Damaliger HP-Chairman

Ray Lane wollte Übernahme von Autonomy verhindern

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2011 kaufte Hewlett-Packard die britische Softwareschmiede Autonomy für 11 Milliarden Dollar.

Aus neu veröffentlichten Dokumenten geht jetzt hervor, dass der damalige Vorsitzende des Verwaltungsrats von Hewlett-Packard, Ray Lane, den desaströsen Deal offenbar unbedingt noch in letzter Sekunde verhindern wollte. Am 17. August 2011, einen Tag vor der Bekanntgabe der Übernahmepläne, berief Lane ein "außerordentliches Board-Meeting der externen Direktoren" ein und begründete dies mit "neuen Nachrichten, die ich noch zu verdauen versuche". Leider gibt es zu der Telefonkonferenz keine Mitschriften. Es ist auch nicht klar, welche schlechten Nachrichten Lane erhalten hatte.

Ray Lane (2013)
Ray Lane (2013)
Foto: Hewlett-Packard

Der Chairman hatte die Übernahmepläne eigentlich frühzeitig unterstützt und noch am 13. August das Angebot für Autonomy nachbessern lassen, nachdem die Briten HPs vorige Offerte verschmäht hatten. Diese Details gehen aus einer Analyse der Transaktion hervor, welche die HP-Kanzlei Proskauer Rose LLP im Auftrag des Konzerns Anfang 2014 und damit lange nach HPs Abschreibung von 8,8 Milliarden Dollar auf den Kauf erstellt hatte. Diese wurde nun zusammen mit anderen Unterlagen Ende August von einem kalifornischen Bundesgericht in einer laufende Aktionärsklage zu dem Deal veröffentlicht und vergangene Woche publik, wie das "Wall Street Journal" am Wochenende berichtete.

Am Tag nach der Ankündigung der Akquisition und anderer strategischer Entscheidungen des damaligen HP-Chefs Leo Apotheker verlor die Aktie von Hewlett-Packard 20 Prozent an Wert. HP feuerte Apotheker wenige Wochen später. Lane trat 2013 als Chairman ab, blieb aber im Verwaltungsrat. Der Konzern steht weiter auf dem Standpunkt, Autonomy habe seine Bilanzen frisiert und für einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren gut 700 Millionen Dollar zu viel Umsatz ausgewiesen. Früher in diesem Jahr verklagte er deshalb den einstigen Autonomy-Chef Mike Lynch und seinen früheren Finanzchef Sushovan Hussain auf mehr als 5 Milliarden Dollar Schadenersatz.

Die jetzt veröffentlichten Unterlagen enthalten auch ein für HP angefertigtes Gutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG zu der Übernahme. Darin steht, Autonomy habe nicht einmal die Hälfte der von KPMG angefragten Informationen geliefert und sei unter anderem Auskünfte zur Umsatzermittlung, Kosten und Management-Prognosen schuldig geblieben. CEO Apotheker habe dieses Dokument nicht gelesen. Hätte er, dann hätte er "eine klarere Vorstellung davon gehabt, worauf er sich einließ", sagte Autonomys früherer COO Andy Kanter Ende vergangener Woche in einem Interview.

Das "WSJ" hatte zudem schon 2013 berichtet, externe Wirtschaftsprüfer hätten festgegehalten, dass ein Manager von Autonomy seinem Arbeitgeber vorwarf, dieser frisiere die Bilanzen. Das drang zwar auch bis zu HP durch, wurde aber angeblich nicht ans Board oder an CEO Apotheker weitergegeben.

Lynch und Hussain jedenfalls sind sich bezüglich der Vorwürfe von HP noch immer keiner Schuld bewusst. Und auch Ex-COO Kanter sieht die entstandenen Probleme vor allem bei Hewlett-Packard. "Als wir die Transaktion eingetütet haben, machten wir das mit einem CEO, der extrem Software-fokussierrt war. Wir hätten uns nie vorstellen können, dass schon Wochen nach dem Deal diese Vision in Stücke gerissen sein würde."