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Palms Börsengang füllt 3Com die Kassen

03.03.2000
Aktie gewinnt am ersten Tag um 150 Prozent

MÜNCHEN (kg)- Der fieberhaft erwartete Börsengang des Handheld-Spezialisten Palm Inc. hielt, was er versprach. Die Aktie stieg am ersten Tag um 150 Prozent und notierte zum Börsenschluss bei 95 Dollar. Damit wird die Company mit 53 Milliarden Dollar mehr als doppelt so hoch bewertet wie der Mutterkonzern 3Com, dessen Aktie gestern um über 20 Prozent absackte.

Die Palm-Aktie (Nasdaq: PALM), deren Ausgabepreis nach mehrmaliger Erhöhung bei 38 Dollar lag (CW Infonet berichtete), wurde am gestrigen ersten Börsentag in der Spitze mit bis zu 165 Dollar gehandelt, fiel bis zum Börsenschluss allerdings auf 95,06 Dollar. Mit einer Marktkapitalisierung von 53,4 Milliarden Dollar hat Palm damit Industriegrößen wie Compaq mit 45,3 und Apple mit 19,7 Milliarden Dollar hinter sich gelassen. Allerdings liegt auch der Marktwert der Muttergesellschaft 3Com deutlich unter dem von Palm. Die Aktie des Anbieters von Netzwerklösungen fiel gestern um 22,31 Dollar auf 81,80 Dollar und reduzierte den Börsenwert des Unternehmens auf 28 Milliarden Dollar.

Nachdem 3Com im vergangenen Jahr seine Pläne bekannt gegeben hatte, die Handheld-Tochter an die Börse zu bringen, war der Kurs der Netzwerker steil in die Höhe geschossen. Allein in diesem Jahr hatte sich die Aktie verdoppelt - seit Mai 1999 gerechnet sogar zeitweilig verfünffacht. Diesen Höhenflug verdankte die Networking-Company Wallstreet-Experten zufolge jedoch nur seiner Tochter Palm und der Tatsache, dass sie lediglich fünf Prozent oder 23 Millionen Palm-Anteile in den öffentlichen Handel brachte. Damit habe der Konzern eine künstliche Knappheit erzeugt. Die Ankündigung, dass die 94 Prozent der Palm-Aktien, die in 3Coms Besitz blieben, noch in diesem Jahr an die eigenen Aktionäre verteilt werden sollten, erzeugte einen Run auf die Anteile der Mutterfirma. Die verbleibende einprozentige Palm-Beteiligung ging im übrigen an die Partnerunternehmen AOL, Motorola und Nokia.

Bereits im Vorfeld des Börsengangs hatten sich die Analysten kritisch zu 3Coms Wertzuwachs geäußert. Dieser spiegele nicht die Leistung des Unternehmens, sondern lediglich die hohen Börsenerwartungen bezüglich Palm und dessen Handheld-Technologien wider. Das Netzwerkunternehmen produziert Switches, Hubs und Routers sowie Personal-Connectivity-Lösungen wie Modems und Adapterkarten. In nahezu allen Geschäftsbereichen stagniert 3Com jedoch und kann mit den Marktführern Cisco, Lucent und Nortel nicht mithalten. Im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres meldete das Unternehmen einen Umsatzrückgang von vier Prozent auf 1,4 Milliarden Dollar. Daraufhin nahm Finanzchef Chris Paisley seinen Hut (CW Infonet berichtete). 3Com-Chef Eric Benhamou warnte die Wallstreet-Analysten kürzlich, dass die Unternehmenszahlen für das dritte Geschäftsquartal, das in der letzten Woche zu Ende ging, ebenfalls enttäuschend ausfallen werde. Dennoch habe 3Com eine "aufregende" Zukunft vor sich mit neuen Produkten wie Hochgeschwindigkeits-Modems, Ausrüstung für Home-Networking und mobile Telefonnetze. In die noch nicht abgeschlossene Umstrukturierung seines Unternehmens sollen die Erlöse aus dem Palm-Börsengang investiert werden. Benhamou erwägt unter anderem Zukäufe.

Der Erfolg des Going Public unterstreicht die zunehmende Bedeutung von tragbaren Taschen-Computern mit mobilem Internet-Zugang. Palm ist mit 70 bis 75 Prozent Marktanteil unangefochtener Branchenführer. Seine Handhelds, die unter anderem auch von IBM vermarktet werden, dringen zunehmend auch in die Unternehmen vor. Der US-Wertpapierhändler Charles Schwab beispielsweise erwägt derzeit, 300 Mitarbeiter seines Serviceteams mit den Handhelds auszustatten. Palm erobert zudem die neue Generation von PDAs (Personal Digital Assistants), die Computer und Telefon auf sich vereinen. Qualcomm hat das in Lizenz vermarktete Betriebssystem Palm OS bereits in seine neuen Smartphones integriert, der finnische Handyhersteller Nokia will es dem US-Mobilfunk-Spezialisten im nächsten Jahr gleich tun. Auch der japanische Elektronikkonzern Sony hat angekündigt, Palms Software in ein neues, noch geheimes Consumer-Gerät einzubauen.

Doch Palm ist nicht allein im Markt für Handheld-Geräte und -Betriebssysteme. Microsoft versucht mit seinen Windows-CE-Geräten dem Kulthersteller Konkurrenz zu machen. Auch das Herstellerkonsortium Symbian, dem unter anderem Nokia, Ericsson, Motorola und Psion angehören, drängt mit seinem Handheld-OS "Epoc" auf den Markt. Und schließlich gibt es noch den PDA-Spezialisten Handspring, der vom Palm-Gründerteam Jeff Hawkins und Donna Dubinsky, ehemals President bei Palm, gegründet wurde. Beide verließen 1998 die 3Com-Tochter.

Der Weggang von Hawkins und Dubinsky wirft einen weiteren Unsicherheitsfaktor auf: das im Handheld-Markt relativ unerfahrene Management. Chef der 3Com-Tochter ist Carl Yankowski, der früher für Sony und den Turnschuhhersteller Reebok tätig war. Er steht seit Dezember 1999 bei Palm in Lohn und Brot. Nur einer von Palms 13 Top-Managern ist seit mehr als zehn Monaten im Amt.