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Phönix aus der Asche: Seattle brummt nach tiefer Krise wieder

20.09.2007
Dieser Blick aus dem 25. Stock macht in der Tat jeden Hochglanzprospekt überflüssig: Ganz entgegen Seattles Ruf als Regenloch strahlt der Himmel, der Puget Sound, die gewaltige Bucht direkt vor der Haustür, schimmert ruhig, und auf der anderen Seite lugt grün die Olympia-Halbinsel hervor.

"Schauen sie doch einfach nur aus dem Fenster", schmunzelt Jeff Marcell, Vizepräsident der regionalen Wirtschaftsförderung "enterpriseSeattle", auf die Frage, weshalb sich weltbekannte Firmen und Giganten wie Boeing, Microsoft, Starbucks, Amazon.com oder Expedia.com ausgerechnet die Metropole im Nordwesten der Vereinigten Staaten ausgesucht haben. Ganz links oben auf der Landkarte scheint sie doch etwas weit ab vom Schuss.

Aber die Lage heißt nichts. Seattle, das sich auch gerne die "Smaragdstadt" wegen des vielen Grüns drumherum nennt, brummt. Der Staat Washington, in dem sie liegt, verzeichnete im Frühjahr mit etwas über drei Prozent Arbeitslosigkeit den niedrigsten Wert seit 30 Jahren. Während der Rest des Landes über den Niedergang der Hauspreise klagt, stiegen sie in Seattle zumindest in der ersten Jahreshälfte dank ungebremsten Zuzugs noch zweistellig. "Soweit schaut alles nach Boom aus, und wir sehen keinen Hinweis, dass es irgendwie nach unten geht", befindet Sam Kaplan, Vizepräsident der Handelsallianz für den Großraum Seattle, die sich um die Vermarktung der Region auf internationaler Bühne kümmert. Über der Stadt, die der Welt neben Flugzeugen und Computerprogrammen einst auch Jimi Hendrix und ein paar Jahrzehnte später Grunge-Musik gab, scheint hell die Konjunktursonne. Wieder, muss man allerdings hinzufügen.

Ein virtueller Blick auf Downtown Seattle in Google Earth.
Ein virtueller Blick auf Downtown Seattle in Google Earth.

Ein Überflieger war die Nordwest-Metropole - mit rund 580.000 Bürgern etwa so groß wie Düsseldorf, während sie es mit den umliegenden Landkreisen auf die Einwohnerzahl Berlins bringt - schon einmal. Damals, zu den glorreichen Zeiten der "New Economy", als alle Welt glaubte, ihr stünde mit dem Beginn des neuen Jahrtausends dank der technologischen Revolution durch das Internet ein neues, sorgenfreies, goldenes Wirtschaftszeitalter bevor. Als die Blase dann mit lautem Knall platzte, war der Kater nach der Party überall riesengroß. Aber Seattle erwischte es besonders.

Als die amerikanische Wirtschaft bis zum Anschlag brummte, schrieb das Magazin "Economist" Ende 2001, gab es wenige Orte, die derart atemlos aufgeregt waren. "Der Hafen war vollgepackt mit Schiffen, die Waren aus Asien brachten. Boeing konnte kaum mit der Nachfrage mithalten. Microsoft heuerte Horden von Software-Ingenieuren an. Und nach jedem Regenguss schien ein neuer Internet-Millionär geboren." Vor uns lag eine Stadt, "die alles hatte: Old Economy, New Economy, Noch-nicht-erfundene Economy". Schlaflos in Seattle war man höchstens vom Feiern.

Dann tat sich, ein paar Monate nach dem Beginn des neuen Jahrtausends, der Boden auf. Das Ende der Internet-Euphorie kostete hoffnungsvolle Start-ups das Leben. Boeing entschloss sich, sein Hauptquartier nach Chicago zu verlegen. Und nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sechs Monate später senkte sich die Nacht über die Luftfahrtindustrie. In der Region verloren 35.000 Menschen ihre Jobs bei dem Flugzeuggiganten. Zu allem Überfluss zürnte auch noch die Erde: Am 28. Februar 2001, um 10.54 Uhr Ortszeit, erschütterte ein Beben der Stärke 6,8 die Gegend, das heftigste seit 50 Jahren. Wie durch ein Wunder kam niemand um, 250 Verletzte wurden gezählt. "Gottes Zorn", schrieb damals jemand auf ein Plakat.

