Pflichtenheft für das Produkt Weiterbildung

27.03.1987

Günter Steinbach Vorsitzender des Ausschussess "Förderung

des technischen Nachwuchses" im Landesverband der Bayerischen Industrie (LBJ)

Wissen und Können der Mitarbeiter sind wesentliche Voraussetzungen für die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit und damit für den dauerhaften Erfolg eines Unternehmens und der Mitarbeiter selbst. Alle größeren Firmen unternehmen erhebliche Anstrengungen, ihre Mitarbeiter fachlich und persönlich im Beruf fit zu halten. Sie bieten in vielen Fällen auch für Kunden produktbezogene Weiterbildungs-Lehrgänge an.

Freie Träger, wie zum Beispiel die Technischen Akademien, das Haus der Technik, Essen, der VDI, der VDE und viele selbständige Weiterbildungs-Unternehmen, bringen zusammen ein vielfältiges Angebot auf den Weiterbildungsmarkt.

Die Hochschulen sollen dies, dem Hochschulrahmengesetz zufolge, ergänzen, die schon vorhandenen Aktivitäten verstärken und auf diese Weise einen Ausgleich für den Rückgang nach der erwarteten Verringerung der großen Studentenzahlen erzielen.

Wie könnte der Beitrag der Hochschulen zur Weiterbildung der Mitarbeiter aus der Sicht der Industrie aussehen? Um darauf eine Antwort geben zu können, muß zunächst die Frage untersucht werden, was in der Weiterbildung heute eigentlich neu ist. Denn durch die gewaltige Entwicklung der Elektrotechnik und der Informatik beziehungsweise der Informationstechnik und deren Auswirkungen in allen Industrien und nahezu allen Lebensbereichen sind in rascher Folge große Veränderungen im Wissen und Können eingetreten.

Die heutige Situation läßt sich im Vergleich zu früher so charakterisieren: Die Menge des in Veränderung begriffenen Wissens ist. nahezu unüberschaubar groß geworden. Die Änderungsgeschwindigkeit hat zugenommen und wächst noch weiter.

Der Kreis der Betroffenen war noch nie so groß wie heute. Er wird immer noch größer, mit der Gefahr, daß die Betroffenen den Anforderungen des Berufslebens nicht mehr gewachsen sind. Praktisch laufen alle Unternehmen aus allen Industriezweigen Gefahr, im Wettbewerb zu unterliegen. Es ist ein Weiterbildungsmarkt entstanden beziehungsweise im Entstehen begriffen, in den sich die Hochschulen als Konkurrenten hineinbegeben sollen.

Weiterbildung ist zu einem Produkt geworden, das wie alle anderen Produkte marktwirktschaftlichen Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterliegt. Für Weiterbildung steht im beruflichen Leben nicht beliebig viel Zeit zur Verfügung. Der Anteil hierfür an der kürzer werdenden Arbeitszeit hat enge Grenzen. Weiterbildung am Arbeitsplatz durch Aufgaben- und Themenwechsel, immer schon die intensivste Form der Weiterbildung, nimmt trotz aller organisierten Weiterbildung an Bedeutung zu .

Unter dem Aspekt der Hochschul-Beteiligung müssen deshalb aus der Marktsituation Schlußfolgerungen für die Gestaltung von Weiterbildungsangeboten gezogen werden. Dabei hat jedes "Produkt" gleichsam einem "Pflichtenheft" zu genügen, das in der Regel die Abnehmer des Produkts bestimmen, so daß das Produkt absetzbar wird. An das Produkt "Weiterbildung für Berufstätige" ergeben sich aus der Sicht der Wirtschaft folgende Anforderungen:

- Das Kursangebot ist auf den aktuellen Weiterbildungsbedarf abzustimmen, auf möglichst rasche Umsetzung am Arbeitsplatz (Thema, Zielgruppe, Teilnahmevoraussetzungen, Lernziele, Beitrag zur Problemlösung im Betrieb).

- Die Kursinhalte sind "erwachsenengerecht" aufzubereiten (Auswahl praxisrelevanter Inhalte, Anknüpfungen an betriebliche Probleme und Erfahrungen der Teilnehmer Übungen aus dem Arbeitsgebiet der Teilnehmer, Transfervorbereitung bei der Wissensvermittlung).

- Durch den Einsatz moderner Unterrichtsmethoden und -medien ist ein effizientes Lernen zu ermöglichen ("lernzentrierter" Unterricht mit "teilnehmeraktiven" Unterrichtsmethoden Lehrmittel und Geräte, die Teilnehmeraktivitäten ähnlich wie am Arbeitsplatz ermöglichen).

