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Palm bringt erste Tungsten-Hardware

28.10.2002
Palm hat seine ersten Tungsten-Handhelds vorgestellt - das ausziehbare Modell "T" mit Palm OS 5 und ARM-basierendem Prozessor und das Modell "W" mit GSM/GPRS-Funktionalität.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der Handheld-Pionier Palm gibt heute mit den zwei ersten Geräten seiner "Tungsten"-Produktlinie für den Unternehmenseinsatz den Startschuss für eine neue Hardwaregeneration - hoffentlich nicht zu spät, denn das um Microsoft gescharte Pocket-PC-Lager hat bereits mächtig aufgeholt.

Dass Palm - und dessen Vorgänger 3Com - den Markt für PDAs (Personal Digital Assistants) überhaupt geschaffen hat, ist zwar ein historischer Bonus, interessiert den aktuellen Markt aber herzlich wenig. Im Firmenumfeld sind immer häufiger Pocket-PC-Geräte anzutreffen, die Microsoft mit seinen Hardwarepartnern in gewohnter "Embrace-and-Extend"-Manier in den Markt gedrückt und geschickt mit den hauseigenen Backend-Produkten integriert hat.

Palm setzte zu lange auf die pure PIM-Funktionalität - mit seiner überalterten Hardware auf Basis der "Dragonball"-CPU von Motorola waren multimediale Fähigkeiten, wie sie die aktuelle Pocket-PC-Generation mit "StrongARM"- und inzwischen sogar "Xscale"-Chips von Intel längst besitzen, auch gar nicht möglich. Vor geraumer Zeit entschloss sich dann auch Palm zum Umstieg auf ARM-basierende Prozessoren. Dazu musste zunächst ein komplett neues Betriebssystem programmiert werden, das Palm OS 5. Der Umstieg dauerte länger als geplant und ist mit dem heutigen Tage abgeschlossen.

Tungsten T - ein Kraftzwerg

Beim Design des neuen "Tungsten T" will Palm ganz offensichtlich einen Vorteil weiter ausbauen, den seine Handhelds stets gegenüber der Microsoft-Konkurrenz bewahren konnten - ihre kompakte Baugröße nämlich: Der Tungsten T misst 10,2 x 7,5 x 1,5 Zentimeter und wiegt inklusive Stylus 157 Gramm. Er ist ausziehbar und zeigt sein "Graffiti"-Eingabefeld nur in ausgefahrenem Zustand. Er verfügt über ein Display mit 16-Bit-Farbe und einer Auflösung von 320 x 320 Pixel, wie es Palm-OS-Lizenznehmer - allen voran Sony - schon seit längerem anbieten, 16 MB eingebauten Speicher (davon 14 effektiv nutzbar) und einen Steckplatz für SD-Erweiterungskarten (Secure Digital). Ein Mikrofon ist integriert und ermöglicht das Aufnehmen von Sprachmemos - stereo und im .WAV-Format (die Wiedergabe über den ebenfalls eingebauten

Lautsprecher klingt allerdings ein wenig blechern).

Herzstück des neuen Geräts ist der auf 144 Megahertz getaktete Prozessor "OMAP 1510" (Open Multimedia Applications Platform) von Texas Instruments, der einen ARM-Kern mit einem DSP (Digital Signal Processor) kombiniert. Als Betriebssystem kommt erstmals das Palm OS 5 zum Einsatz; Sony hatte kürzlich bereits seine ersten Geräte auf Basis der neuen Plattform vorgestellt (Computerwoche online berichtete). Rund 80 Prozent aller bisherigen Palm-OS-Anwendungen laufen auch unter dem neuen OS, allerdings nur in einer Emulation. Nur neu entwickelte oder angepasste Software kann aber den vollen Funktionsumfang von Palm OS 5 ausnutzen. Der Tungsten T ist ab sofort zu haben und kostet bei Palmdirect hierzulande 597,40 Euro; in den USA ist für 499 Dollar zu haben.

Tungsten W: Bewährte Technik plus Wireless

Die zweite Palm-Neuheit des heutigen Tages ist der "Tungsten W". Dieser verwendet zwar den älteren Dragonball-Prozessor mit 33 Megahertz und das bekannte Palm OS 4.x, verfügt aber erstmals über eingebaute GSM- und GPRS-Mobilfunk-Funktionalität (Triband). Mit seinen bisherigen Wireless-Handhelds "Palm VII" und dessen Nachfolger "i705" hatte das Unternehmen den europäischen Markt sträflich ignoriert.

Auch der Tungsten W kommt mit 16-Bit-Farbdisplay mit 320 x 320 Pixel, 16 MB Arbeitsspeicher und SD-Erweiterungssteckplatz. Im Gegensatz zum T-Modell verfügt er über eine Miniaturtastatur, wie man sie von Handsprings "Treo" oder den RIM-Handhelds kennt. In den USA kommt er im ersten Quartal kommenden Jahres für 549 Dollar auf den Markt; in Großbritannien wird er gemeinsam mit Vodafone gelauncht. In Deutschland ist das Gerät erst im kommenden Frühjahr zu erwarten, wenn auf der Netzbetreiberseite geeignete Partner gefunden sind.

Bluetooth und neue Eingabesteuerung

Beide neue Tungstens sind von Haus mit der PAN-Funktechnik (Personal Area Network) Bluetooth ausgestattet und benötigen somit keine Erweiterungskarte mehr. In Verbindung mit einem Bluetooth-Handy, wie sie etwa Sony Ericsson, Nokia und bald auch Siemens anbieten, sind Web-Zugang, Versand und Empfang von E-Mails und die Anwahl von Rufnummern aus dem Palm-Adressbuch heraus möglich. Als weitere Neuerung verfügen Tungsten T und W über einen "Fünf-Wege-Navigator"; eine Art Joystick, über den sich die meisten Funktionen des Geräts auch mit einer Hand ansteuern und bedienen lassen.

Trotz interessanter neuer Features dürften es Palms neue Geräte im heiß umkämpften Markt nicht ganz leicht haben. Todd Kort, Principal Analyst bei Gartner, erwartet für das kommenden Weihnachtsgeschäft erheblichen Konkurrenzdruck. Handspring beispielsweise hat den Preis seines - allerdings monochromen - "Treo Communicator 180" um 100 Dollar auf 249 Dollar gesenkt, und für das gleiche Geld wollen Viewsonic und vor allem Direktanbieter Dell im kommenden Monat Pocket-PCs auf den Markt bringen. "Bei einem Preispunkt von 500 Dollar hat Tungsten Probleme", vermutet Kort. "Dell wird die Markterwartungen für PDA-Preise umkrempeln. Der Preis für den Tungsten wurde vermutlich festgelegt, als man Dells Markteintritt noch nicht vorhersehen konnte." (tc)