perfekt auswärtsEDV-Englisch zum Mitreden

04.09.1981

Computervokabeln kurzweilig verpackt und text-intern präsentiert

7. Kapitel, 2. Teil Jobkiller

Falls das Thema "Computer-Intelligenz" nicht genug hergibt, um eine Gesprächsrunde zu animieren, wenn die Diskussion akademisch entartet oder gar ins Philosophische abzugleiten droht, dann greife man zu einem bewährten Mittel, das die Beteiligten flugs auf gegenseitigen Aggressionskurs steuert. Man frage mit naiver Stimmlage, ob Computer, Roboter, Mikroprozessoren und so weiter uns alle demnächst arbeitslos machen.

Ist dieses Problem einmal "in den Raum gestellt" (Referatsdeutsch), platzt eine kommunikative Bombe. Jeder fühlt sich angesprochen, jeder hat eine dedizierte Meinung, alle möchten zu Wort kommen (gleichzeitig) und die meisten können genau erklären, wer oder was schuld hat an der Misere - und warum.

Das auslösende Stichwort lautet: "Jobkiller". Wer nun denkt, dieser Begriff sei ein übernommener Amerikanismus, der irrt. Der Schauder-Terminus, der lange Zeit im deutschen Blätterwald Furore machte und in nachrichtenschwachen Zeiten den Öko-Journalisten zwei bis drei Ungeheuer (Modell Loch Ness) sowie ein Atomkraftwerk ersetzte, kommt in englischsprachigen Publikationen selten vor. Der Verdacht besteht, daß es sich um eine kontinentaleuropäische Wortschöpfung handelt, zumal zwei in allen Sprachen bekannte Reizvokabeln kombiniert werden.

Der Ausdruck "Jobkiller" ist der Prototyp einer sogenannten semantischen Falle, das heißt, die stark negative Emotion, die in dem Wort mitschwingt, beherrscht jede Diskussion in der einer mit diesem roten Tuch tüchtig wedelt. Objekte der rhetorischen Provokation sind in der Regel die Computer und die Industrieroboter- die sozialkritische Aufklärung macht da keinen systemtechnischen Unterschied. Immer wieder läßt sich beobachten, daß die für die Rationalisierung verantwortlichen Organisatoren, wenn man ihnen einen "Jobkiller" unterjubelt, sofort Verteidigungsstellung beziehen und ihre eigene Entlastung nachzuweisen suchen, wobei sie durchweg das affektive Substantiv aufgreifen, ihrerseits verwenden - und damit ungewollt seine begriffliche Existenz ratifizieren.

Hat die semantische Falle ein paarmal funktioniert, ist der "Jobkiller" spruchreif und fernsehfähig; er belebt dünne Debatten, erhitzt die Gemüter und sorgt ringsherum für erhöhte Einfalt bei der Analyse sozialökonomischer Vermutungen.

Ihrer emotionalen Fracht entledigt, kann die Vorstellung von der arbeitsreduzierenden EDV (plus Robotik) natürlich einen berechtigten Platz in einer sinnvollen Auseinandersetzung einnehmen. Trotzdem wird es wahrscheinlich Jahrzehnte dauern, bis in den Industrienationen ein allgemeiner Konsens erreicht ist über die genaue Abgrenzung von Mensch und Maschine in der Arbeitswelt. Notgedrungen wird man sich auf ideologiefreie Einsichten konzentrieren müssen, um unrealistischen Spekulationen vorzubeugen und der Produktivität innerhalb der "veränderten Sozialstruktur den rechten Stellenwert einzuräumen" (wieder Referatsdeutsch). Ein Blick auf die überseeischen Technologiestaaten mag in diesem Zusammenhang erhellend sein: In den vergleichsweise sehr automatisierten USA scheint der Rationalisierungsgedanke weniger Aversionsgefühle (bei den Betroffenen) zu produzieren als in Deutschland, England oder Frankreich. Als Ronald Reagan 1981 in Washington die Regierung übernahm, fand sein Vorhaben, die teure Bürokratie samt der überflüssigen Planstellen wegzurationalisieren, weithin Zustimmung. Das war um die gleiche Zeit, als hierzulande ernstgemeinte Vorschlage laut wurden, wonach Bund, Länder und Gemeinden die durch Rationalisierung freigewordenen Arbeitskräfte aus der Privatwirtschaft in zusätzlichen öffentlichen Pseudo-Positionen beschäftigen sollten. (Manche sprachen auch ganz zutreffend von "unterbringen"). Das Geld für die Auffangstellungen war nach Meinung einiger Plandenker teilweise dadurch zu beschaffen, daß man alle behördlich Bediensteten mit Jahresgehältern über 50 000 Mark auf ihrem Einkommensstatus vorübergehend einfriert.