Microsofts Campus im Vorort Redmond - zeitweise wuchs die Wirtschaft von Seattle nur noch hier.
Microsofts Campus im Vorort Redmond - zeitweise wuchs die Wirtschaft von Seattle nur noch hier.
Foto: Microsoft

"Seattles Sturz war in gewisser Weise eine Funktion der Höhe, in der wir umherflogen", erinnert sich Steve Leahy, Chef der Handelskammer für den Großraum Seattle, heute. "Luftfahrt, Technologie, Internet, Tourismus - alles hat uns hinabgezogen." Der "Economist" bemerkte damals: "Was den gegenwärtigen Rutsch so schmerzhaft macht, ist, dass jeder Teil der Wirtschaft gleichzeitig in einen offenen Gully gestolpert ist." Das einzige, was noch Wachstum zeitigte, berichtet Leahy, war Microsoft. Die Arbeitslosenquote der Region schoss Ende 2001 mit 6,6 Prozent auf den höchsten Stand der USA, die insgesamt 5,4 Prozent verzeichneten.

Die Smaragdstadt ist ein Ort, an dem sich Krisen nur schwer vorstellen lassen, vor allem bei gutem Wetter. Sie kommt daher wie ein großes Freiluft-Café, der Espresso schmeckt wie in Italien. Im Zentrum sind die Straßen inmitten der Hochhäuser baumbepflanzt. Immer wieder öffnet sich zwischen den Straßenblocks der Blick aufs Meer, das sich schon von weitem riechen lässt. Seattle ist merkwürdig kompakt und großzügig zugleich. Und unten am Ufer, im Pike-Place-Markt, wo sich Fressstände, Fischbuden und Marktauslagen jeder Art kunterbunte aneinanderreihen, quetschen sich gut gelaunt die Einkäufer, verweilen, plaudern, schlendern weiter. Eine Autostunde hin nach Osten thront das Kaskaden-Gebirge wie ein Alpenzug, bei guter Sicht zeigt sich der schneeweiße Gipfel des Mount Rainier.

Heute scheinen die düsteren Jahre wie ein böser Traum. "Ende 2004 berichteten die Geschäftsleute plötzlich: Mein Telefon läutet wieder häufiger", erzählt Handelskammer-Chef Steve Leahy. "Die Menschen begannen sich bewusst zu machen - das Schlimmste ist vorbei. Und das zu einer Zeit, bevor sich die 787 bemerkbar gemacht hat."

Das Boeing-Werk in Everett bei Seattle - laut Guinness-Buch das voluminöseste Gebäude der Welt.
Das Boeing-Werk in Everett bei Seattle - laut Guinness-Buch das voluminöseste Gebäude der Welt.
Foto: gizmag.com

Die Boeing 787 "Dreamliner" ist das jüngste Symbol der wiedergewonnenen Wirtschaftskraft. Mit einer hollywoodreifen Inszenierung präsentierte der traditionsreiche Flugzeugigant seinen jüngsten Coup im Wettrennen mit dem europäischen Rivalen Airbus Anfang Juli der Weltöffentlichkeit, schon zu dieser Zeit lagen mehr als 470 Bestellungen vor. Das Boeing-Werk in Everett, rund 50 Kilometer nördlich von Seattle, ist ein Monument für sich - das laut Guinness Buch der Rekorde größte Gebäude der Welt - gemessen am Rauminhalt. Die Typen 747, 767 und 777 werden ebenfalls dort zusammengesetzt, mehr als 18.000 Menschen stehen in Everett in Lohn und Brot.

Boeing ist für die Region Segen und Fluch zugleich. "1970 trug Boeing noch 25 Prozent zur Wirtschaftskraft bei, jetzt ist der Anteil kleiner", sagt Leahy. Wir haben einfach den Kuchen größer gemacht, aber es ist immer noch ein riesenwichtiger Faktor." Längst hänge das Wohl und Wehe des Wirtschaftslebens nicht mehr so sehr vom äußerst zyklischen Geschäft der Luftfahrtindustrie ab. "Aber zum Teil hat uns Boeing in die Rezession gestürzt. Und was uns danach auch wieder herausgeholt hat, ist Boeing mit seiner Wette auf ein neues Flugzeug", berichtet der Handelskammer-Vorsitzende.

