Das Interesse an der Arbeitserlaubnis wächst allmählich

Personaler rekrutieren jetzt Green-Card-Bewerber weltweit

18.08.2000
Das Gedränge um die ersten Green Cards hielt sich in Grenzen. Das Motto der Aktion: "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst", passt vermutlich besser in den amerikanischen als in den deutschen Arbeitsmarkt. Aber das Interesse an der vereinfachten Arbeitserlaubnis nimmt zu. Von Ingrid Weidner*

"So langsam steigen die Zahlen an, das Ganze kommt ins Rollen", so Gerhard Kimmeringer vom Arbeitsamt München. Momentan laufen die Drähte bei der extra eingerichteten Hotline des Arbeitsamtes heiß. Bei vielen Unternehmen herrscht immer noch eine gewisse Unsicherheit, wie das Procedere für die befristete Aufenthaltsgenehmigung für IT-Kräfte aussieht.

Personalberatungen, die im großen Stil ausländische Arbeitskräfte rekrutieren möchten, benötigen dazu eine Genehmigung vom Arbeitsamt. Ebenso Firmen, die mit Stellenanzeigen in ausgesuchten Ländern inserieren möchten. Ein einfacherer Weg führt über das Web und die firmeneigene Homepage. "Wir waren überrascht, wie viele Green-Card-Bewerber über den Online-Bewerbungsbogen mit uns Kontakt aufgenommen haben", so Dirk Taubner von sd&m. Das Münchner Softwarehaus gehörte zu den ersten Unternehmen in Bayern, die auf diesem Weg einen IT-Spezialisten einstellen konnten. Insgesamt möchte sd&m 20 neue Mitarbeiter gewinnen. Bei 150 weiteren Neueinstellungen in diesem Jahr entspricht der Anteil der Green-Card-Fachkräfte weniger als zehn Prozent. "Wir denken, dass wir einen Mitarbeiter pro Geschäftsbereich gut in unser Unternehmen integrieren können."

Deutsche Sprachkenntnisse sind wichtigViele Unternehmen versprechen sich von fundierten Sprachkenntnissen oder zumindest der Bereitschaft, die deutsche Sprache zu erlernen, eine vereinfachte Integration der neuen Kollegen. Erstaunlich, da die IT-Branche immer den Eindruck erwecken möchte, Englisch sei gängige Firmensprache. "Die Nationalität des Bewerbers ist uns egal, deutsche Sprachkenntnisse dagegen sehr wichtig", so Jeannette Weißschuh, Pressesprecherin bei Hewlett-Packard. Bernd Sydow, Geschäftsführer von Time and More Personaldienstleistungen GmbH in Berlin, berichtet, dass 90 bis 95 Prozent seiner Kunden von den Bewerbern deutsche Sprachkenntnisse erwarten. "Nur fünf bis zehn Prozent geben sich mit Englisch zufrieden", so seine Erfahrung. Viele Firmen bieten den neuen Mitarbeitern deshalb Sprachkurse an. Werner Senger, Geschäftsführer von Bitkom, sieht in ausländischen Studierenden an deutschen Hochschulen die idealen Bewerber für eine Green Card. Sie kennen das Land und die Arbeitsweise und können ohne größere kulturelle Hürden in den Arbeitsalltag einsteigen.

Der Discount Broker Consors in Nürnberg konnte ebenfalls in der ersten Woche einen neuen Mitarbeiter über die erleichterte Arbeitserlaubnis einstellen. "Aktuell sind wir mit 15 weiteren geeigneten Bewerbern aus unterschiedlichen Ländern im Gespräch", so die Personalerin Silvia Lohmann. Headhunter oder Personalagenturen sind an der Bewerbersuche nicht beteiligt. Der erste Green-Card-Mitarbeiter kommt aus Russland und lebte bereits als Stipendiat in Deutschland. Intensive Kontakte nach Russland und an dortige Universitäten erleichterten das Recruitment.

"Die Firmen rennen uns momentan die Tür ein", so Oliver Kuhn von Globojob, einer neu gegründeten Personalvermittlung in München, die sich auf die Vermittlung von ausländischen IT-Kräften spezialisiert hat. Die sechs Jungunternehmer entschieden sich nach der Ankündigung von Bundeskanzler Gerhard Schröder zur CeBIT, eine Green Card einzuführen, für die Firmengründung.

