Herausforderung und Chance für die Softwareindustrie

PaaS in Deutschland

Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
PaaS-Lösungen eröffnen deutschen Softwareherstellern neue Perspektiven für ihr Cloud-Geschäft, hat eine Studie von Crisp Research ergeben. Mit zusätzlichen Funktionen und Bereitstellungsmodellen werden die Plattformen zunehmend interessanter. Allerdings lässt die Dynamik im Markt kaum Prognosen zu, welche Anbieter und Techniken sich durchsetzen werden. Viele Hersteller zögern noch.

Die deutsche Softwareindustrie steht vor einem nie da gewesenen Umbruch." Zu diesem Ergebnis kommen die Analysten von Crisp Research im Rahmen ihrer empirischen Studie "Platform as a Service - Zukunft der deutschen Softwareindustrie". Maßgeblicher Treiber dieser Veränderungen, mit denen sich die Softwarehersteller zunehmend auseinandersetzen müssen, ist die Cloud.

Im Zuge dieses Paradigmenwechsels, wie Anbieter Software bereitstellen und Anwender sie nutzen, haben sich in den zurückliegenden Jahren eine Reihe von Trends herauskristallisiert, die den gesamten Softwaremarkt verändern.

Trend 1: Im Rahmen der digitalen Transformation stellen die Anwenderunternehmen in nahezu allen Branchen ihre Geschäftsprozesse und -modelle auf den Prüfstand. Dabei müssen sich die Verantwortlichen fragen, wie sich die eigenen Abläufe softwareseitig am besten abbilden und optimieren lassen. Anbieter von Software-as-a-Service-(SaaS-)Lösungen können sich nach Einschätzung der Analysten flexibler auf stetig verändernde Anforderungen ihrer Kunden einstellen. Damit entwickle sich die digitale Transformation zu einer Bedrohung für die traditionellen Softwarehäuser mit ihren klassischen On-Premise-Angeboten.

Trend 2: Die mobile Nutzung von Business Applikationen via Smartphone, Tablet und Notebook ist heute bereits Standard in vielen Unternehmen. Softwareanbieter müssen daher in der Lage sein, ihre Anwendungen so zu entwickeln, dass diese auf verschiedenen Endgeräten, Browsern und Betriebssystemen lauffähig sind. Für die Hersteller bedeutet das in der Konsequenz neue Herausforderungen in Bezug auf Entwicklung, Test und Betrieb ihrer Softwareprodukte.

Trend 3: Anwenderunternehmen fordern immer mehr Agilität von ihren Softwarelieferanten. Diese müssen Release-Zyklen verkürzen und neue Features schneller verfügbar machen. Das funktioniert in der Cloud wesentlich einfacher als im Rahmen herkömmlicher On-Premise-Software.

Trend 4: Die User-Experience entwickelt sich mehr und mehr zum entscheidenden Faktor für die Akzeptanz einer Software. Dabei spielen einfache Bedienbarkeit, ansprechendes Design und eine hohe Performance die entscheidenden Rollen. Ob ein Anbieter die Wünsche der Nutzer trifft, offenbart sich gerade im SaaS-Zeitalter sehr schnell. "In diesem Sinne ist die Cloud gnadenlos", sagen die Analysten. Schlechte Software werde schnell aussortiert.

Trend 5: Der Umbruch vom herkömmlichen Lizenzwartungs-Geschäft hin zu einem Cloud-Modell hat nicht nur Konsequenzen für die Entwicklung und die zugrunde liegende Architektur, sondern vor allem auch für den Betrieb der Anwendungen - ein Aspekt, mit dem sich die Softwarehäuser in der Vergangenheit kaum auseinandersetzen mussten. Im SaaS-Zeitalter stellt der Betrieb einen entscheidenden Faktor dar. Denn Infrastruktur und Betriebskonzept beeinflussen maßgeblich die Performance und damit die Kundenzufriedenheit.

Diese Trends sind aus Sicht von Crisp Research die Gründe dafür, dass sich die Softwarehäuser strategisch mit dem Thema Cloud auseinandersetzen müssen. Das Thema dulde keinen Aufschub mehr. Schließlich geht es im Zusammenhang mit einer tragfähigen Cloud-Strategie um Fragen, wie die Entwicklungs- und Geschäftsprozesse der Softwarehäuser künftig aussehen werden, sowie um hohe Investitionen. Das könne letztendlich über Leben und Tod eines Softwareherstellers entscheiden.

Auch wenn die Notwendigkeit, sich für das kommende Cloud-Zeitalter zu wappnen, den meisten Anbietern klar sein dürfte, tun sich die Verantwortlichen oft schwer damit. "Das Gros der deutschen Softwarehersteller hat es bisher versäumt, die eigene Strategie an das Cloud-Zeitalter anzupassen", lautet das Fazit der Crisp-Research-Analysten. Die Gründe für das zögerliche Verhalten seien recht gut nachvollziehbar: Gerade auf mittelständische Anbieter kommt ein großer Investitionsaufwand zu, außerdem ist ein hohes Risiko damit verbunden, bestehende Software neu zu entwickeln und an den Cloud-Markt anzupassen.

