Die Gefahren positiven Denkens

Politiker und Blondinen sind eben so

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Bevor Menschen sich anstecken lassen vom Tremolo der Krisenbeschwörer und der Kakophonie der Katastrophenausstatter, sollten sie tun, was sie auch können: selber denken.

"Na, der Tag fängt ja schon wieder richtig bescheiden an - es regnet, und die Nachrichten sind auch beschissen. Die Banken und Unternehmen bekommen es vorne und hinten reingeschoben, und uns bitten die Politiker natürlich zur Kasse. Und warum das alles? Weil die Ackermanns und Mehdorns und wie sie alle heißen, den Rand nicht voll bekommen können. Erst den Karren in den Dreck fahren, und wir können dann schauen…"

Es gibt Fachleute, die eine Prognose wagen würden, wie sich die Dinge für einen Zeitgenossen entwickeln könnten, der so in den Werktag einsteigt: Suboptimal! Solchermaßen konditioniert dürfte er auf dem Weg ins Büro garantiert auch gleich im Stau stehen. Ein Kollege wird ihn sicher maliziös auf das zwar wirklich teure, nichtsdestotrotz rosa gestreifte Hemd ansprechen. Vorherzusehen ist bei dieser anschwellenden Tristesse, dass die Roulade in der Kantine auch wieder brutalstmöglich versalzen sein wird. Und so geht er dann dahin, der Trauertag unseres Misanthropen.

Krisen gibt es nicht

Der Psychologe Jens Corssen sagt: "Es gibt keine Probleme und keine Krisen".
Der Psychologe Jens Corssen sagt: "Es gibt keine Probleme und keine Krisen".
Foto: Grow AG

Der Diplompsychologe und Spezialist für kognitive Verhaltenstherapie, Jens Corssen, kann sich einen Reim auf solche Verhaltensweisen machen: Erlebt der Mensch eine Situation als unangenehm oder als ungünstig für die eigene Zielvorstellung, projiziert er diese negativen Gefühle laut Corssen oft nach außen. Er begibt sich dem Leben gegenüber in eine Opferhaltung und erschafft sich ein Problem, eine Krise. Und das ist schlecht. Corssen: "Für zielorientiertes und selbstbestimmtes Handeln ist es notwendig, zwischen dem, was ist, und den Gedanken, die man hinzutut, zu unterscheiden."

Anders ausgedrückt: Es gibt kein Problem und keine Krise, "das sind nur Worte". Es gibt lediglich Situationen, die "ungünstig für unsere Erwartungen sind oder eben ungünstig für unsere Zielvorstellungen zu sein scheinen". Wer das erkenne, werde nicht klagend in der Opferhaltung verharren und auf eine Veränderung von draußen warten, sondern schnell Lösungen finden und aktiv bleiben. Solch eine Haltung hat einen nicht zu unterschätzenden Vorzug, meint Corssen: "Sie schafft einen Wettbewerbsvorteil." Während nämlich alle von der Krise reden, sei man selbst hellwach und innovativ.

Nun lassen sich der morgendliche Stau oder atmosphärische Störungen in der Partnerschaft ebenso wenig wegreden wie finanzielle Verluste infolge der Weltwirtschaftsentwicklung. Das will Corssen auch gar nicht. Er plädiert lediglich für die Einsicht, dass ein Automobilist bereits mit dem Erwerb seines fahrbaren Untersatzes auch die Möglichkeit eines Stau-Erlebnisses erworben hat. Ebenso stecke in jeder Beziehungsanbahnung grundsätzlich auch die Option des Scheiterns.