Magnetbänder und optische Platten sind als Langzeit-Archivmedium nur zweite Wahl:

Papier und Mikrofilm halten Daten am längsten

27.02.1987

Akten- und Datenbestände, die man über sehr lange Zeit aufheben und außerdem immer greifbar halten möchte, sollten nicht in Form von Magnetbändern oder als Informations-Bits auf optischen Platten gespeichert werden, sondern, auch wenn dies altmodisch scheinen mag, am besten auf haltbarem Papier oder in Gestalt von Mikrofilmen. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die die Nationale Akademie der Wissenschaften der Vereinigten Staaten unlängst abschloß.

Die Akademie beantwortet damit eine dringende Anfrage der US-Behörde für Nationale Archive, denn die hat mit der Langfrist-Aufbewahrung interessanter Daten und Dokumente in der Tat eine Menge Probleme.

Allein das Gebäude des US-Nationalarchivs in der Bundeshauptstadt Washington beherbergt derzeit rund drei Milliarden regierungsamtliche Dokumente, die nicht nur bis weit in das vergangene Jahrhundert zurückreichen, sondern die auch aktuelle administrativ oder wenigstens historisch-statistisch relevante Daten umfassen. So beispielsweise die Renten-Dateien über ehemalige Soldaten oder Aufzeichnungen der Einwanderungsbehörden.

Ein Sechstel der Bestände in dürftigem Zustand

Diese Akten werden zwar sorgfältig verwahrt und geschützt-doch zumindest bei jenen, die immer wieder mal angefordert und eingesehen werden, ist dennoch ein rapider Verfall zu konstatieren. Denn jedesmal, wenn ein Dokument aus seinem stabilen Langzeit-Metallbehälter ans Licht gefördert und bearbeitet wird, leidet es. Und so muß das US-Nationalarchiv heute schon bei rund einem Sechstel seiner Bestände konstatieren: Sie sind in dürftigem Zustand - und sie verkommen immer mehr . . .

Gerade weil aber nun der physische Umgang mit papierenen Dokumenten deren Lebensdauer sichtlich verkürzt, ist auf den ersten Blick kaum verständlich, warum die Experten der Nationalen Akademie der Wissenschaften dennoch wieder zu Papier oder Mikrofilm raten und eben nicht zu den scheinbar doch hochmodernen, attraktiven Medien Magnetband oder optische Platte.

Der Verdacht, hier könnten Technikfeinde am Werk sein, verfliegt Asch, nimmt man die Argumente der konsultierten Archiv-Experten näher unter die Lupe. Denn dann liest man in Hinblick auf magnetische und optische Speichermedien die nüchterne Feststellung, die hierbei konkret genutzten Techniken und Verfahren seien eigentlich alle einem "sehr raschen Wandel" ausgesetzt. Denn in den letzten 30 Jahren habe man allein schon im Spezialfall der Video-Bandspeicher nicht weniger als neun verschiedene Formate erlebt; Formate, von denen schon heute eine ganze Reihe "obsolet" seien. Und außerdem werden von den Maschinen, die man zum Aufzeichnen beziehungsweise Auslesen der magnetisch gespeicherten Daten und Bilder benötigen würde, viele heute entweder längst nicht mehr hergestellt oder nicht mehr gewartet und mit Ersatzteilen versorgt.

Folgt man diesen Argumenten der Wissenschaftler, so sind Magnet-Aufzeichnungs- und -Lese-Geräte also eine Ware, die mit der Zeit ganz einfach dahinschwindet; und das gleiche, so wird angemerkt, gelte auch noch für die zum Aufzeichnen und Lesen erforderliche Software: Denn auch sie sei vielfach schon nicht mehr greifbar, geht es um das Lesen älterer Formate.

Doch während man dieser Entwicklung vielleicht dadurch entgegenwirken könnte, daß man im Bereich der Langzeit-Archivierung einfach mal die "Gesetze des Marktes" außer Kraft setzt und behördlich für die "immerwährende" Belieferung mit der nötigen Hard- und Software sorgt, sieht es düsterer aus, wendet man sich der konkreten Lebensdauer der Datenträger selber zu. Denn, so der Bericht aus Amerika, magnetische Bänder und Platten haben ja bloß eine Lebensdauer von zehn bis 20 Jahren. Denn da die Bänder gewissen Streckungen unterliegen können und da die Bindemittel, die die Magnetpartikel eines Bandes an Ort und Stelle fixieren sollen, unstabil sein können - eben deshalb sei es nötig, magnetisch aufgezeichnete Dateien etwa alle zehn Jahre zu lesen und dann neu abzuspeichern.

