Prognose: Microsoft behält den Desktop im Griff

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Amerikanische Analysten geben den Bemühungen der Linux-Protagonisten, Windows von Unternehmens-PCs zu verdrängen, nur geringe Erfolgschancen.

Mit einer spektakulären Ankündigung schaffte es IBM Anfang August in die Schlagzeilen der Fachpresse: Gemeinsam mit den wichtigsten Linux-Distributoren Red Hat, Novell und Canonical (Anbieter von Ubuntu Linux) werde man die Welt von Microsoft-Rechnern befreien, verkündete der IT-Konzern. Die Hoffnungen der Open-Source-Protagonisten ruhen dabei vor allem auf sehr preisgünstigen Rechnern (Ultra-lowcost PCs = ULPCs), die IBM mit angepassten Versionen seiner Collaboration-Software ausstatten will. Dazu gehören Lotus Notes, Symphony und Sametime.

Open Source im Kommen

Das auf Open Source und SaaS spezialisierte Marktforschungs- und Beratungshaus Saugatuck Technology beurteilt die Bemühungen kritisch. Angesichts der gewaltigen Summen, die IBM in seine Linux-Förderprogramme steckt, sehen die Analysten zwar eine Reihe von Faktoren, die eine wachsende Verbreitung quelloffener Software begünstigten. Sie beobachten beispielsweise eine veränderte Einstellung vieler IT-Verantwortlicher. Nach Untersuchungen von Saugatuck stecken schon heute in 30 bis 50 Prozent aller Unternehmenssysteme Open-Source-Komponenten. Auch die Wahrnehmung von Windows und speziell Vista als relativ teures und ressourcenhungriges Betriebssystem trage ihren Teil zum Vordringen quelloffener Software bei. In schnell wachsenden Absatzmärkten wie Indien oder China halte sich Microsofts Präsenz zudem in Grenzen. Profitieren könnten die Linux-Anhänger ferner von einer starken Nachfrage nach Billig-PCs, für die Vista schon wegen der hohen Hardwarevoraussetzungen schlecht geeignet sei. Angesichts der Schwächen, die Microsoft beim Erschließen neuer Märkte offenbare, hielten viele in der Branche den Softwareriesen inzwischen für verwundbar, so Saugatuck. Nicht zuletzt trage der Trend zum Cloud Computing dazu bei, dass der PC künftig nicht mehr im Mittelpunkt der IT-Betriebsmodelle stehe.

Trotz dieser Entwicklungen halten die Auguren die Vorstellung einer Microsoft-freien IT-Welt für unrealistisch, zumindest bis zum Jahr 2012.

De-facto-Standard Office

Das Argument von IBM und seinen Verbündeten, man offeriere im Gegensatz zu Microsofts proprietären Systemen ausschließlich "freie" und "offene" Software, dürften kritische Kunden hinterfragen. IT-Verantwortliche wünschten sich vor allem weniger Herstellerabhängigkeit, hat Saugatuck herausgefunden. Ob sich dieses Ziel mit kommerziellen Linux-Distributionen wie Suse oder Red Hat erreichen lasse, sei offen. Ein grundsätzliches Problem für die Open-Source-Anhänger stelle die starke Präsenz von Microsoft in hochentwickelten Märkten dar. Als De-facto-Standard auf Business-PCs strahlten die Flaggschiffprodukte Windows und Office auch auf Schwellenregionen aus. Hinzu komme die überragende Stellung, die sich Microsoft in den Vertriebskanälen erarbeitet habe. Vor allem kleine und mittlere Kunden erreiche die Windows-Company auf diesem Weg.

Was kommt nach Windows 7?

Last, but not least könnte sich Microsoft eines Tages selbst kannibalisieren, spekulieren die Marktforscher. Dahinter stecken Marktgerüchte, denen zufolge der Hersteller nach Windows 7 selbst ein Open-Source-Betriebssystem plant, das rückwärtskompatibel zu älteren Windows-Systemen sein könnte. Microsoft hat dazu noch nicht Stellung genommen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, hätten die Linux-Vermarkter ein gewichtiges Argument weniger im Köcher. (wh)