Besonders wichtig beim Recruitment ist ein exaktes Anforderungs- und Fähigkeitsprofil. Für diese knifflige Aufgabe sind Experten gefragt, die sich in den jeweiligen Ländern genau auskennen und Zertifikate und Zeugnisse vergleichen und einordnen können. Globojob beispielsweise arbeitet mit F.A.S.T., Gesellschaft für angewandte Softwaretechnologie in München, zusammen. "Gutachter von F.A.S.T. kommen mit uns zu den Firmen, um ein genaues Anforderungsprofil des Bewerbers zu erstellen", erklärt Kuhn. Die Gutachter reisen auch mit in die entsprechenden Länder, um in Gesprächen und einem ausführlichen Test die Kenntnisse potenzieller Bewerber zu prüfen. Dazu gehören konkrete Programmieraufgaben und Lösungskonzepte für Probleme, wie sie im Arbeitsalltag des zukünftigen Arbeitgebers vorkommen können. Schafft der Bewerber diese Hürde, lädt das suchende Unternehmen ihn auf eigene Kosten zum Vorstellungsgespräch nach Deutschland ein. Kommt ein Arbeitsvertrag zustande, berechnet Globojob 30 Prozent des Bruttojahresgehaltes. Einen Bewerber aus Armenien hat das Team von Globojob schon vermittelt, bei einigen anderen laufen noch die Verhandlungen. Kuhn hofft, dass die Green Card kein zeitlich befristetes Projekt darstellt, sondern sich zu einer weiteren Möglichkeit des Recruitments entwickeln wird.

Time and More eröffnete bereits im letzten Jahr ein Büro in Prag und hat sich auf die Vermittlung von tschechischen und slowakischen IT-Fachkräften spezialisiert. Allerdings wollen längst nicht alle Computerspezialisten aus Tschechien und der Slowakei nach Deutschland. "Viele Leute, die zu uns kommen, möchten nur in Prag arbeiten", so Sydow. Wer sich für das größere Nachbarland entscheidet, möchte genau wissen, welche Aufgaben auf ihn warten und was ihm der neue Job bringe, so der Geschäftsführer von Time and More. Neben einer eingehenden fachlichen Überprüfung von Kenntnissen, Zeugnissen und Referenzen kommt es bei den Auswahlgesprächen auch auf die soziale Kompetenz an. Entsprechen die Bewerber dem Anforderungsprofil, vereinbart die Personalvermittlung mehrere Vorstellungsgespräche in Deutschland. "Wir begleiten die Bewerber zu den Gesprächen, denn manchmal stellt sich heraus, dass die Unternehmen weitere Qualifikationen erwarten, die beim Anforderungsprofil nicht zur Sprache kamen", so Sydow. Nach zwei bis sechs Tagen sollte die Entscheidung gefallen sein. Für die Vermittlung berechnet Time and More zwei bis drei Monatsgehälter plus die Kosten für das Vorstellungsgespräch.

Jiri Hlavenka von Computer Press Prag sieht die Green-Card-Aktion durchaus kritisch. Auf dem Eastern Europe IT-Forum von IDC in Prag äußerte er seine Bedenken. Gerade in Tschechien beschäftigen sich junge und kreative Firmen mit Internet und E-Commerce und sind auf der Suche nach finanzstarken Venture-Capital-Gebern. Wandern die talentierten Fachkräfte zu großen internationalen Firmen oder nach Deutschland ab, dann beeinflusst diese Entwicklung die weitere informationstechnologische Zukunft des Landes.

Die Kehrseite der Aktion: Einige Personalagenturen und Headhunter versuchen sich momentan eine goldene Nase an der Vermittlung zu verdienen. Sie überfluten manche IT-Unternehmen mit Bewerbern. "Manchmal wundere ich mich, wo sie all die hochqualifizierten Spezialisten finden", erzählt ein Personaler. "Bei manchen steckt meiner Meinung nach reine Geldmacherei dahinter, aber wenig Erfahrung."

