Portale: Comeback im Zeichen von SOA

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Prozessportale zeichnen sich als Zukunftstrend ab. Ein Pionier auf diesem Gebiet ist die Audi AG.
Lange im Schatten der SOA-Diskussion, gewinnt das Portalthema angesichts neuer Techniken wieder an Bedeutung.
Lange im Schatten der SOA-Diskussion, gewinnt das Portalthema angesichts neuer Techniken wieder an Bedeutung.
Foto: Spies/IDC 2007
Wenn die Europäer nicht mehr in Portale und angrenzende Techniken investieren, riskieren sie unflexible Geschäftsprozesse, so IDC-Manager Rüdiger Spies.
Wenn die Europäer nicht mehr in Portale und angrenzende Techniken investieren, riskieren sie unflexible Geschäftsprozesse, so IDC-Manager Rüdiger Spies.
Foto: IDC 2007

ährend der Diskussion um Service-orientierte Architekturen (SOA) ist das Thema Unternehmensportal quasi aus der öffentlichen Diskussion verschwunden. Durch Web-2.0-Techniken wie Mashups, Wikis und Blogs erhält es derzeit aber neue Impulse. So fasste Rüdiger Spies, Independent Vice President Enterprise Applications beim Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IDC Central Europe GmbH, den Stand der Entwicklung auf dem Portalmarkt zusammen.

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wie viel die europäischen Anwenderunternehmen in Portaltechnik investieren;

warum sie mehr dafür ausgeben sollten;

in welche Richtung sich die Unternehmensportale ent-wickeln;

inwiefern die Audi AG hier als Trendsetter fungiert.

Spies hielt die Abschlusspräsentation auf der diesjährigen IBM-Veranstaltung "Visions of Work". Dabei stellte der versierte Branchenbeobachter eine aktuelle IDC-Studie zum weltweiten Portalmarkt vor, die IBM zum fünften Mal in Folge als Marktführer auswies.

Europäer riskieren amerikanischen Vorsprung

Insgesamt gaben die Anwenderunternehmen im vergangenen Jahr mehr als 900 Millionen Dollar für Portaltechnik aus, so ermittelte IDC im Rahmen der Untersuchung. Auf den geografischen Bereich Europa und Mittlerer Osten (Emea) entfalle aber nur ein Drittel dieser Summe. Im Vergleich zu Nord-, Mittel- und Südamerika sei Europa damit "deutlich unterrepräsentiert", interpretierte Spies die Zahlen.

Diese Information mag vielen nur ein Achselzucken entlocken. Spies sieht darin jedoch einen Grund zur Beunruhigung zumal sich die Schere zwischen dem alten und dem neuen Kontinent künftig noch weiter zu öffnen drohe: Das für die nächsten fünf Jahre prognostizierte Marktwachstum liege in Amerika bei 10,6 Prozent, in Europa und dem Mittleren Osten aber nur bei 7,6 Prozent.

"Die europäischen Unternehmen machen einen Riesenfehler", konstatierte Spies. Portale seien heute eng verbunden mit Techniken, die gemeinhin für eine schnelle Anpassbarkeit der Systeme an das Business ständen, also SOA, Web 2.0 etc. Wenn die Europäer nicht stärker in Portale und angrenzende Techniken investierten, räumten sie den Amerikanern einen Vorsprung hinsichtlich der Flexibilität von Geschäftsprozessen ein, warnte der IDC-Manager

Beispiel der Audi AG für ein Prozessportal

Aus Sicht des Marktbeobachters entwickeln sich die Unternehmensportale immer stärker in Richtung Geschäftsprozess-Automation und Business-Workflow. Das Portal mutiert demnach von einer statischen Informations- zu einer anpassbaren und interaktiven Prozessplattform.

Für echte "Prozessportale" gibt es bislang aber nur wenige Beispiele. Eines hatte die IBM auf ihrer Veranstaltung allerdings vorzuweisen: das "Mynet" der Audi AG. Anton Kramm, der als Leiter IT Web Solutions für die Portalplattform der Audi AG verantwortlich zeichnet, stellte das richtungsweisende Projekt vor.

