde, änderte sich die Softwareszene schlagartig: Die Vorversionen von Windows wurden eher als Liebhaberobjekt gehandelt und hatten sich - trotz anderer Konzeption - von GEM, einer grafischen Benutzeroberfläche des Microsoft-Konkurrenten Digital Research nie so recht absetzen können. So könnte niemand Microsoft den Vorwurf machen, es habe nicht daran gedacht, die Investitionen der bisherigen Anwender zu schützen. Kaum jemand nahm bei der furiosen Markteinführung von Windows 3.0 zur Kenntnis, daß Windows mindestens einen 286er und ein Megabyte RAM voraussetzte und erst mit einem 386er und mindesten zwei MB RAM so richtig loslegte.

Das mag auch daran liegen, daß Microsoft mit Windows der damals dümpelnden Hardware-Industrie ein heiß ersehntes Argument für den Verkauf anspruchsvoller Systeme an die Hand gab.

Doch die nahezu freie Verfügbarkeit von Arbeitsspeicher unter MS Windows - immerhin werden maximal 16 Megabyte unterstützt - hat auch Nachteile. Seit die 640-KB-Grenze nicht mehr vorhanden ist, wird es immer schwerer, Entwicklern und Softwarehäusern klarzumachen, daß RAM-Chips nicht auf den Bäumen wachsen. Bereits die erste Generation von Windows-3-Programmen machte die Arbeit mit weniger als vier Megabyte RAM zum Geduldsspiel. Die nun erschienene zweite Generation will noch mehr: Um die Funktionsvielfalt und die Benutzerfreundlichkeit eines Word für Windows in der Version 2.0 in "Echtzeit" zu erleben, sind sechs bis acht Megabyte vonnöten. Doch da die Hardware-Industrie sich wieder einmal im Preiskrieg befindet, kosten die ja nicht mehr so viel.

Ebenso wichtig wie die optimierte Ausnutzung der vorhandenen Hardware, die das Betriebssystem Windows bietet, ist die Benutzeroberfläche. Ähnlich wie beim Macintosh stellt Windows gleiche Befehle auch immer gleich dar.

Einarbeitungszeit wurde enorm reduziert

Dies war und ist vor allem für die Einkäufer in großen Organisationen ein Pluspunkt für Windows. Jedes Programm, ob es sich nun um eine Datenbank oder um eine Textverarbeitung handelt, nutzt immer dieselben Funktionen: Dateien müssen geöffnet, Daten müssen modifiziert und wieder gespeichert werden. Diese Vorgänge müssen unter Windows nicht immer wieder neu gelernt werden. Man weiß ein für allemal, daß die Taste < F1 > die Hilfefunktion auslöst, oder daß ein Programm mit der Tastenkombination <Alt> <F4> beendet wird. Es wurde deutlich, daß sich die Einarbeitungszeit in ein Programm bei einer einheitlichen Gestaltung der Benutzeroberfläche enorm reduziert, daß die Anwender schneller zu Ergebnissen gelangen und die Funktionsvielfalt eines Programmes weit intensiver nutzen, als das vorher der Fall war.

Ein Windows-Nachteil gegenüber dem Macintosh ist hier allerdings anzumerken. Während Apple für die Entwickler von Mac-Programmen rigide Designvorschriften erlassen hat, begnügt sich Microsoft mit eher unverbindlichen Empfehlungen.

Natürlich kann auch Apple niemanden dazu zwingen, ein Anwenderprogramm exakt nach ihren Vorstellungen zu entwickeln. Doch die Drohung, daß Programme, die sich nicht geradezu sklavisch an die Vorschriften halten, womöglich von der nächsten Betriebssystemversion nicht mehr unterstützt werden, wirkt Wunder. Immerhin gibt Apple sehr viel häufiger neue Betriebssystemversionen heraus und kündigt nicht unbedingt jede Version an. Es gibt auch schon mal sogenannte "stille Updates": So werden beispielsweise vom Tag X an Macs nicht mehr mit der Systemversion 7.0 ausgeliefert, sondern mit 7.01.