Erhebliche Verluste durch minimale Beschädigungen

Ein weiteres Problem der magnetischen Speicherung hat ironischerweise damit zu tun, daß auf diesem Feld in den letzten Jahrzehnten immer neue Rekordmarken abgesteckt werden konnten. Denn heute, so betonen die Skeptiker, sei es möglich, auf kleinster Fläche schon derart viele Informationen abzuspeichern, daß nun selbst minimale Beschädigungen des Mediums erhebliche Verluste an Daten nach sich ziehen können. Doch genau dies sei aber gewiß nicht im Sinne eines immerwährenden Archivs.

Diese letztere Kritik gilt natürlich nicht allein für moderne Magnetband-Techniken, sondern erst recht für die extrem dicht beschreibbaren, optischen Platten. Denn hier lassen sich auf einer schallplattengroßen Scheibe ja schon heute rund eine Million A4-Seiten speichern, was etwa 1000 gewöhnlichen Aktenordnern beziehungsweise einem 25 Meter langen Aktenschrank gleichkommt. Allerdings: Nur auf Medien wie diesen optischen Platten kann man jede gewünschte Seite, kennt man nur überhaupt ihre Adresse, binnen höchstens anderthalb Sekunden wiederfinden. Und zwar nicht nur aus einer, sondern gleich aus einem Dutzend solcher Platten.

Dem raschen Zugriff steht bei optischen Platten und anderen "dicht" speichernden Medien also ein gewisses Zerstörungsrisiko gegenüber - und nicht nur das. Denn, so wird außerdem amtlich notiert, niemand weiß heute, was für Langzeit-Eigenschaften man jenen Materialien eigentlich zuschreiben müsse, mit denen die Platten beschichtet seien. Derzeit gebe es nämlich allenfalls Schätzungen, und die gestehen optischen Platten maximal 20 Jahre Lebensdauer zu.

Lebensdauer optische Platten zu kurz

Da sieht es nun völlig anders aus, betrachtet man Papier oder auch Mikrofilm. Denn beide Materialien, so das Expertengremium, überdauern bei sorgsamer Pflege leicht Hunderte von Jahren. Wobei diese Aussage aber im Falle der Papiere eigentlich nur für jene gilt, die noch auf gute alte Art hergestellt wurden und die teilweise ja auch schon mehrere hundert Jahre alt sind; denn die neueren, "modernen" Papiere weisen einen zu hohen Anteil an Säure auf und zerfallen daher schon nach etwa 20 bis 30 Jahren.

Es sei daher gut, lautet die Empfehlung der Fachleute, Archivmaterial auf spezielles Papier aufzuzeichnen, das säurefrei sei und das heute übrigens kaum mehr teurer komme als die rasch zerfallenden Blätter üblicher Machart. Und das gleiche Langzeit-Papier sollte natürlich auch immer dann verwendet werden, wenn zerfallsbedrohte Dokumente aus neuerer Zeit fotokopiert und dann gleich wieder dem Archiv zugeführt werden.

Die Speicherung auf "gutem" Papier würde aber nicht nur jahrhundertelange Stabilität garantieren, sondern auch der allzu starken Informations-Konzentration mit ihrem Risiko des Massen-Datenverlusts bei kleinen Beschädigungen vorbeugen. Doch dieses letztere Argument verliert ein wenig an Kraft, sieht man sich nach Alternativen um: Denn auf gleichem Raum wie Papier-Dokumente ließen sich ja auch mehrere Band- oder Plattenkopien der gleichen Daten speichern. Und verteilt man diese diversen Kopien nun noch räumlich-geografisch, so läßt, wie man die zitierten Empfehlungen kritisieren muß, die Gefahr des Datenverlusts sich eher noch stärker eingrenzen als durch den einfachen Übergang auf Speichermedien geringer Datendichte. Denn nun gehen dank Redundanz ja überhaupt keine Daten mehr verloren, kommt es lokal mal zu einer Beschädigung. Es stehen immer noch - beliebig viele - intakte Kopien bereit.

Und außerdem ließe sich's auf die Daten maschinell schneller zugreifen. Vorausgesetzt natürlich, die entsprechenden Maschinen sind nicht längst in Museen gelandet.