Die Spreu vom Weizen zu trennen verlangt in vielen Fällen großes Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung. Trotzdem bietet ein Preis-Leistungs-Vergleich einen ersten Anhaltspunkt bei der Auswahl. Sercon, ein Tochterunternehmen von IBM, nahm die Personalsuche in die eigenen Hände. Guido Auberger, Leiter des strategischen Geschäftsfelds Dokumenten-Management, startete schon vor dem ersten August mit der Anwerbung von Consultants.

Vorstellungsgesprächevor OrtZusammen mit Kollegen reiste er für eine Woche zu Vorstellungsgesprächen nach Krakau, Danzig und Warschau. "Die Bewerber waren hochmotiviert und haben klare Ziele. Sie hatten sich gut auf das Vorstellungsgespräch vorbereitet", so Auberger. Im September beginnen drei weitere IT-Spezialisten aus Polen bei Sercon in Mainz. Das Unternehmen bietet seinen neuen Mitarbeitern neben einem fachlichen Training einen einwöchigen Intensivsprachkurs und anschließend einen zweistündigen Begleitkurs an.

Das Berliner Internet-Startup Datango GmbH ließ ein dreiköpfiges Team nach Indien jetten, nachdem sich auf die provokante Kampagne "Sind Sie Inder?" mehr als 130 indische Computerspezialisten gemeldet hatten. Ab September sollen drei neue Mitarbeiter das Team in Berlin verstärken. "Wir brauchen weniger reine Softwareentwickler als Produktentwickler oder Designingenieure, weshalb Indien mit seiner klaren Softwarespezialisierung vorerst nicht im unmittelbaren Fokus steht", so Claus Brauner von Infineon. Auch die Siemens-Tochter möchte sich zunächst in den angehenden EU-Staaten wie Polen, Tschechien und Ungarn nach geeigneten Mitarbeitern umsehen.

International arbeitende Unternehmen haben bei der Bewerberauswahl einen klaren Vorteil: Durch ihr Renommee und mit Hilfe ihrer Auslandsniederlassungen können sie schneller und kostengünstiger mit den geeigneten Bewerbern Kontakt aufnehmen. "Viele Gespräche finden in den Büros an unseren Standorten statt", so Alexander Fink von Debis IT-Services. Die Bewerber extra zum Vorstellungsgespräch einzufliegen ist nicht geplant. Dagegen hält Hartmut Hillebrand, Leiter Personalbeschaffung und Betreuung bei SAP, ein Vorstellungsgespräch am späteren Arbeitsort für notwendig. Schließlich haben beide Seiten Erwartungen an die künftige Zusammenarbeit, die sich in der späteren Arbeitsumgebung besser besprechen lassen.

Kulturelle Unterschiede sind ein HindernissTrotz der vielen unbesetzten Stellen sehen manche Unternehmen in Green-Card-Bewerbern nicht die idealen neuen Mitarbeiter. Die Anforderungen in sprachlicher und kultureller Hinsicht seien höher als die Qualifikation, die die Bewerber bieten, war zu hören. Die kulturellen Unterschiede stellten ein großes Hindernis dar. Erstaunlich, wie internationale Unternehmen Bewerbern aus osteuropäischen und asiatischen Ländern kommunikative Fähigkeiten und soziale Kompetenz absprechen. Die Argumentation geht in die gleiche Richtung wie die vom "nützlichen Ausländer", der für einige Jahre hier arbeiten und Sozialversicherungsbeiträge zahlen soll, um dann wieder zu gehen. Die kurzfristige Denkweise widerspricht den ethischen Prinzipien einer Demokratie und dem Selbstverständnis eines modernen Staates, der lebenswerte Grundlagen bieten muss, wenn er seine qualifizierten Arbeitskräfte nicht verlieren möchte.

Kopfzerbrechen bereiten Oliver Kuhn von Globojob deshalb die momentanen Übergriffe und Anschläge aus der rechten Szene. "Wir sprechen mit den Bewerbern ganz offen über die Situation; in ihren Heimatländern gehören die IT-Spezialisten zur Elite und sind die Kings, hier werden sie wie Wirtschaftsflüchtlinge behandelt", so Kuhn. Für die Firmen dürfte es schwierig sein, ihren neuen ausländischen Fachkräften die rechtsradikalen Ausschreitungen und Anschläge zu erklären. Interkulturelles Training alleine reicht nicht aus.

*Ingrid Weidner ist freie Journalistin inMünchen.