Kreative Köpfe haben's schwer

Querdenker sind lästig, aber wichtig

Renate Oettinger ist Diplom-Kauffrau Dr. rer. pol. und arbeitet als freiberufliche Autorin, Lektorin und Textchefin in München. Ihre Fachbereiche sind Wirtschaft, Recht und IT.

Zu ihren Kunden zählen neben den IDG-Redaktionen CIO, Computerwoche, TecChannel und ChannelPartner auch Siemens, Daimler und HypoVereinsbank sowie die Verlage Campus, Springer und Wolters Kluwer.
Nach vorne denkende Mitarbeiter haben in der Firma meist schlechte Karten. Dabei sorgen sie für Innovationen, sagt Jens-Uwe Meyer.

Eine neue Studie zeigt: Kreative und innovative Mitarbeiter werden in Unternehmen oft ausgebremst. Doch zunehmend ändert sich dies. Unter anderem weil viele Unternehmensführer erkennen: Querdenker sind keine Querulanten - obwohl sie zuweilen die Routine stören.

Mit Querdenkern arbeiten, kann für andere Kollegen eine Herausforderung sein.
Mit Querdenkern arbeiten, kann für andere Kollegen eine Herausforderung sein.
Foto: Orlando Florin Rosu - Fotolia.com

Richard P., ein 39-jähriger Softwareingenieur, gehört zu den Mitarbeitern, die sich ein Unternehmen wünscht: Er überlegt ständig, wie man Dinge besser machen kann. "Mich reizt es, elegantere Lösungen zu finden", sagt er. In jedem Einstellungsgespräch würde er mit dieser Eigenschaft punkten. Doch im Arbeitsalltag geht er hiermit seinen Chefs und Kollegen auf die Nerven. Und mit seinen Ideen blitzt er regelmäßig ab. So zum Beispiel, als er seinem Vorgesetzten vorschlug, das Team anders zu strukturieren, um das Potenzial der Mitarbeiter besser zu nutzen: Sein Chef fühlte sich kritisiert und war beleidigt. Und als er mit neuen Produktideen kam, bekam er zu hören: "Dafür sind Sie nicht zuständig."

Richard P. ist kein Einzelfall. Unternehmen betonen zwar immer wieder, wie wichtig kreative Mitarbeiter sind. Doch wenn diese Ideen äußern, dann werden sie schnell ausgebremst. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung "die Ideeologen" zeigt: Nur bei 29 Prozent aller Unternehmen ist kreatives Denken hoch angesehen. Und nur 24 Prozent würden sich trauen, einen "Querdenker" einzustellen. Die anderen Firmen schätzen kreative Köpfe nur solange, wie sie sich an die Regeln halten und ihre Ideen nicht wirklich etwas verändern. In vier von fünf Unternehmen ist ein "Regelbruch" - die Voraussetzung für viele kreative Ideen - weitgehend tabu. Und in immerhin 35 Prozent ist Kreativität sozusagen nur "nach Vorschrift" erlaubt.

Für die Studie "Erfolgsfaktor Innovationskultur" wurden im Frühjahr und Sommer 2011 knapp 200 Ideen- und Innovationsmanager sowie Top-Manager deutscher Unternehmen befragt. Die Ergebnisse zeigen, warum es neue Ideen in Unternehmen oft so schwer haben.

Passive "Innovatoren" überwiegen

In der Studie konnte jedes fünfte Unternehmen (knapp 21 Prozent) als "proaktiver Innovator " identifiziert werden. In solchen Unternehmen fühlt sich Richard P. wohl: Das Top Management hat ehrgeizige Ziele, alle Mitarbeiter arbeiten mit Hochdruck an neuen Ideen, Mitarbeiter initiieren eigene Innovationsprojekte und treiben sie aktiv voran. Hier fallen Ideen auf fruchtbaren Boden.

Anders ist dies bei den "passiven Innovatoren" (36 Prozent der Unternehmen). Sie betreiben Neues ohne Ehrgeiz und Leidenschaft. Zudem wird Innovation von oben kaum gefördert. Die Ideen von Richard P. kämen bei passiven Innovatoren nur gut an, wenn sie "nach Vorschrift" entwickelt wurden und wenig ändern.

Rund ein Viertel der Unternehmen gehört zu den "reaktiven Innovatoren". Dort ist die gesamte Unternehmenskultur nur darauf ausgerichtet, zu reagieren - zum Beispiel auf Anordnungen der Geschäftsleitung. Kreative Köpfe wie Richard P. können hier Erfüllung finden, solange ihnen die (von oben initiierten) Projekte Spaß machen. An ihre Grenzen stoßen sie, wenn sie sich verwirklichen und eigene Projekte starten möchten.

Im Gegensatz dazu fehlen den "Zufallsinnovatoren" (16 Prozent der Unternehmen) die Ziele. Es gibt Mitarbeiter und Teams, die Ideen entwickeln - meistens in ihrem Wirkungsbereich. Sie sind kreativ, aber die Vorgaben aus der Chefetage fehlen. Hier hätte Richard P. am Anfang Spaß: Er könnte Ideen entwickeln und versuchen, sie umzusetzen. Nur ob seine Ideen auf Resonanz stießen, das wäre eher eine Frage des Zufalls. Bei Zufallsinnovatoren frustrieren kreative Köpfe oft daran, dass niemand sie beachtet.

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