Präsident Reagan, an unsentimentale Wirtschaftsentscheidungen gewöhnt, wollte überhaupt kein Geld in das stecken, was er als unproduktiv - ja sogar als gegenproduktiv ("counterproductive") ansah.

Reagan had good reasons for his views, because bureaucracies, in any government, develop an ability to cling to life even after their work is done. Example: The Rural Electrification Administration (REA) was set up in 1935 as an emergency relief program to bring electricity to the farms of the United States. In 1981, more than 99% of the farms were electrified, but the REA still had 740 people spending a budget of 29 million dollars.

Nun bedarf es gewiß eines Computers, um "Beschäftigungsverhältnisse" dieser Art zu beenden. Nicht einmal von "Jobkilling" kann die Rede sein, höchstens vom Auslaufen der Rentenzahlungen.

Was den Roboter-Einsatz, also die eigentliche industrielle Rationalisierung der Montage-Arbeitsplätze betrifft, vertreten viele Amerikaner einen Standpunkt, der dem Stolz des Franzosen auf seine herausragende Rolle beim Aufbau der Kernenergie ähnelt: pride in the global power of a nation.

Any country that develops the capacity to run its factories around the clock seven days per week with only a few hundred operators will have a tremendous advantage, because this capability will allow goods (also military weapons) to be produced in enormous quantities at extremely low costs. The country that possesses such a large surplus of efficient production facilities will play the leading role in the world.

Zu Beginn der 80er Jahre standen übrigens die meisten Industrieroboter nicht in den USA, sondern in Japan am Fließband - im Verhältnis 10 zu 3. Das Inselreich verfügt zudem über die dynamischste Roboterproduktion, und so hegt Amerika begründete Furcht vor einer immer stärkeren Invasion japanischer Erzeugnisse aus den "unmenschlichen" Fabriken.

Nach Lage der Dinge dürfen wir Deutsche ebenfalls vor der fernöstlichen Wirtschaftsmacht ein wachsendes Unbehagen verspüren: Sind die Japaner denn überhaupt nicht zu bremsen?

Vielleicht ist jemand so freundlich und übersetzt das Wort "Jobkiller!" samt der dazugehörigen Polemik in die Sprache Nippons, damit die Schnellschaffer vor sich selber Angst kriegen: Schließlich möchten die Leute ja auch ihre Fleißarbeitsstellen behalten . . .

Szenario: Computer und Gewerkschaft

Liebe Freunde und Genossen! Das Exekutivkomitee der Brotherhood of Buccaneers hat euch zu diesem Außerordentlichen Gewerkschaftstag nach Bowling-on-the-Beach gerufen, damit ihr eure eigene Auflösung beschließen könnt, wenn ihr wollt ("should you so desire"), denn nichts weniger als das verlangt eine Resolution, die unsere ehrenwerten Mitbrüder Captain Flint, Jeremiah Hook, John Silver und Mack the Knife unterzeichnet haben - zum Teil kreuzweise - und die nun zur Abstimmung vorliegt. Ihr kennt den Inhalt aus zahllosen Debatten, liebe Freibeuter. Man argumentiert mit Hinweisen auf den technologischen Wandel in unserem Beruf, auf den Übergang der Produktionsgenossenschaften in Service-Betriebe und auf die Pläne der Regierung, die Löhne künftig an der Inflationsrate zu indexieren.

Man muß in der Tat zugeben, daß uns der Wind ins Gesicht bläst, seit wir ihn nicht mehr zum Segeln brauchen. Die einträglichen Galeeren sind passe, vorbei die schönen Jahre, als jeder frustrierte Ruderer bei uns Mitglied werden wollte. Heute gibt's nicht mal mehr nautisches Personal, nur ein paar Operatoren, die dem Kurscomputer die Ko-ordinaten des Zielorts eintasten und zwischendurch - in their spare-time, I hope - auf Barbados Papagallo für sexverrückte Touristinnen spielen. Auch die karibischen Schatzgräber sind der Peitsche ihrer Aufseher entfleucht und spekulieren jetzt mit Petrodollars, anstatt Gold zu fördern oder Playboys zu kidnappen.

