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Wenn Leonardo gebloggt hätte

Projekt gegen digitales Vergessen

27.07.2012
Blogs sind ein Spiegel der Zeit: Weltweit gibt es mehr als 200 Millionen Blogs. Doch viele der Gedanken und Diskussionen, die darin gesammelt sind, gehen irgendwann verloren. Ein von der EU gefördertes Projekt will dieses digitale Erbe bewahren.
Blogforever will eine Lösung entwickeln, um Blog-Inhalte zu langszeitarchivieren.
Blogforever will eine Lösung entwickeln, um Blog-Inhalte zu langszeitarchivieren.

Was wäre, wenn Leonardo da Vinci seine kühnen Konstruktionen und faszinierenden anatomischen Studien nicht auf Papier festgehalten hätte, seine "Mona Lisa" nicht auf Leinwand? Sondern in einem Blog? Gut möglich, dass die Nachwelt wenig vom Universalgenie wüsste. Denn viele digitale Inhalte verschwinden irgendwann im Nichts, und mit ihnen ein authentischer Blick auf die Welt. Gegen dieses Vergessen arbeitet das von der EU unterstützte Projekt Blogforever: Es soll ein System entwickeln, um die Einträge in Blogs für die Ewigkeit zu sichern - ob genial oder trivial.

Die Blogosphäre ist für Vangelis Banos so etwas wie ein Spiegel der Welt: "Sie enthält einen unschätzbaren Reichtum an Informationen über tägliche Nachrichten, Gesellschaft und Wissenschaft", sagt der Projektmanager von Blogforever. Mehr als 200 Millionen Blogs gibt es weltweit, vermutet der Grieche - und das sei zurückhaltend geschätzt. Dieses System ist nicht einfach eine Sammlung von Texten, Bildern und Videos: "Es liegt in der Natur des Mediums, dass es Diskussionen und Verbindungen zwischen verschiedenen Themen abbildet."

Doch das System leidet unter Gedächtnisschwund. Zwar haben die Blogeinträge kein Verfallsdatum. Trotzdem gehen immer wieder große Datenmengen verloren, wie bei einem Bibliotheksbrand, sagt Matthias Trier von der Technischen Universität (TU) Berlin: "Einige private Blogbetreiber hören aus finanziellen Gründen auf - zum Beispiel wenn das Unternehmen pleite geht." In Diktaturen schlage oft die Zensur zu und lasse kritische Berichte aus dem Netz verschwinden. Und manch privater Blogger verliert schlicht das Interesse und nimmt seine Texte aus dem Netz.

Mit der Wayback Machine kann man nachsehen, wie eine Webseite vor vielen Jahren ausgesehen hat.
Mit der Wayback Machine kann man nachsehen, wie eine Webseite vor vielen Jahren ausgesehen hat.

Einige Projekte und Bibliotheken archivieren bereits Inhalte aus dem Netz, etwa das Internet Archive, das mit seiner "Wayback Machine" auch eine historische Suche über seine Webseite-Schnappschüsse ermöglicht. Die Deutsche Nationalbibliothek rettet ebenfalls digitale Inhalte von überregionaler Bedeutung vor dem Vergessen. Doch diese Projekte seien auf statische Websites ausgerichtet, sagt Netzwerk-Forscher Trier, der in dem internationalen Projekt mitarbeitet - nicht auf Blogs mit all den Verlinkungen, Kommentaren und Metainformationen wie Schlagwörtern.

Hier setzt Blogforever an. Bis August 2013 wollen die Forscher ein System entwickeln, mit dem sich die Blog-Einträge und Konversationen dauerhaft sichern lassen - "eine simple Lösung, die jeder Nutzer, jede Gruppe oder Institut nutzen könnte, um Blogs zu konservieren", sagt Banos. Wichtig: Die Inhalte sollen authentisch und vollständig erhalten bleiben, leicht zu durchsuchen und zu analysieren sein. Von der quellenoffenen Lösung könnten Bibliotheken, Museen, Universitäten, Unternehmen und Blogger profitieren.

Die EU fördert das Konsortium mit 3,1 Millionen Euro, mit der Eigenbeteiligung der Hochschulen in Thessaloniki, Berlin, London, Glasgow und Warwick kommen 4 Millionen Euro zusammen. Im August 2013 endet die Förderung. "Die EU will eine Startrampe schaffen", sagt Wissenschaftler Trier - von ihr könnten die Macher mit Partnern wie dem Kernforschungszentrum CERN oder der Berliner Mokono GmbH starten und eigene Lösungen entwickeln. Um die Werke des nächsten Leonardo zu bewahren. Und die aller anderen Blogger. (dpa/tc)