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Transformation ohne Alternative

Es gibt viele Spielarten, wie die Hersteller derzeit auf die Cloud-Herausforderung reagieren. Der Umfrage zufolge erwirtschaftet bereits fast jedes vierte Unternehmen (24 Prozent) Umsätze über ein existierendes Cloud-Business. Dem stehen allerdings 16 Prozent der Firmen gegenüber, die sich noch gar nicht mit dem Thema beschäftigt haben. Ein weiteres gutes Viertel der Softwareanbieter (28 Prozent) steckt derzeit in der Analyse- und Evaluierungsphase entsprechender Techniken und Plattformen. Jedes dritte Softwarehaus experimentiert mit ersten Pilotkunden, werkelt an Cloud-Prototypen sowie Testumgebungen und bastelt an Plänen sowie Strategien für den zugrunde liegenden Business Case. Das zeige, "dass die meisten Softwareunternehmen die Relevanz des Themas offenbar erkannt haben und den Wandel aktiv gestalten", so das Resümee der Analysten.

Die meisten Softwarehäuser sehen in Cloud Computing nicht nur die Notwendigkeit zu reagieren, sondern auch eine veritable Zukunftschance für ihre Geschäfte. Zwei von drei Befragten gaben an, mit Hilfe von Cloud-Services neue Business-Services etablieren zu wollen. Mehr als ein Viertel erhofft sich davon Zugang zu neuen Märkten. Allerdings wächst auch der Druck seitens der Kunden. Fast 60 Prozent der befragten Firmenlenker berichten von einer verstärkten Nachfrage nach Cloud-basierten Software-Services seitens ihrer Kunden. Mit der Eröffnung neuer Geschäftsmodelle und Märkte gehen indes auch hohe Erwartungen der Softwareanbieter einher.

Fast jedes fünfte Unternehmen (18 Prozent) rechnet damit, in drei Jahren bereits mehr als die Hälfte der Einnahmen im Neugeschäft über die Cloud zu erwirtschaften. Knapp ein Viertel (23 Prozent) geht von einem Umsatzanteil in Höhe von 21 bis 50 Prozent aus. Allerdings gibt es auch etliche Unternehmen, die deutlich tiefer stapeln. Gut jeder fünfte Befragte taxiert den Cloud-Anteil am Neugeschäft im Jahr 2017 auf maximal zehn Prozent.

Doch der Weg in die Cloud ist weit, die Transformation ist mit großen Herausforderungen verbunden. Die größten Probleme sehen die Softwareunternehmen im Betrieb einer geeigneten SaaS- beziehungsweise Cloud-Lösung. In aller Regel verfügen die Softwerker weder über eigene Rechenzentrums-Kapazitäten noch über das notwendige Betriebs-Know-how. Knapp zwei von drei Befragten (62 Prozent) sehen darin das größte Hemmnis im Rahmen ihrer Cloud-Pläne. Als weiteres Hindernis charakterisieren viele Hersteller (60 Prozent) die für die Neuentwicklung der Software notwendigen Investitionen. Dazu kommen noch Bedenken vieler Anwender, was die Datensicherheit und den Datenschutz anbelangt (knapp 40 beziehungsweise 37 Prozent).

Der Betrieb von Cloud- beziehungsweise SaaS-Lösungen sowie die Investitionen in die Neuentwicklung von Software stellen für die Independent Software Vendors (ISVs) nach eigenem Bekunden also die größten Hürden auf ihrem Weg ins Cloud-Zeitalter dar. Hilfestellung könnten an dieser Stelle Platform-as-a-Service-(PaaS-)Lösungen leisten. Allerdings tasten sich die Softwarehersteller derzeit nur vorsichtig an entsprechende Angebote heran. Der Crisp-Research-Umfrage zufolge nutzen erst knapp 16 Prozent der befragten Softwareanbieter PaaS-Dienste regelmäßig für Tests und Entwicklungsaufgaben. Knapp ein Drittel verwendet PaaS-Angebote derzeit limitiert und punktuell, ein weiteres Drittel evaluiert verschiedene PaaS-Angebote. Nur die wenigsten Softwareanbieter wollen nichts von PaaS wissen. Knapp 15 Prozent der Befragten erklärten, sich noch nicht mit entsprechenden Cloud-Diensten zu beschäftigen, nur jeder 15. gab an, das Thema sei weder jetzt noch in Zukunft relevant.

Der Markt ist in großer Bewegung, so interpretieren die Analysten von Crisp Research diese Antworten. Immerhin hätten zwei von drei Unternehmen noch keine abschließende Entscheidung zur PaaS-Frage getroffen. Hinzu kommt, dass sich Markt und Technik von PaaS-Angeboten laufend verändern und weiterentwickeln. Als Beispiel nennen die Experten sogenannte Application-Platform-as-a-Service-(APaaS-)Umgebungen. Diese stellen ISVs eine Oberfläche und Plattform zur Verfügung, auf der sich Cloud-Anwendungen entwickeln und betreiben lassen. Dazu gehören beispielsweise grafische Web-Oberflächen und vorkonfektionierte Schnittstellen.