Microsoft dagegen bemüht sich nach Kräften, alles zu unterstützen, was je unter Windows gelaufen ist. Das gibt den Entwicklern die Möglichkeit, eigene Wege zu gehen, was im Einzelfall zwar sinnvoll sein mag, für den Anwender aber den Vorteil der einheitlichen Benutzerführung relativiert.

Bleibt noch der dritte Windows-Aspekt: die Programmierschnittstelle, kurz API (Application Programming Interface). Unter dieser Schnittstelle muß man sich eine Sammlung von Funktionen vorstellen, die zu Windows gehören und von jedem Programm aus aufgerufen werden können. Dieses API ist unerläßlich dafür, daß Windows-Programme sich überhaupt ähneln. Um eine Datei aus einer ganzen Liste von Dateien - einem Unterverzeichnis etwa - auszuwählen, muß diese Liste dargestellt werden.

Nun könnte jeder Programmierer hingehen und seine persönlichen Vorstellungen davon realisieren, wie denn so eine Dateien-Liste auszusehen hat. Bei Programmen, die nicht unter Windows laufen, kann man sich die sandbreite der Möglichkeiten sehr schön vor Augen führen. Das bietet zwar dem Programmierer einen gewissen Freiraum zur Entfaltung seiner Persönlichkeit, dem Anwender ist jedoch damit nicht gedient.

Windows stellt dem Programmierer fertige Listenfenster zur Verfügung, die er zwar immer noch auf die Bedürfnisse seines

Programmes anpassen muß, die aber alle nötigen Fähigkeiten besitzen und leicht einzubinden sind. Das gilt für alle Elemente, die die Oberfläche eines Windows-Programmes ausmachen, wie Radio-Buttons, Check-Boxen und sofort, aber auch für die Funktionen unter der Oberfläche.

So besitzt Windows in der Version 3.0 die sogenannte DDE-Funktion. DDE steht für den dynamischen Datenaustausch (Dynamic Data Exchange) und ermöglicht den Austausch von Daten zwischen verschiedenen Anwendungen.

Mit DDE ist es zum Beispiel möglich eine Grafik, die Umsatzzahlen in einem Bericht darstellen soll, unmittelbar dann anzupassen, wenn die Zahlen in der Tabellenkalkulation, auf der die Grafik aufbaut, aufgefrischt werden. In der aktuellen Windows-Version 3.1 wurde der DDE-Funktion das wesentlich leistungsfähigere und komfortablere OLE (Object Linking and Embedding) beigegeben. Damit ist es nun möglich, in der Textverarbeitung mit der Maus auf die Grafik zu klicken und damit sofort auf das Ursprungsprogramm zuzugreifen.

Sicherlich sind Funktionen die den Datenaustausch zwischen verschiedenen Applikationen ermöglichen, auch in Programmen möglich, die nicht unter Windows arbeiten. Das zeigen einige integrierte Softwarepakete recht anschaulich. Weil diese Funktionen bereits Bestandteil von Windows sind, können auch kleine Firmen ohne große Entwicklerabteilungen, spezifische Programme, die sie für Kunden schreiben, mit der nötigen Professionalität und Funktionsvielfalt ausstatten.

So ist gerade durch das Windows API eine mittlerweile nicht mehr überschaubare Vielzahl von hochspezifischen Anwenderprogrammen entstanden.

Textverarbeitungen

Es gilt als gesichert, daß auf fast jedem PC Textverarbeitung erledigt wird. Trotzdem waren unter Windows 3.0 lange nur zwei Textverarbeitungen verfügbar: Ami-Pro, von Lotus vertrieben, und Winword, MS Word für Windows.

Erst ein gutes Jahr nachdem Windows 3.0 vorgestellt worden war, konnten die altbekannten Textverarbeitungsspezialisten wie Wordperfect oder Wordstar nachlegen. Letzterer schaffte den Sprung in die Windows-Welt übrigens nicht aus eigener Kraft: Von NBI wurde der Quelleode von der Textverarbeitung Legacy gekauft. Während einer Zwischenphase, in der "Wordstar Legacy" in den Regalen stand, wurde das Programm Word-Star für Windows aus dem zugekauften Code entwickelt.