Gone are the good old days of mean old bosses, when our union members were hard-working labourers fighting and striking for their wages. Indeed this is not the image the white collar service sector employee wants to identify with. Many of the young potential pirates have run away from the trade, modeling themselves after the white collar class. This generation of employees prefers managerial work, insisting on computer support for whatever they do (or don't do).

Da fragt man sich natürlich beunruhigt, wo wir unseren Gewerkschaftsnachwuchs herkriegen sollen. Die jungen Leute sind total versnobt, was den aktiven Syndikalismus betrifft. Das ist ihnen alles nicht fein genug. Keiner will sich mehr mit den handfesten Haudegen unserer Zunft solidarisieren. Sie sind nur darauf bedacht, einen Status im Management zu erreichen - als ob der Intimverkehr mit Chips und Mikroprozessoren etwas an ihrer Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse ändern würde!

Damit wären wir beim Zentralthema dieser nachindustriellen Gewerkschaftskrise, liebe Korsaren: eben bei der Lohnindexierung, mit der uns das Government in London eine epochale Freude bereiten wollte, wohl wissend, wie weh uns das tut. Denn sind die Löhne und Gehälter aller Angehörigen der Brotherhood of Bucconeers erst einmal an die Kaufkraft gekoppelt und werden halbjährlich korrigiert, so kann das den Untergang unseres Verbandes bedeuten, verehrte Frevler. Because if workers' demands are met by automatic cost-of-living increases - what will become of the traditional collective bargaining process? The labour movement will be faced with a dim future. What (if any) is the role of the unions in this new era? Wer zahlt uns noch Beiträge, wenn die Lohnerhöhungen gesetzlich verankert sind?

Schuld an der Entwicklung hat die EDV, genauer: das Programmpaket WUTS (Workers' Union Tariff System), das die Arbeitsentgelte in kybernetischer Schleife mit den Lebenshaltungskosten verknüpft und auf allen Lohnkontos die jeweilige Erhöhung fortschreibt - online, versteht sich. Implementierung und Ablauf solcher syndikatsfeindlicher Software überwacht eine paritätische Kontrollkommission.

Hochgeschätzte Gewinnabschöpfer: Ich bin dagegen! Ich bin ebenso gegen die beantragte Selbstauflösung unserer Bruderschaft. Statt dessen fordere ich die Regierung auf, das kontinentaleuropäusche Modell auf unsere alte Insel zu übertragen.

Ihr wißt, was ich meine: In den Ländern jenseits des Kanals zählt man die Einheitsgewerkschaften zu den staatstragenden Institutionen, denen die Obrigkeit mit Wohlwollen begegnet. Natürlich erfolgen auch dort die Lohnsteigerungen nach computerkalkulierten Inflationsraten, nur (und das ist der entscheidende Unterschied): Das zementierte Ritual ist anders - es richtet sich nach dem tradierten Tarifrundenschema und bezieht die Gewerkschaften voll ein. Wie verlautet, sind sogar Bestrebungen im Gange, die Beiträge für obligatorisch zu erklären und zusammen mit der Lohnsteuer von Amts wegen zu erheben so daß die Arbeitnehmerorganisation nicht ständig um ihren abschmelzenden Mitgliederbestand bangen muß sondern sich auf das tarifliche Formelspiel mit dem Sozialpartner konzentrieren kann.

Auch wir, liebe Briganten, müssen uns konzentrieren auf das, was kommt. Denkt an die mutmaßliche Arbeitslosigkeit, die den Weg zur postindustriellen Informationsgesellschaft flankiert. Rather than unemployment being a temporary period in many workers' lives, it may be a permanent feature of some but entirely absent for others. With a smaller number of jobs in the automated pirate centres (especially for the unskilled) competition for work will be fierce, with those employed fighting hard for their status. The unions could end up losing their historical identity with the unemployed - but this, dear brothers, must never happen!

Ich schlage deshalb vor, nach der Teepause alsbald zum nächsten Punkt der Tagesordnung überzugehen.

Wie sagte doch die Seeräuber-Jenny, als sie ihrem kleinen Bruder zum Pipimachen aus der Latzhose half? Es gibt viel zu tun. Packen wir's an!

Wird fortgesetzt