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Peer-to-Peer: Intel predigt sein neues Mantra

25.08.2000
IBM und HP schließen sich Industrie-Allianz an

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Peer-to-Peer-Systeme (P2P) werden eine neue Computerära einläuten, prophezeite Patrick Gelsinger gestern auf dem Intel Developer Forum (IDF) im kalifornischen San Jose. Der Chief Technology Officer (CTO) der Intel Architecture Group stellte das Industriekonsortium "Peer-to-Peer Working Group" vor, das sich unter der Führung des Halbleiterriesen für die Verbreitung der Technologie für die verteilte Datenverarbeitung einsetzen und sich um Skalierbarkeit, Sicherheits- und Manangement-Aspekte kümmern will. Zu den bereits beigetretenen Mitgliedern der Industrie-Allianz gehören neben 16 kleineren Firmen auch die Schwergewichte IBM und Hewlett-Packard (HP).

Auf einen einfachen Nenner gebracht, wird beim P2P-Networking die Rechenleistung voneinander räumlich entfernter Computer über das Internet zusammengeschaltet, um anspruchsvolle Aufgaben ohne zentrale Server zu bewältigen. Auf Unternehmen übertragen könnte dieses Prinzip laut Intel die nutzbare Rechenleistung mehr als verdoppeln. Werden Desktops und andere Computersysteme via P2P zusammengeschlossen, könnten diese ihre Prozessorleistung gegenseitig nutzen. Via P2P-Networking wird dabei auf jene Systeme zugegriffen, die noch über freie Kapazitäten verfügen. Neu ist diese Idee jedoch nicht. Es gibt bereits Projekte, die das Prinzip vormachen wie beispielsweise Java Spaces von Sun Microsystems.

Ein ähnliches Konzept besitzt auch das in die Schlagzeilen geratene Online-Unternehmen Napster bezüglich der gemeinsamen Datenhaltung. Bei der Musiktauschbörse werden die Daten nicht mehr auf Servern bereitgestellt, sondern lediglich die Informationen, auf welchen Client-Rechnern diese zu finden sind. Mitglieder des Services können auf diese Weise ohne Umweg auf Musik-Dateien eines anderen Teilnehmers zugreifen.

"Wir haben bisher Kosten von mehr als 500 Millionen Dollar durch unsere hausinterne P2P-Technologie eingespart," behauptete Gelsinger. Intel setzt sein auf den Namen "NetBatch" getauftes Programm bereits seit 1990 ein. Das System versorgt die Chip-Designer des Halbleiterriesen mit zusätzlicher Rechenleistung von den Computern ihrer Kollegen. Angeschlossen sind Produktionsstätten in Kalifornien, Arizona und Israel. Vor dem Start von NetBatch habe Intel "Mainframes wie Süßigkeiten" eingekauft, erzählte Gelsinger. Dabei sei die Rechenleistung der Workstations nur zu 30 und die der Server nur zu 50 Prozent genutzt worden. Durch P2P habe man die Auslastung inzwischen auf 70 beziehungsweise 80 Prozent angehoben.

Unbeeindruckt zeigte sich der Manager bezüglich der von Experten erwarteten Entwicklung, dass die bessere Nutzung von einzelnen Computern zu einem Rückgang bei der Nachfrage nach Intels Server-Prozessoren führen könnte. Gelsinger zufolge würden nur in einzelnen Fällen weniger Rechner verkauft werden. P2P werde eine Reihe neuer Applikationen hervorbringen und dadurch das Interesse an größerer Prozessorleistung ankurbeln.

Einige Industrievertreter, die bereits P2P einsetzen, pflichteten dem Intel-CTO bei - so auch David Anderson, Gründer der SETI@home-Website, über die Teilnehmer aus allen Erdteilen via Web nach Lebenszeichen von Außerirdischen suchen. Einer Analystin zufolge könnten Unternehmen sogar eher bereit sein, mehr Geld für schnellere Prozessoren hinzublättern, wenn diese besser ausgelastet würden.

Andere Beobachter sind von dem Erfolg des P2P-Computing weniger überzeugt. Sie befürchten vor allem, dass die Technologie hohe Sicherheitsrisiken berge. Nach Informationen des Brancheninformationsdienstes "Computerwire" soll SETI@home bereits Opfer mehrerer Hackerangriffe geworden sein. Ein anderer Anbieter von File-Sharing-Applikationen, Freenet, wies die harte Kritik an P2P heftig zurück. P2P sei nicht, wie behauptet wird, empfindlicher für Sicherheitsverletzungen als andere Computermodelle. Ein Programmierer des Unternehmens erklärte: "Man muss die Software eben mit Sicherheits-Features ausstatten," und verwies auf Verschlüsselungsfunktionen in der hauseigenen Lösung.