Auch bei Wordperfect lief die Entwicklung von Wordperfect für Windows so schleppend, daß Microsoft mit Word für Windows genug Zeit hatte, den deutschen Markt zu erobern. Inzwischen schätzen Branchenkenner, daß Microsoft Monat für Monat mehr Word für Windows als Word für DOS an den Mann bringt.

Datenbanken

Im drittgrößten Marktsegment für Anwenderprogramme steht für das letzte Quartal 1992 ein ziemlicher Marketing-Krieg ins Haus. Keine der bisher verfügbaren Windows-Datenbanken hat es geschafft, sich in diesem Segment tatsächlich zu etablieren und Anwender von DOS-Datenbanken zu Windows herüberzuziehen. Ende des Jahres wird nun Borland eine Windows-Version des ehemaligen Ashton-Tate-Renners Dbase vorstellen und gleichzeitig auch das selbst entwickelte Paradox für Windows auf den Markt bringen. Microsoft kontert mit der Eigenentwicklung Cirrus (das ist immer noch der Code-Name) und legt nach der Fusion mit Fox Software mit einer Windows-Version des Dbase-Killers Foxpro nach.

Alle vier Programme wurden bereits vor mehr oder minder großem Publikum gezeigt, dennoch ist offen, wer als erster liefern wird und sich damit in die Pool-Position für Windows-Datenbanken bringt.

Tabellenkalkulation

Das erste weitverbreitete Windows-Programm überhaupt hieß Excel, kam von Microsoft und war aus einem Macintosh-Programm hervorgegangen. Lange bevor Windows 3.0 für Furore sorgte, gehörte Excel schon zu den Standardprogrammen. Das funktionierte mit Hilfe einer sogenannten Runtime-Version: eine abgespeckte Windows-Version mit stark eingeschränkter Funktionalität, die nicht viel mehr konnte, als Excel laufen zu lassen.

Nur wenigen Excel-Anwendern war damals klar, daß sie mit ihrer Tabellenkalkulation auch ein Betriebssystem starteten. Mit der Einführung von Windows 3.0 kam eine erweiterte Excel-Version auf den Markt, die auf der Erfolgswelle von Windows 3.0 mitschwamm. Diese Tatsache und die Fehleinschätzung von Lotus (man hatte sich auf die Entwicklung einer OS/2-Version von 1-2-3 konzentriert und war so zu spät mit einer Windows-Version auf dem Markt) dürften dafür verantwortlich sein, daß MS Excel jetzt den Tabellenkalkulationsmarkt in Deutschland beherrscht.

DTP-Software

Die Desktop-Publishing-Programme stellen- wie so oft - auch unter Windows einen Sonderfall dar. Ähnlich wie MS Excel bei den Datenbanken hat der Pagemaker von Aldus eine Windows-Geschichte, die vor die Markteinführung von Windows 3.0 im Mai 1990 zurückreicht.

Obwohl der Macintosh lange Zeit - für viele Anwender bis heute - als die bessere Hardwarebasis für DTP-Systeme galt, konnte Pagemaker Windows doch immer wieder Achtungserfolge erzielen. Mittlerweile können die Systeme als gleichwertig gelten. Ein leichter Vorteil ist dennoch auf der Macintosh-Seite zu verbuchen, denn die Entwicklung von neuen Versionen von DTP-Programmen beginnt immer noch auf dem Macintosh und wird dann mit einiger Verspätung auch unter Windows realisiert. Einzige Ausnahme ist hier der Ventura Publisher von Xerox. Dieses Programm kommt vom PC, wurde da aber lange Zeit mit dem Windows-Konkurrenten GEM eingesetzt.

Die Übertragung des Programmes von GEM nach Windows erfolgte zu spät, als daß der Ventura Publisher dem Marktführer Pagemaker hätte gefährlich werden können.