Von herkömmlichen Unternehmensportalen unterscheidet sich das Mynet in folgenden Punkten:

Es dient unter anderem dazu, Geschäftsprozesse aus Sicht der Beteiligten zu modellieren.

Auf der Grundlage vorhandener Repository-Services, Portlets und Formulare können die Nutzer die benötigten Services selbst orchestrieren und neue Anwendungen beziehungsweise Composite Applications generieren.

Für jeden Mitarbeiter wird abhängig von seiner Rolle im Prozess quasi ein individuelles Portal erzeugt.

Die Prozessmodelle lassen sich durch interaktives Testen bereits vor ihrer Implementierung validieren.

Danach werden sie ohne Programmierung in eine unmittelbar ablauffähige Arbeitsplatzsoftware überführt, die auch vorhandene Anwendungen einbindet.

Das System basiert auf der IBM-Software "Websphere Portal". Für die Darstellung und Integration der Geschäftsprozesse kommen darüber hinaus die Business-Prozess-Management-Werkzeuge der Jcom1 AG aus dem bayerischen Rohrbach zum Einsatz. "Jpass" und "Jlive" helfen den Anwendern, die Prozesse zu modellieren und sie vor der Einführung zu überprüfen. "Jflow" sorgt dafür, dass daraus automatisch der ablauffähige Code generiert wird, so dass sich die modellierten Arbeitsabläufe sofort ausführen lassen.

Services, Infos und Prozesswissen online

Audi hat langjährige Erfahrung mit den Themen Unternehmensportal und Geschäftsprozessmodellierung. Das Mitarbeiterportal datiert bereits aus dem Jahr 2002. Doch neue geschäftliche Rahmenbedingungen, beispielsweise die fortschreitende Internationalisierung, brachten und bringen neue Abläufe und Strukturen mit sich. Sie erfordern im Einklang mit Schlagworten wie "Digitalisierte Prozesswelten", "Flexibilität", "Automatisierung" sowie "Wissens-Management für das Unternehmens- und Wettbewerbsumfeld" eine ständige Anpassung der Portalstrategie.

Aktuell deckt dieses Konzept den Zeitraum bis 2015 ab. Wie Kramm in seiner Präsentation zeigte, konzentriert es sich auf vier Eckpfeiler:

Alle Mitarbeiter sollen ihre individuellen Arbeitsprozesse mit Hilfe eines einheitlichen Cockpits komfortabel gestalten, verwalten, planen und steuern können.

Sowohl die Manager als auch die anderen Mitarbeiter erhalten die benötigten Analyseinstrumente sowie Entscheidungs- und Planungshilfen abhängig von ihrem Verantwortungsbereich gebündelt.

Eine zentrale Portalplattform für die Unternehmens- und Geschäftsprozesse sowie die einzelnen Tätigkeiten ermöglicht es, die Abläufe zu beschleunigen, zu entschlacken und schlagkräftiger zu machen.

Das Wissen muss zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle für die richtige Person zugänglich sein.

In Mynet sieht der Audi-Mitarbeiter seine jeweiligen Prozesse personalisiert und in Einzelschritte aufgeteilt. Über Portlets lassen sich alle Anwendungen öffnen, sofern sie im Single-Sign-on erfasst sind. Folglich erhält der Nutzer ein Portal mit allen Links für seine Rolle.

Nach der Implementierung der Portaltechnik verlagert die IT die Administration und Bearbeitung der Seiten in die Fachbereiche. Die Inhalte werden dezentral von rund 1200 Redakteuren gepflegt. Für die Pflege der Hauptstartseiten zeichnet hingegen die interne Unternehmenskommunikation verantwortlich.

Collaboration-Services in der Pipeline

Kürzlich verdiente sich Audi mit dem Prozessportal den vom Bitkom verliehenen Preis "Beste SOA-Implementierung 2007". Doch auf derartigen Lorbeeren will sich der Autohersteller nicht ausruhen: Auf dem Plan steht bereits die Integration neuer Funktionen, beispielsweise Collaboration-Services und Wissensstrukturierung. (qua)