Probleme gibt es vor allem mit der Software

Probleme gibt es vor allem mit der Software Durchbruch der Thin Clients ist noch nicht in Sicht

12.03.1999
Von CW-Mitarbeiter Martin Bayer MÜNCHEN (CW) - Der Thin-Client-Markt will nach wie vor nicht so recht in Schwung kommen. Seit etwa drei Jahren hoffen die Verfechter der schlanken Rechner auf den Durchbruch. Aber selbst optimistische Prognosen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß Probleme mit der Software und die allgemeine Unsicherheit im Markt das anfangs hochgelobte Modell immer wieder zurückwerfen.

Auf dem Thin-Client-Day der Firma GTS-Gral wurden die Probleme beim Einsatz von Windows-Based Terminals (WBTs) und Network Computers (NCs) deutlich. Zuerst herrschte eitel Sonnenschein. Veranstalter und auch Hersteller wie Citrix oder NCD zeichneten ein rosiges Bild des Marktes. Doch als Jürgen Za, Marketing- Manager bei Microsoft, die Strategie seines Unternehmens bei der Lizenzierung der Windows-Terminal- Server-(WTS-)Software erläuterte, zogen die ersten Wolken am Thin-Client-Himmel auf.

Das Lizenzierungsmodell der Softwareschmiede aus Redmond sieht vor, daß die Anwender eine WTS-Client-Access-License (CAL) und eine Windows-NT-Server-CAL pro Terminal erwerben müssen. Dieses Anfang Februar neu geschnürte Lizenzpaket kostet zwar um die Hälfte weniger als die zuvor eingeforderte Windows-NT-Workstation- Lizenz, doch die Anwender akzeptieren das neue Modell nur mit Zähneknirschen. So mußte sich der Vertreter Microsofts herbe Kritik an der Lizenzierungsstrategie anhören.

Gerade Anwender, die vorwiegend unter Unix arbeiten und nur vereinzelt auf Windows-Applikationen zugreifen wollen, trifft es hart: Sie müssen neben der Unix-Lizenz den vollen Preis für die WTS-Lizenz sowie die Gebühren für die Applikation zahlen. Und das wird in der Summe teuer.

Trotz der Kritik auf Anwenderseite deuten viele Hersteller die Microsoft-Politik als positives Zeichen. Za bestätigte, daß Microsoft sein Engagement im Thin-Client-Markt fortsetzen wolle. Den Vorwurf, sein Unternehmen habe den Thin-Client-Markt links liegengelassen, um mehr Software für Fat Clients verkaufen zu können, wollte Za nicht gelten lassen.

Am Lizenzierungsmodell werde sich jedoch vor- erst nichts ändern. Ein Concurrent-Use-Modell, wie es zum Beispiel die Firma Citrix, Partner von Microsoft im Thin-Client-Geschäft, praktiziert, wird es laut Za nicht geben. Bei diesem Ansatz bezahlt der Anwender nur für eine bestimmte Anzahl von Lizenzen, die auf der Server-Seite eingerichtet werden. Die Client-Seite bleibt von Lizenzkosten verschont.

Heftige Kritik äußerten die Konferenzteilnehmer auch am Betriebssystem Windows NT. Dietmar Schröter, Systemadministrator bei den Dresdner Stadtwerken und Herr über sieben Applikations- Server, die noch unter Windows NT 3.51 laufen, schimpft: "Die NT- Maschinen stürzen schnell ab, und dann sitzen etwa 70 Leute untätig vor schwarzen Bildschirmen. Das passiert in guten Zeiten ein- bis zweimal pro Monat, in schlechten Zeiten fünfmal pro Woche."

Windows NT fehlt es an Monitioring-Tools

Als Ursache der Probleme sieht Schröter zum einen verschiedene Software-Altlasten im Windows-Umfeld. So seien viele Programme einfach nicht für Multiuser-Umgebungen ausgelegt. Darüber hinaus fehle es Windows NT 3.51 an geeigneten Monitoring-Tools, um die Maschinen zu überwachen. Außerdem ließen sich keine wirksamen Alarmfunktionen programmieren, um im Ernstfall schnell eingreifen zu können. Inwieweit diese Probleme mit NT 4.0 zu beheben sind, will Schröter mit einer Testinstallation herausfinden.

Wolfgang Widmann, DV-Leiter der Stadt Neckarsulm, hat nach einer Testphase mit NT 3.51 gleich auf die Version 4.0 gesetzt. Zwar sei man mit der Administration der drei NT-Server im großen und ganzen zufrieden, doch bei der Umstellung auf das neue System gab es Probleme. So waren zum Beispiel verschiedene Druckertreiber und spezielle Branchen-Applikationen nicht Multiuser-fähig.

Thomas Kreft, zuständig für das Marketing der Network Computers Division bei IBM, kennt die Schwierigkeiten. Nach seiner Erfahrung sind vor einer Umstellung auf NCs oder WBTs aufwendige Testläufe in den Unternehmen erforderlich. Nur dadurch könnten IT- Verantwortliche mögliche Probleme wie eine schwache LAN- Infrastruktur oder Flaschenhälse bei Switches, Hubs und Routern frühzeitig erkennen.

Doch nicht für jedes Problem gibt es eine Lösung. So kam in Neckarsulm eine Datenbankanwendung ins Schleudern, weil jeder Client im Netz die gleiche Ethernet-Adresse besaß, und zwar die des Servers. Widmann mußte für die Applikation auf herkömmliche Arbeitsplatz-PCs zurückgreifen.

