Millionenspritze im Kampf gegen Nextcloud

ownCloud wird an Investoren verkauft

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Der Nürnberger Open-Source-Spezialist ownCloud, Anbieter der international populären Software für Enterprise File Access, wird von einer Frankfurter Investorengruppe übernommen. Die Finanzierung in Millionenhöhe stärkt ownCloud im Kampf gegen die Abspaltung Nextcloud, wirft jedoch auch viele Fragen auf.

Wie ownCloud heute mitteilt, erwirbt eine Investorengruppe um den Unternehmer Tobias Gerlinger die Mehrheit an der ownCloud GmbH und übernimmt zusätzlich das Geschäft der US-amerikanischen ownCloud Inc. Tobias Gerlinger wird Geschäftsführer und CEO von ownCloud. Die ownCloud GmbH werde "alle deutschen und internationalen Kundenbeziehungen weiterführen und weltweit exklusiv ownCloud Lösungen anbieten und vermarkten", heißt es in einem Statement des Unternehmens.

Die ownCloud Inc. mit Sitz in Lexington, Massachusetts, war erst vor einigen Wochen in arge Bedrängnis geraten, nachdem der wichtigste Kreditgeber in den USA die Kreditlinie gestrichen hatte. ownCloud sah sich deshalb gezwungen, die Firma zu schließen und acht Mitarbeiter der ownCloud Inc. zu entlassen. Mit den Frankfurter Finanziers soll es nun offenbar einen Neuanfang geben.

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Finanzierung soll ownCloud die Zukunft sichern

Der starke Mann bei ownCloud heißt künftig Tobias Gerlinger. Er wird neben Holger Dyroff Geschäftsführer der ownCloud GmbH und soll als CEO die Bereiche Finanzen, Marketing und Vertrieb verantworten. ownCloud-Mitgründer Holger Dyroff werde sich als COO auf die Produktstrategie und Technologie konzentrieren. Markus Rex, ebenfalls Mitgründer von ownCloud und einst Entwicklungschef beim Linux-Distributor Suse, scheidet dagegen aus der Geschäftsführung aus.

Tobias Gerlinger heißt der neue starke Mann bei ownCloud. Mitgründer Markus Rex scheidet aus der Geschäftsführung aus.
Tobias Gerlinger heißt der neue starke Mann bei ownCloud. Mitgründer Markus Rex scheidet aus der Geschäftsführung aus.
Foto: ownCloud

"Die zentrale Datenverwaltung mit unternehmensweitem, sicheren Zugriff auf Dateien ist heute ein Muss für Organisationen aller Branchen und Größenordnungen", erklärte Gerlinger zur Übernahme. ownCloud biete hier eine überlegene Lösung, die sich durch extreme Stabilität und Skalierbarkeit auszeichne. "Schon heute vertrauen hunderte kleine, mittelständische und große Unternehmen wie die Deutsche Bahn auf ownCloud", so der Manager. "Die Finanzierung gibt ownCloud die Möglichkeit, seinen Kunden auch zukünftig das beste Produkt und den besten Service anzubieten."

ownCloud sieht sich als Anbieter der weltweit meistgenutzten Open-Source-Software zum Synchronisieren und Teilen von Dateien (File Sync and Share). Mehr als zehn Millionen Nutzer arbeiten Unternehmensangaben zufolge mit der Software. Seit der Gründung im Jahr 2010 hätten sich mehr als 1000 Entwickler an dem Projekt beteiligt. Die Community-Version von ownCloud ist kostenlos nutzbar; Geld verdient ownCloud vor allem mit der Enterprise Edition.

ownCloud versus Nextcloud - Zoff in der Community

Ungemach droht ownCloud nun aber von anderer Seite. Nachdem sich im Juni unter dem Namen Nextcloud ein ownCloud-Fork gegründet hatte, gab es in der Open-Source-Community einige Unruhe. Ausgerechnet Frank Karlitschek, einer der ownCloud-Gründer, betrieb die Abspaltung und warb obendrein noch einige Topentwickler von ownCloud ab. Die Nextcloud GmbH soll künftig Software- und Support-Dienste für den ownCloud-Konkurrenten anbieten. Nur zwei Wochen nach Ankündigung des Forks gab die Community das Release Nextcloud 9 frei.

René Büst, Cloud-Experte beim Analystenhaus Crisp Research, beurteilt die Übernahme vor diesem Hintergrund zurückhaltend. Einerseits könne ownCloud die Finanzierung gut gebrauchen, um seine Wachstumsziele zu verfolgen. Andererseits sei immer Vorsicht geboten, "wenn ein Finanzinvestor die Fäden in die Hand nimmt und sich in die Geschäftsführung einkauft". Zudem stelle sich die Frage, ob Tobias Gerlinger der Aufgabe gewachsen sei, die Bereiche Marketing und Vertrieb von ownCloud zu übernehmen. Der Manager besitze zwar Erfahrungen aus der Computerspieleindustrie (CFO, Infernum Productions). Das habe aber nichts mit dem Kerngeschäft von ownCloud zu tun. Hinzu komme der Faktor der Open-Source-Community, in der ownCloud mittlerweile keine kleine Rolle mehr spiele. Gerlinger müsse hier als Marketingchef beweisen, dass er mit der Community interagieren beziehungsweise kommunizieren kann.

Büst verweist zudem darauf, dass das erfolgreiche Gründerteam von ownCloud auseinandergebrochen ist: "Nachdem Frank Karlitschek ownCloud verlassen hat, ist die Degradierung von Markus Rex nicht verwunderlich." Es bleibe abzuwarten, wann auch Holger Dyroff gehen muss, denn bei ownCloud habe nun endgültig das Geld die Kontrolle übernommen. ownCloud-Kunden sollten die weitere Entwicklung nun mit Argusaugen verfolgen, rät der Analyst: "Schließlich wäre es nicht das erste erfolgreiche Unternehmen, dass durch einen Wechsel an der Spitze sang und klanglos vom Markt verschwindet."