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Ray Lane: Oracles Nummer zwei packt aus

30.11.1999
Interview zum Kartellverfahren, Linux, SAP, HPs CEO-Suche und Larry Ellison

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Seine Position als Nummer zwei hinter Oracle-Chef Larry Ellison veranlaßt Ray Lane nicht zur Zurückhaltung bei seinen Äußerungen. Im Gegenteil: der COO (Chief Operating Officer) des Datenbankspezialisten ist bekannt für seine schonungslose Direktheit. Diese stellte Lane unlängst in einem Interview mit der CW-Schwesterpublikation "Computerworld Hong Kong" unter Beweis, als er Microsoft verbale Ohrfeigen verpaßte, seine Einschätzung zu Linux und SAP abgab, sich zur Chef-Suche von Hewlett-Packard sowie Compaq äußerte und aus dem Nähkästchen der Zusammenarbeit mit Ellison plauderte.

CW: Was sagen Sie zu den Ergebnissen im Microsoft-Kartellverfahren?

LANE: Ich halte sie für korrekt. Wir sind schon lange der Meinung, daß Microsoft das Gesetz gebrochen hat. Was außerhalb der USA wahrscheinlich nicht verstanden wird, ist die Tatsache, daß wir hier Monopole haben und dies akzeptieren. Aber als Monopolist darf man sich nicht das erlauben, was Nicht-Monopolisten dürfen. Bei uns gilt für Monopolisten, das in dieser Position generierte Geld darf nicht zur Finanzierung anderer Geschäftsinteressen herhalten. Und das ist ganz eindeutig die Art und Weise, wie Microsoft das Gesetz gebrochen hat. [...]

Gates war heute morgen in der Sendung "Good Morning America". Daß seine PR-Abteilung ihn überhaupt vor eine Kamera gestellt hat, ist wirklich unglaublich, wird er doch zur Zeit ohnehin von allen Seiten attackiert. Die Moderatorin Diane Sawyer hat ihm keine Pause gegönnt. Ich habe tatsächlich Mitleid mit ihm gehabt. Er redete von Innovationen - tatsächlich ging es um alte Kamellen. Windows hätte das Internet geöffnet und Netscape ein Wachstum bis zu einem Verkaufspreis von zehn Milliarden Dollar ermöglicht. Gates sieht dies als sein Verdienst an.

Ich glaube, es geht hier nicht einmal um die Zerschlagung von Netscape. Die Regel, die hier eigentlich gebrochen wurde, ist ganz klar die Ausnutzung der Monopolstellung: Mangels Wettbewerb werden 50prozentige Gewinnmargen erzielt und dieses Geld wird in die Finanzierung der Bereiche gesteckt, in denen man ganz offensichtlich nicht konkurrenzfähig ist.

Wir haben mit unseren Partnern gesprochen. Es gibt wahrscheinlich niemanden auf dieser Konferenz [Oracle Open World], der kein Angebot von Microsoft erhalten hat: "Hier sind 10 000 Dollar oder zehn Millionen Dollar. Wir zahlen für euer Marketing, ihr müßt nur eure Anwendungen für unser Betriebssystem entwickeln."

CW: Was antworten Sie demjenigen, der behauptet, Sie müßten Microsoft dankbar für ein innovatives Betriebssystem sein, das Oracle in die Lage versetzt, viel mehr Lizenzen zu verkaufen, als es sonst möglich gewesen wäre? Gerade auch an kleinere Unternehmen, die Oracle sonst vielleicht nicht als Kunden gewonnen hätte?

LANE: Ich würde sagen, Sie machen Witze. Wir waren gezwungen, eine komplett andere Version von Oracle zu entwickeln. Wir arbeiten auf einer Sun-Solaris-Plattform und portieren unsere Programme dann auf die anderen Plattformen - das hält die Entwicklungskosten niedrig und funktioniert auf allen Systemen. Nur für Windows NT müssen wir eine komplett eigenständige Variante bauen. Klar eröffnet dies einen neuen Markt, aber ist das wirklich notwendig oder innovativ? Ich glaube nicht. Es handelt sich nur um ein anderes Betriebssystem, für das wir entwickeln müssen. [...]

CW: Aber durch den Verkauf von Oracle für Windows NT fahren Sie doch Umsätze ein, die Sie sonst nicht erzielt hätten?

LANE: Dann hätte es irgend etwas anderes gegeben.

CW: Wie schätzen Sie die Bedeutung von Linux ein?

LANE: Es ist wettbewerbsfähig, wächst enorm und hat die größte Anhängerschaft bei den Software-Entwicklern. Es wäre dumm, diese Marktkraft zu ignorieren. Viele Leute machen den Fehler, den Erfolg von Linux mit dem Erfolg von Freeware und Open-Source gleichzusetzen. Das ist zwar eindeutig eine Entwicklung, aber das Schöne an dem Linux-Modell ist doch, daß man damit Geld verdienen kann - etwa beim Support.

