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Plant L&H den Ausverkauf?

27.04.2001
Jo Lernout und Pol Hauspie verhaftet

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Auf der heutigen außergewöhnlichen Aktionärshauptversammlung im belgischen Ieper will der vor dem Konkurs stehende Softwarekonzern Lernout & Hauspie (L&H) angeblich seinen Ausverkauf bekannt geben. Wie das "Wall Street Journal" unter Berufung auf eingeweihte Kreise berichtet, wurde die Investment-Bank Credit Suisse First Boston beauftragt, Käufer für fast alle Unternehmensbereiche des Spracherkennungsspezialisten zu finden. Veräußert werden soll unter anderem der von dem legendären Alexander Graham Bell gegründete Diktiergeräte-Anbieter Dictaphone, den L&H im März 2000 für 504 Millionen Dollar übernommen hatte. Die Erlöse aus dem Verkauf der Aktiva will das belgische Unternehmen vor allem zur Tilgung seiner Schulden verwenden, die sich auf über 600 Millionen Dollar belaufen. Allerdings wird Insidern zufolge wahrscheinlich nichts

für die Aktionäre übrigbleiben. Der Softwarekonzern war wegen gefälschter Bilanzen - vor allem in Bezug auf sein Korea-Geschäft - in die Krise geraten.

Am gestrigen Donnerstag wurden belgischen Medienberichten zufolge zudem die inzwischen bei L&H ausgeschiedenen Firmengründer Jo Lernout und Pol Hauspie sowie der ehemalige Managing Director Nico Willaert verhaftet. Die Behörden in Ieper bestätigten die Festnahme von drei Ex-Mitarbeitern, wollten die Namen jedoch nicht nennen. Staatsanwalt Jean-Marie Coppens erklärte, die Inhaftierung der drei Verdächtigen stehe im Zusammenhang mit der im vergangenen Jahr vom Gericht in Ieper gestarteten Untersuchung von L&H wegen Betrugs und Bilanzfälschung.

Gleichzeitig veröffentlichte die belgische Zeitung "De Financieel Economische Tijd" offene Briefe von Lernout, Hauspie und Willaert, die sich an die L&H-Aktionäre wenden. Darin bestritten die Manager, ihrem früheren Wirtschaftsprüfer KPMG Informationen vorenthalten zu haben. Zudem sei KPMG auch als Berater maßgeblich für die Bilanzierungsmethoden des Unternehmen verantwortlich gewesen. KPMG wiederum hatte den Ex-Führungskräften Anfang April vorgeworfen, "mit Absicht falsche oder unvollständige Informationen" geliefert zu haben.