Die Wirtschaftsförderer glauben ihre Lektion gelernt zu haben. Inmitten der Krise Anfang des Jahrzehnts "haben wir wie die Verrückten gearbeitet, um zu sehen, wie wir die Wirtschaft auf ein breiteres Fundament stellen", sagt Leahy. Diversifikation lautet das Zauberwort, und Seattle setzt auf das, was die Stadt nach Meinung der Wirtschaftsförderer von allen anderen in den USA abhebt: Eine hochausgebildete Einwohnerschaft. "Wenn man sich Expedia.com, Starbucks, Amazon.com oder Microsoft anschaut, könnten die ihr Geschäft von jedem Ort der Welt aus betreiben", sagt Jeff Marcell von "enterpriseSeattle". "Aber sie tun es von hier aus wegen unserer fantastischen Ansammlung von Können." Keine andere US-Stadt, ist sich Marcell sicher, kann Seattle in dieser Hinsicht schlagen. Mit ein Grund: die Universität von Washington, auf einer internationalen Skala der weltbesten Hochschulen liegt sie auf Platz 18.

Boeings 787 "Dreamliner" - hier hat "Rollout" noch eine viel wörtlichere Bedeutung.
Boeings 787 "Dreamliner" - hier hat "Rollout" noch eine viel wörtlichere Bedeutung.
Foto: dpa

Die Lage links oben auf der US-Landkarte stört niemanden, im Gegenteil. "Durch neue Routen über den Nordpol liegen sowohl Tokio als auch London jeweils doch nur neun Flugstunden entfernt", sagt Sam Kaplan von der Handelsallianz für den Großraum Seattle. "Durch den Aufstieg Asiens liegen wir nicht in einem Winkel im Nordwesten, irgendwo weitab von New York, sondern mitten drin in den asiatisch-pazifischen Märkten, darunter China, Japan, Südkorea." Einer von drei Jobs in der Region hängt vom internationalen Handel ab, der jeweils zur Hälfte auf Asien und Europa entfällt. Deutschland sei dabei als Handelspartner unter den ersten zehn Ländern, bei den Investitionen sogar unter den ersten fünf, sagt Kaplan.

Auf Bio- und Umwelttechnologie setzt man, auf Biodiesel, für das die Region möglicherweise einmal das landesweite Produktionszentrum wird. Und noch eine, eher ungewöhnliche, Wachstumssparte wollen die Wirtschaftsförderer identifiziert haben: die Industrie rund um Wohltätigkeit. Die milliardenschwere Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates, die weltgrößte, baut gerade ihre Zentrale in Seattle, und viele andere könnten folgen. "Wir sehen da eine tolle Gelegenheit für andere Organisationen, sich ebenfalls hier anzusiedeln", meint "enterpriseSeattle"-Vizepräsident Jeff Marcell. "Entsprechend erwarten wir den nächsten Goldrausch in der globalen Philanthropie." Nicht nur sei Wohltätigkeit eine gute Mission an sich, betont er, "sondern auch mit Blick auf echte Jobs und echte Dollars".

Aber schon drängen die Probleme des Booms. Schätzungen zufolge wird sich die Bevölkerung in der Region in den nächsten 20 Jahren verdoppeln. In der Stadt selbst ist Platz knapp bemessen. Wer neu dazukommt, muss sich eine Bleibe weiter draußen suchen. Eine von Seattles dringendsten Aufgaben, sagt Handelskammer-Chef Steve Leahy, ist entsprechend der öffentliche Nahverkehr. In der Tat: Am Morgen mit dem Auto ins Zentrum zu gelangen, ist ein Albtraum, und es wird nach dem Empfinden der Einheimischen stets schlimmer. Dass eine Wirtschaftskrise Abhilfe schafft, erwartet indes niemand. (dpa/tc)