Die Einsicht, daß das Thin-Client-Modell kein Patentrezept ist, das bedenkenlos über die gesamte DV-Infrastruktur eines Unternehmens gestülpt werden kann, hat sich inzwischen bei Anwendern wie Herstellern herumgesprochen. Auch bei den Dresdner Stadtwerken laufen Spezialanwendungen, zum Beispiel im Laborbereich, auf PCs. Laut Schröter sollten jedoch nicht mehr als zehn Prozent aller Front-end-Plätze mit PCs ausgestattet sein. Kreft von IBM geht noch einen Schritt weiter: Seiner Einschätzung nach haben sich die Ansprüche an die Funktionalität und Spezialisierung der Endgeräte am Arbeitsplatz so stark differenziert, daß ein Thin Client nur noch an 20 bis 30 Prozent der Arbeitsplätze sinnvoll sei. Der Rest sei mit "dummen" Terminals oder vollwertigen PCs abzudecken.

Thin-Client-Modell hat auch Vorteile

Trotz aller Probleme, die sich bei der Umstellung auf ein Thin- Client-Modell ergeben, waren sich die Anwender über die Vorzüge des Systems einig. Da die Verwaltung auf die Server-Seite verlagert werde, sinke der Aufwand für die Administration der DV- Infrastruktur erheblich. Ein wichtiger Aspekt für den Systemverantwortlichen Schröter ist außerdem die Ergonomie am Arbeitsplatz. Thin Clients sind leise - summende Festplatten und brummende Lüfter fehlen -, leicht und nehmen nur wenig Platz in Anspruch. DV-Leiter Widmann nennt als weiteren Vorteil eine mit fünf bis sieben Jahren deutlich günstigere Investitionssicherheit im Vergleich zu den schnellebigen PC-Produkten. Und schließlich läßt sich ein Thin-Client-System wesentlich schneller einrichten. Während für die Konfiguration eines PCs am Arbeitsplatz schon mal ein halber Tag einzuplanen ist, funktioniert ein schmaler Netzrechner bereits nach wenigen Minuten.

All diese Vorteile konnten den Thin Clients bislang aber nicht zum Durchbruch verhelfen. Ein Aspekt, mit dem viele Systemadministratoren zu kämpfen haben, ist psychologischer Natur. So empfinden Anwender, die vorher auf einem PC gearbeitet haben, den Schritt zum Thin Client oft als Degradierung. Hier müssen Administratoren viel Überzeugungsarbeit leisten.

Für Ralf Siller, Vertriebsleiter von GTS-Gral, ist die "User- Akzeptanz momentan so ziemlich das größte Problem". Der PC entwickle sich zur Zeit zu einem Statussymbol, wie das Auto. Siller empfiehlt den Unternehmen, die Anwender zu belohnen, zum Beispiel durch einen größeren Monitor. Ein "Taschenspielertrick" zwar, aber es funktionierte.

Die Entwicklung des Marktes liegt im dunkeln

Das größte Problem dürfte jedoch die überall zu spürende Unsicherheit hinsichtlich der weiteren Marktentwicklung sein. So will sich Andreas Krüger, Gruppenleiter im Bereich individuelle Datenverarbeitung im Bankhaus Trinkaus und Burkhardt, im Augenblick nicht festlegen, wie seine künftige DV-Infrastruktur aussehen wird. Krüger verantwortet momentan ein Fat-Client-Modell, in dem alte, bereits abgeschriebene PCs auf der Front-end-Seite eingesetzt werden.

Der Vorteil dieser Lösung sind die geringen Kosten. Defekte Rechner werden einfach ausgetauscht. "Hardware ist zur Wegwerfware geworden", so Krüger. Zwar schätze auch er die Vorteile einer Thin-Client-Struktur, aber zur Zeit sei der Markt so in Bewegung, daß eine Entscheidung sehr schwer falle.

Tatsächlich präsentieren Hardwarehersteller denkbar unterschiedliche Geräte als Thin Clients (siehe auch Kasten "Was ist ein Thin Client?"). IBM beispielsweise verfolgt mit seiner Network-Station die Java-Schiene, NCD bringt Systeme mit Windows CE in einem integrierten Flash-ROM-Speicher auf den Markt. Siemens führt mit dem Scovery-250-Modell, das mit einer Pentium-II-CPU von Intel rechnet, das Thin-Client-Konzept ad absurdum.

Was ist ein Thin Client?

Die Definitionen eines Thin Clients gehen weit auseinander. Versuche, einen einheitlichen Standard zu schaffen, scheiterten bislang kläglich. Die "Lean-Client-Spezifikation", mit der Intel im Dezember 1997 versuchte, die eigenen Prozessoren in dem damals sehr erfolgversprechenden Markt durchzuboxen, ist vergessen. Auf Anfrage meinte Intel-Sprecher Heiner Genzken lapidar, er habe seit über einem Jahr nichts mehr davon gehört. Im übrigen bleibe das Thin-Client-Geschäft für Intel ein Nischenmarkt. Auch Thomas Kreft von IBM kommt in Erklärungsnöte auf die Frage, was genau einen Thin Client ausmache. Das Network Computer Profile (NCP), das 1996 von verschiedenen Herstellern, darunter IBM, ins Leben gerufen wurde, sei seiner Kenntnis zufolge nach wie vor gültig. Wenn jedoch Kunden Festplatten, CD-ROM- und Floppy-Laufwerke in den Clients wünschten, werde das ganze Konzept umgeworfen, und man lande wieder beim PC. Kreft räumt außerdem ein, der Standard hätte wohl auch dahingehend wirken sollen, das frisch angelaufene Geschäft mit den Thin Clients ins Rollen zu bringen.