Pädagogische Innovation tut innovativer Technik not

15.04.1988

Dr. Iris Büchsenschütz Pädagogin, Dortmund

Die DV-Fachpresse berichtet zunehmend über Innovationshemmnisse in den Unternehmen. Es werden einige der dringenden Veränderungen angesprochen, und man denkt über neue Führungsaufgaben nach. Auf die Notwendigkeit zu Schulung und Weiterqualifizierung von Mitarbeitern/innen wird immer wieder hingewiesen. Allerdings suchen DV-Experten die Lösung noch immer lieber in weiterer technischer Innovation und weniger in einer innovativen Umgestaltung der Technikumgebung.

Ich sehe zwischen den Schwierigkeiten der Pädagogen, sich Gedanken zu Inhalten und Methoden von erwachsenengerechten, betrieblichen Bildungsangeboten in einer Zeit rasanter technologischer Innovationen zu machen einerseits, und dem (späten) Ruf der DV-Fachwelt nach pädagogischer Unterstützung bei der Einführung immer neuer Techniken und Technologien andererseits einen engen Zusammenhang. Dieser scheint mir bisher weder von Bildungsplanern und Pädagogen noch von der DV-Fachwelt und den Unternehmen ausreichend erkannt worden zu sein.

Es bedarf nämlich sowohl umfassender pädagogisch, sozialwissenschaftlicher Kenntnisse als auch ebensolchem DV-spezifischen Know-how, um in gemeinsamer Anstrengung Konzepte auszuarbeiten, die den Entwicklungen beider Gebiete angemessen Rechnung tragen.

Ganz offensichtlich entsteht ein neues Berufsfeld, das Kenntnisse in beiden Bereichen: der Pädagogik und - hier meine ich den innovativen Kreis dieser Zunft - der DV-Welt voraussetzt. Verbindende Inhalte lassen sich leicht ausmachen, wenn das Arbeitsgebiet unter strukturellen Gesichtspunkten ins Auge gefaßt wird.

Das Denken in Systemen, in der Pädagogik verstanden als psychische sowie soziale Systeme, in den Unternehmen verstanden als System Betrieb oder EDV-System, wäre zum Beispiel eine solche strukturelle Gemeinsamkeit. Die Initiierung und Pflege evolutionärer Prozesse wäre eine weitere. Schließlich ist Lernen der evolutionäre Prozeß, um den es auch und gerade in der Projektentwicklung in Unternehmen geht. Systembegriff (soziale Systeme) und der Evolutionsbegriff (Entwicklung durch Lernen und Lernen als Entwicklung) spielen in der Pädagogik eine bedeutende Rolle; auf ihre Bedeutung für die DV brauche ich hier wohl nicht einzugehen.

Der Bedarf an qualifizierten Mitarbeiterinnen ist durch technische Schulung allein nicht mehr zu decken. Benötigt wird, das läßt sich den Artikeln voller Klagen über Innovationshemmnisse entnehmen, nicht mehr und nicht weniger als ein neuer Mitarbeiter/innen-Typ.

Die neuen Mitarbeiter/innen müssen neue Arbeitsweisen erlernen, Teamgeist ist gefragt. Sie müssen in komplexen Strukturen denken können. Sie müssen eine hohe Bereitschaft zum Weiterlernen mitbringen. Und: Sie müssen sich mit ihrer Arbeit und dem Unternehmen, in dem sie arbeiten, identifizieren.

Dieses hochgesteckte Qualifikationsprofil sollen nicht mehr nur Führungskräfte aufweisen, sondern es soll auf möglichst allen Arbeitskräfteebenen einkehren.

Wie könnte das anders erreicht werden als durch Lernmethoden, die in sich widerspiegeln, was sie zu vermitteln suchen? Ganzheitlich angelegte Lernprozesse erzeugen ein offenes Lernklima, in dem neben zunehmendem Faktenwissen auch Persönlichkeitsbildung als Lernziel steht. Trainieren von Denkfähigkeit und Aufnahmebereitschaft für Neues gehören ebenfalls dazu. Inhaltlich wie methodisch und didaktisch gut entwickelte Bildungskonzepte sind dazu unumgänglich. Die Betonung liegt auf "Konzepte", nicht auf einzelnen Schulungen.

Diese ebenso umfangreiche wie schwierige pädagogische Aufgabe wird häufig als "von irgendeinem Manager mitzuerledigen" betrachtet. In Frage kommen der Personalmanager oder der neue Informationsmanager. Hier und da existiert vielleicht auch ein Betriebspsychologe, der diese notwendige aber lästige Aufgabe miterledigen kann. Bei allem Respekt vor den Fähigkeiten der Manager und Psychologen - das Feld ist zu groß, zu neu und auch zu wichtig, als daß es von pädagogischen Laien nebenbei gut zu bestellen wäre.

Mir scheint, daß es Zeit wird, das Dilletieren zu beenden und qualifizierte Teams aus Pädagogen/innen (Pädagogik verstanden als Wissens(schafts)vermittlung und Persönlichkeitsentwicklung), Organisatoren/innen und DV-Fachleuten zusammenzustellen, die sich in interdisziplinärer Arbeit diesem Aufgabenfeld annehmen. Pädagogen sind Fachkräfte für Vermittlungsprozesse und zwischenmenschliche Kommunikation. Ist das nicht gemeint, wenn von Innovationshemmnissen die Rede ist - die unzureichende Vermittlung und die Anpassung der innerbetrieblichen Kommunikationsstruktur an die neuen organisatorischen Gegebenheiten?

Der DV-Fachwelt ist vorzuwerfen, daß sie lange die menschlichen Aspekte - psychologische, soziologische, pädagogische - ihrer ständig schneller folgenden Innovationen übersehen hat.

Den Pädagogen ist einmal mehr vorzuwerfen, daß sie wichtige Entwicklungen in ihren Auswirkungen auf das eigene Fachgebiet zu spät wahrnehmen und sich nicht als kompetente Gesprächspartner anbieten, weder für die Gesellschaft, für die Unternehmen noch als Teilnehmer an der Wissenschaftsentwicklung.

Zusammenfassend kann folgende These aufgestellt werden: Die Innovationshemmnisse in den Unternehmen sind nicht zu überwinden, solange die Ausrichtung aller Innovationen auf den technischen Bereich bestehen bleibt. Abzubauen sind sie jedoch durch das Aufgreifen und Umsetzen pädagogischer Innovationen, wie sie außerhalb von Schule und den meisten Unternehmen längst stattgefunden haben. Die dort entwickelten Methoden gehen von einem emanzipierten, erwachsenen Lernenden aus, der sich freiwillig mit dem Lernen selbst wie mit dem Lernstoff auseinandersetzt. Auf diese Weise gelingt die Vermittlung von Wissen als Veränderung des Lernenden - eine Notwendigkeit, die auch in den betrieblichen Schulungen Berücksichtigung finden muß.