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AOK-Arztnavigator

Patienten sollen Ärzte im Internet benoten können

13.09.2010
18 Mal pro Jahr gehen Deutschlands Bürger im Schnitt zum Arzt. Doch wenn sie sich schlecht betreut fühlen, sind sie wehrlos.

Künftig sollen sie ihre Ärzte im Internet bewerten können. Der AOK-Arztnavigator soll nun bundesweit online gehen.

Noch ist der AOK-Arztnavigator ein regionales Pilotprojekt. Anfang 2011 soll er bundesweit starten.
Noch ist der AOK-Arztnavigator ein regionales Pilotprojekt. Anfang 2011 soll er bundesweit starten.

Die Ranglisten können unerbittlich sein. Zunächst sucht der AOK-Arztnavigator Mediziner in der Nähe des Nutzers. Doch mit zwei Klicks können sich die Patienten Rankings anzeigen lassen: Je zufriedener sie mit einem Arzt sind, desto weiter oben wird er dann angezeigt. Geben viele an, sie würden mangelhaft betreut, rutscht der Mediziner nach unten. Mit klaren Prozentzahlen soll die derzeit in Pilotregionen getestete Onlinebewertung Anfang 2011 bundesweit an den Start gehen.

Für die Beurteilung zuständig sind zunächst nur jene unter den 24 Millionen AOK-Versicherten, die sich die Mühe machen und ihre Ärzte im Netz bewerten. Offen sind die Ergebnisse aber für alle. Als die AOK den Plan für den Arzt-Navigator vor einem Jahr erstmals erwähnte, brach umgehend ein Sturm der Entrüstung los. Die Ärzte wollten sich nicht an den elektronischen Pranger stellen lassen.

Doch nun gibt der Vizechef des AOK-Bundesverbands, Jürgen Graalmann, teilweise Entwarnung: "Die Patienten werden keine Möglichkeit haben, Schmähkritik abzugeben." Freitextfelder, in denen man seinem Unmut nach Gutdünken Luft machen kann, seien zwar beliebt, brächten aber keine echten Erkenntnisgewinne.

Stattdessen soll es nun 33 Fragen geben. Hört der Arzt gut zu? Erklärt er Diagosen und Behandlungen verständlich? Hat er seine Praxis gut organisiert? Muss man lange warten? Und schließlich: "Würden Sie diesen Arzt Ihrem besten Freund/Ihrer besten Freundin weiterempfehlen?" Kommen mehr als zehn Bewertungen zusammen, werden die Ergebnisse freigeschaltet. Der Arzt kann der Veröffentlichung widersprechen - doch das wird dann auch auf der Seite vermerkt.

Zu erwarten ist ein gemischtes Bild. Nach einer neuen Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) unter 3000 Bundesbürgern meint jeder vierte, der zuletzt aufgesuchte Arzt sei nicht allen möglichen Ursachen eines Leidens nachgegangen. 22 Prozent fühlen sich nicht umfassend informiert. Jeder Zehnte meint, nicht notwendige Behandlungen verordnet zu bekommen. Insgesamt sind aber 82 Prozent mit der Behandlung durch ihren Arzt zufrieden oder sehr zufrieden.

An Details basteln die AOK-Experten noch. Erfahrungen sammeln sie in den Pilotregionen Berlin, Hamburg und Thüringen. Die Barmer GEK peilt eine Beteiligung an der Seite an. Die scharfe Gegenwehr der Ärzteschaft ist zumindest an deren Spitze Duldung bis Unterstützung gewichen. "Der Fragebogen ist nach hohen wissenschaftlichen Standards entwickelt worden", lobt Carl-Heinz Müller, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Müller hält allerdings erst 60 Bewertungen für so aussagekräftig, dass die Beurteilung den Ärzten selbst im Ringen um mehr Qualität in der Praxis hilft.

Nach einer Studie der Stiftung Gesundheit haben 52 Prozent der Ärzte ein System in ihrer Praxis eingeführt, das die Qualität absichern soll. Bei vielen Praxisärzten schleifen sich aber Abläufe ein, die es nicht geben sollte - etwas wenn die Arzthelferin ein Rezept ausstellt und der Arzt nur noch unterschreibt. Oder wenn die Zuständigkeiten für Wartung und Reinigung der Geräte, Patientenakten und Laborbefunde nicht klar geregelt sind.

Den Patienten bleibt es oft nicht verborgen, wenn es hinter der weißen Fassade einer Praxis ruckelt. Per Mausklick könne sie ihren Eindruck bald weitergeben. Künftig soll der Navigator auch auf Zahnärzte und Psychotherapeuten ausgeweitet werden. Graalmann: "Da scheint es besonderen Bedarf zu geben." (dpa/tc)