Professor Dierkes auf dem Maschinenbautag '80 des VDMA in Berlin:

Psychologie als Akzeptanzförderer einsetzen

07.11.1980

BERLIN - Die schwierige Aufgabe, in der Öffentlichkeit für eine verbesserte Bereitschaft zur Akzeptanz neuer Technologien zu sorgen, könnte gelöst werden, indem die Verantwortlichen den Bürger in geeigneter Weise informieren und damit zugleich eine Bewußtseinslage schaffen, auf deren Basis Die Einführung einer neuen Technologie angegangen werden kann. Diese These vertrat Professor Dr. Meinolf Dierkes, Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin, als Gastreferent auf dem Maschinenbautag '80 des Vereins Deutscher Maschinenbau-Anstalten (VDMA) e. V. in Berlin.

Betont neutral und fachübergreifend ging Professor Dierkes das Thema "Wahrnehmung und Akzeptanz technologischer Risiken" an. Vor rund 60 Zuhörern aus Wirtschaft und Verwaltung konzedierte er einleitend,

- es sei nach dem Stand der Wissenschaft allenfalls ein "Werkstattbericht", den er vorzutragen habe,

- die öffentliche Diskussion über diesen Themenkreis verlaufe stark emotionsgeladen und

- man habe die Bedeutung des Themas allgemein erst spät erkannt.

Im Vordergrund - so Dierkes - stehen die Generalfragen "Wie sicher ist sicher?" und "Wer legt fest, was wann sicher ist?". Den gesellschaftlichen Fortschritt als allgemein anerkannten und verbindlichen Antwortgeber sieht Dierkes nicht.

Skeptische Sympathie

Der Wissenschaftler versuchte in Umrissen klarzumachen wie in der Öffentlichkeit Fragen neuer Technologien bewertet werden: Drei Viertel der Europäer, so haben Umfragen ergeben, zeigen gegenüber Wissenschaft und Technik eine positive Grundeinstellung, zwei Drittel aber sehen mit stetig neu hinzukommenden Entwicklungen auch Risiken entstehen.

Der Kenntnisstand in der Bevölkerung scheint generell schmal zu sein und die zwischen Experten und Laien zu beobachtenden Bewertungsunterschiede bei den einzelnen Risikofaktoren (Röntgen, Kernkraft, Rauchen. . . ) dürften auf die stark subjektiv beeinflußten Erwägungen - fußend auf persönlich gemachten Erfahrungen/Nichterfahrungen - der Nichtfachleute zurückgehen.

Sollte man Laien deshalb von vornherein von Entscheidungen ausschließen? Dierkes widerspricht dem energisch; denn Laien seien es gewesen die in vielen bedeutsamen Fällen Transparenz in diffuse Entscheidungsprozesse gebracht hätten.

Man müsse auch nüchtern hinzufügen, mahnt der Professor, daß die Grundlagen der Wissenschaft für gesicherte Entscheidungen noch keineswegs breit genug seien (Beispiel: Ökosysteme) und die stets neu hinzukommenden Einzelerkenntnisse nicht immer auch mehr Licht ins Dunkel brächten. Angesichts des aus diesem Grund kontinuierlich größer werdenden Dilemmas der Entscheidungsträger bot Dierkes an, das psychologische Gefahrenbewußtsein der Öffentlichkeit in den Dienst der Sache zu stellen (obwohl die Medien mit ihren "bad news" hier schon viel Flurschaden anrichteten).

DV mit Image der Unkontrollierbarkeit

Dierkes "Wegmarken zur Lösung": Befriedigung des Sicherheits- und Nutzenbedürfnisses der Bürger durch

- rechtzeitige, umfassende und beharrliche Information,

- aufmerksame Beobachtung des Meinungsbildungsprozesses,

- Untersuchung individueller Risikolagen und Anbieten eines individuellen Risikoausgleichs.

Nixdorf-Vorstand Helmut Rausch, der in der anschließenden Aussprache bedauerte, daß die DV "noch" als Großtechnologie betrachtet werde, stieß auf Dierkes Widerstand: Datenverarbeitung sei beispielsweise der Nukleartechnologie nicht unähnlich, da der Normalbürger beide als wenig kontrollierbar ansehe. Deshalb - so Dierkes - könne es auch nicht so sehr darum gehen, Irrationalität abzubauen, wie Rausch dies fordere, als vielmehr Entscheidungsvorgänge offener für die Allgemeinheit zu gestalten.

Die Akzeptanz neuer Technologien ist nach Dierkes Auffassung am besten zu erreichen durch vorbehaltlose Information - auch über den jeweiligen "Ernstfall". Dies zeige nicht zuletzt das Beispiel des Bildschirms, der über den heimischen Fernseher stundenlanges Vergnügen, am Arbeitsplatz aber permanenten Kopfschmerz bereiten könne, wenn Angst vor negativen beruflichen Entwicklungen im Spiel sei.