CW: Nun zu Ihrer Konkurrenz: Glauben Sie, daß sich in bezug auf die Mitbewerber im Datenbankgeschäft die traditionelle Positionierung von Oracle gegenüber Anbietern wie Sybase und Informix langsam verschiebt?

LANE: Sie hat sich bereits verschoben. Sybase und Informix sind inzwischen wirklich irrelevant für uns. Das soll nicht abfällig wirken, aber eigentlich hat Sybase fast schon zugegeben, sich aus dem Datenbankgeschäft zurückzuziehen - die konzentrieren sich jetzt auf Mobile Computing und Ähnliches, und sind wirklich gut darin. Informix behauptet zwar immer noch, sie seien die Datenbank des Internet, aber das ist lächerlich. Die Datenbankkonkurrenten von heute sind Microsoft und IBM. Wir haben beiden gegenüber einen großen Marktvorsprung.

CW: Und wie sieht es mit der Konkurrenz im ERP-Markt (Enterprise Resource Planning) aus?

LANE: Die traditionellen ERP-Wettbewerber waren SAP, Peoplesoft, Baan, J.D. Edwards. SAP ist immer noch ein starker Konkurrent aufgrund der großen Kundenbasis. Aber SAPs [...] Lizenzwachstum ist im letzten Jahr um 20 Prozent zurückgegangen, wir haben um 20 Prozent zugelegt. [...] Peoplesoft und Baan sind weitgehend weg vom Fenster.

CW: Ihr Name wurde vielerorts erwähnt, als sowohl HP als auch Compaq einen neuen CEO (Chief Executive Officer) suchten. Können Sie uns einen kleinen Blick hinter die Kulissen geben, wie nah dran Sie waren, diese Positionen zu besetzen?

LANE: HP war näher dran als Compaq. Entscheidend war aber letztlich, was ich mir für die nächsten fünf Jahre vorstellen konnte. [...] HP ist eine großartige Firma, aber sie besteht nur zu 25 Prozent aus dem Geschäft, das ich wirklich kenne - diese 25 Prozent sind Server. Weitere 25 Prozent sind PCs und die restlichen 50 Prozent sind Drucker. Für mich war es einfach nicht attraktiv genug, Drucker für den Massenmarkt zu verkaufen. Es geht nicht nur ums Geldverdienen oder darum, CEO zu sein. Es geht um das, was einem Spaß macht.

CW: Hat HP Ihnen den Job angeboten?

LANE: Ja. Aber es muß Spaß machen. Wenn man 52 Jahre alt und finanziell versorgt ist, geht es nur noch um den Spaß. [...] Mit Compaq war es anders. Die Aufgabe dort hätte mehr Spaß gemacht, weil es um eine Reorganisation des Unternehmens ging. Hinderungsgrund hier wäre das PC-Geschäft gewesen - und Houston. Ich habe 20 Jahre lang in Texas gelebt und will nicht unbedingt dahin zurückgehen.

CW: Hat Compaq Ihnen den Job formell angeboten?

LANE: Nein.

CW: Ist es nicht frustrierend, in einem Unternehmen die Nummer zwei zu sein, wenn sie eine andere Meinung als der Chef haben? Wartet man nicht ungeduldig darauf, selbst der Chef zu sein?

LANE: Sicher gibt es Momente, in denen ich keine Zeit für Überzeugungsarbeit aufwenden möchte. Ich würde viel lieber einfach das tun, was ich für notwendig erachte. Aber so sind nun mal die Spielregeln - und ich habe immer verstanden, wer der Boss ist. Und am Ende des Tages gilt seine Entscheidung, wenn ich ihn nicht überzeugen kann. Als CEO einer Software-Company wüßte ich längst nicht soviel wie Larry darüber, wie man Produktentscheidungen fällt, die Zukunft von Produkten bestimmt und wie man solche gigantischen Wetten auf Produkte abschließt, wie er es macht. Aber ich kenne den Kunden und weiß genau, wie man ihn gewinnt und bedient. Solange Larry und ich hier Synergien erzeugen, profitieren die Aktionäre. [...] Es ist wie eine Ehe.

CW: Was wünschen sich ihre Kunden am meisten?

LANE: Ich würde sagen, sie wünschen sich einen noch besseren Support. Sie wollen uns anrufen und die Lösung für ihr Problem haben. Sie verlangen, daß die Produktqualität noch weiter verbessert wird. Wir haben einen sehr guten Job gemacht und meiner Meinung nach die Qualität um einiges gesteigert. Anwender wollen aber immer noch mehr davon - und das bei niedrigen Preisen.

CW: Wie groß sind die Chancen, daß die Preise sinken?

LANE: Es sieht gut aus. [...] In sechs Monaten werden wir in dieser Richtung ziemlich aggressiv vorgehen.