- Es ist ein geeigneter organisatorischer Rahmen zu finden (Kompaktkurse, Abendlehrgänge, Wochenendseminare).

- Alle Anbieter, auch die Hochschulen, sollten sich dem Wettbewerb auf dem Weiterbildungsmarkt stellen (Vermarktung von Kursen bei voller Kostendeckung durch Kursgebühren; entscheiden soll das Preis/Leistungs-Verhältnis, also letztlich die Qualität).

- Die Veranstalter und Referenten sollten sich einer Erfolgskontrolle durch die Teilnehmerstellen (Diskussion über den Lernerfolg und die Anwendbarkeit des Gelernten; Teilnehmermeinungen zur Qualität der Stoffaufbereitung Darbietung und Lehrgangsunterlagen).

Weiter- beziehungsweise Höherqualifizierung der Mitarbeiter ist eine Aufgabe der Unternehmen, genauer: der jeweiligen Vorgesetzten und der Mitarbeiter selbst. Für den einen ist es Bringschuld, für den anderen Holschuld, das heißt, es muß möglich sein, das richtige Bildungsangebot auf dem Markt aussuchen zu können. Sowohl das Einzel- als auch das Gesamtangebot muß ausreichend transparent sein, darf nicht in relativer Anonymität versinken und nur einem kleinen Kreis bekannt werden. Eine Konsequenz daraus wäre daß sich die Hochschulen regional oder fachlich oder auf bestimmte Personengruppen hin untereinander verständigen, um damit vor allem für mittlere und kleinere Unternehmen interessant zu werden.

Man darf erwarten, daß sich in Zukunft die Hochschulen mehr noch als heute auf dem wachsenden Weiterbildungsmarkt erfolgreich betätigen werden. Sie sollten dabei ihre spezifischen Segmente beachten und ihre Stärken herausfinden, die bei den Grundlagethemen zu finden sind bei Themen aus dem F + E-Bereich und gegebenenfalls in der allgemeinen Weiterbildung.

Man muß auch erwarten dürfen, daß die Hochschulen die oben beschriebenen Spielregeln beachten. Ob als Zielgruppe nur Hochschulabsolventen in Frage kommen, muß zur Diskussion gestellt werden, denn erfahrungsgemäß ist der Weiterbildungsbedarf zum Beispiel bei Technikern und Assistenzkräften und auch bei Facharbeitern ebenfalls sehr groß. Entscheidend für die Zulassung zur Weiterbildung sollte nicht der Diplom-Abschluß, sondern eine einschlägige berufliche Erfahrung sein.

Man möchte den Hochschulen empfehlen, bei Bedarfsanalyse, Kursentwicklung und Vermarktung auf die Erfahrung der Wirtschaft und der freien Weiterbildungsträger zurückzugreifen und, wo immer möglich , mit diesen zu kooperieren.

MittIere und kleinere Unternehmen haben oft Schwierigkeiten , das "Lernen durch Arbeit" mit Hilfe eines Arbeitsplatz- und Aufgabenwechsels zu intensivieren. Man könnte sich daher sehr wohl vorstellen, daß Ingenieure aus solchen Unternehmen Entwicklungsarbeiten an den Hochschulen gemeinsam mit Professoren und Assistenten leisten und auf diese Weise "Weiterbildung vor Ort" erhalten.

Schließlich ist zu wünschen , daß bei zurückgehenden Studentenzahlen Weiterbildung nicht als Allheilmittel gesehen wird, um die freiwerdenden Kapazitäten an den Hochschulen zu nutzen. Parallel dazu sollten auch andere Aktivitätenverstärkt werden. Beispielsweise sollten die Universitäten die Forschung noch stärker betonen. Die Professoren an den Fachhochschulen sollten Frei-Semester stärker nutzen, um in der Industrie mitzuarbeiten, und zwar nicht nur in der Großindustrie, um dort letzte "Entwicklungsergebnisse" abzuholen, sondern auch in kleineren und mittleren Unternehmen, um eigene Entwicklungsergebnisse in diese Betriebe zu transferieren.

Außerdem sollte man in den Universitäten und Fachhochschulen auch darüber nachdenken, wie man bei abnehmenden Studentenzahlen die pädagogische Qualität der Lehre weiter verbessern und die individuelle Studienberatung und fachliche Betreuung der Studenten verstärken kann. Vorrangiges Ziel bei rückläufigen Studienanfängerzahlen muß es sein , den Anteil der Studienabbrecher zu senken, damit die Wirtschaft weiterhin in ausreichender Zahl hochqualifizierte Mitarbeiter von den Hochschulen bekommt.