IT in der Automobilindustrie/MAN: Formel-1-Speed für die RZ-Crew

Output-Management: Anwender regen Erneuerung der IT-Prozessautomation an

01.09.2000
Die MAN Nutzfahrzeuge AG hat sich eine neue IT-Struktur zugelegt. Auslöser der umfangreichen Umstrukturierung war die Weigerung zahlreicher Fachabteilungs-Manager, sich Ergebnislisten vom Rechenzentrum zuteilen zu lassen. Rudolf Compensis* beschreibt den langwierigen Erneuerungsprozess.

Als am 12. September 1999 die schwarz-weiß karierte Zielflagge in Most in der tschechischen Republik geschwenkt wurde, war ein Rennen mit bemerkenswertem Ergebnis beendet: ein 1300 PS starker Super Truck der MAN Nutzfahrzeuge AG gewann den Europameistertitel beim European Truck Racing Cup 1999. Am Steuer saß Fritz Kreuzpointner, früher erfolgreicher Tourenwagen-Pilot, dem es gelang, die favorisierten Konkurrenten von Mercedes-Benz, DAF und Caterpillar auf die Plätze zu verweisen. Es war die Europameisterschaft der großen Trucks, die sich in der Publikumsgunst klammheimlich einen festen Platz erobert haben. Und es war ein Beleg dafür, dass in München nicht Lastwagen einfach nur "zusammengeschraubt" werden.

IT-Struktur um System-Management ergänztDie einstige "Kraftfahrzeug-Schmiede" hat sich zu einem führenden Anbieter von hochwertigen Investitionsgütern gewandelt. Entsprechend der Marktposition und Dynamik des Unternehmens wurde im vergangenen Jahr auch die IT-Struktur erneuert; sie wurde um ein System-Management von BMC Software ergänzt.

Nach außen hin nimmt man die MAN oft nur als Hersteller von Lkws wahr, vergisst dabei jedoch, dass sich der Konzern als Systemanbieter im Nutzfahrzeug-, Maschinen- und Anlagenbau sowie im Bereich industrieller Dienstleistungen etabliert hat. Weltweit sorgen zirka 67000 Mitarbeiter für einen Umsatz in 1999 von 25,9 Milliarden Mark, wobei auf die Nutzfahrzeugsparte ein Anteil von 9,645 Milliarden Mark entfiel.

MAN hat eine enorme Datenflut zu verwalten, auszuwerten und den jeweiligen Nutzern zur Verfügung zu stellen. Wider den Trend wollte man in München nicht auf den Druck von Papier und eine langfristige Archivierung von Verarbeitungsergebnissen verzichten, denn damit würde man weit an der unternehmerischen Wirklichkeit vorbeizielen. MAN-Anwender bestehen darauf, die ausgedruckten Ergebnisse ihrer Anwendungen punkt- und zielgenau geliefert zu bekommen.

Immer öfter wird der Anspruch erhoben, diese Listen nicht durch das zentrale Rechenzentrum zu erhalten. Fachabteilungen bestehen darauf, die notwendigen Ausdrucke durch einen individuellen, auf dem jeweiligen Schreibtisch installierten, eigenen Drucker abrufen zu können. Die Ergebnisse müssen vorab auf dem Bildschirm aufgerufen werden können, um nach Ansicht und Überprüfung zu entscheiden, ob dieser Output gedruckt oder lediglich archiviert werden soll. Diese Wünsche der Anwender stellen das Rechenzentrum vor eine schwere Aufgabe: Zum einen muss die große Anzahl der individuellen Drucker verwaltet und unterstützt werden; zum anderen soll der jeweilige Druck zur rechten Zeit dem richtigen Anwender zur Verfügung stehen. Im Hause MAN Nutzfahrzeuge AG wurde zu diesem Zweck bislang das System Beta 92 eingesetzt, das annähernd zehn Jahre ohne Beanstandungen eingesetzt wurde.

Zwei Entwicklungen setzten Überlegungen in Gang, ob das bestehende System abgelöst werden sollte: Die Erstellung und Verteilung von Verarbeitungsergebnissen konnten nicht mehr isoliert von der eigentlichen DV-Produktion betrachtet werden, und die zu unterstützende DV- und Druckerlandschaft wurde immer heterogener. Die eingesetzten Systeme mussten daraufhin untersucht werden, ob sie künftig den veränderten Parametern noch genügen würden.

Denn nicht allein Verwaltung, Organisation und Archivierung des anfallenden Druck-Outputs gelten heute als Grundlage für die Beurteilung der Funktionsfähigkeit eines Systems. Auch die Integrationsmöglichkeit eines Output-Management- und Archivierungs-Systems in den DV-Produktionsablauf stellt eine wichtige Größe für die Bewertung der Funktionsfähigkeit einer solchen Software dar. Es muss gewährleistet sein, dass diese Systeme die weiter anwachsende Zahl unterschiedlicher Plattformen und Betriebssysteme sicher beherrschen und unterstützen können.

Diese Entwicklung führte zu Diskussionen. Man entschloss sich, die bestehenden Systeme durch neue, weiterentwickelte und verfügbare Versionen der bestehenden Software zu ersetzen. Im Austausch mit dem Lieferanten wurde der Umstellungsaufwand ermittelt und in die künftigen DV-Planungen eingearbeitet. Deutlich wurde, dass der Versionswechsel der bestehenden Software mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden sein würde und vor allem die Integration in das bestehende Jobablauf-System nicht mehr gewährleistet werden konnte. Doch MAN wollte so schnell wie möglich die veränderten Umgebungen unterstützen und ausnutzen sowie eine enge Integration in die vorhandenen IT-Produktionsprozesse erreichen. Das Projektteam prüfte auf dem Markt der Anbieter für Archivierungssysteme die Alternativen für das existierende System.

Von der MVS-Systemseite waren und sind bei MAN etliche Softwarelösungen für die Automation und das Monitoring der Betriebs-und Subsysteme der ehemaligen, jetzt zur BMC Software gehörenden Boole & Babbage Deutschland GmbH eingesetzt. Im Bereich der IT-Prozessautomation wie Jobablaufsteuerung und Output-Management werden schon seit 1989 beziehungsweise 1995 die Systeme Control-M und -D eingesetzt. Es lag daher nahe, sich mit der Archivierungslösung -V aus der gleichen Produktfamilie näher zu beschäftigen. Denn mit den Systemen hatte das Team bereits insgesamt gute Erfahrungen gemacht. In zahlreichen Treffen wurde -V untersucht, überprüft, getestet und nötige Modifikationen in engem Kontakt mit dem Hersteller diskutiert, bis Ende 1997 die bestehenden Verträge mit dem bisherigen Lieferanten gekündigt wurden. Ein neuer Lizenzvertrag schloss gleichzeitig das Jobablaufsystem für heterogene Umgebungen mit ein. Im Vordergrund des Vertragsabschlusses stand allerdings das Archivierungssystem.

Im Frühjahr 1998 sollte die Migration in Angriff genommen werden. Die benötigte Version der den Produkten zugrunde liegenden Basistechnologie IOA (Integrated Operation Architecture) war zum damaligen Zeitpunkt das Release 5.1.4. Allerdings war die Software zum Frühjahr 1998 noch nicht verfügbar, so dass sich sowohl der geplante Upgrade der Basistechnologie als auch die Installation von Incontrol-V bis zum Herbst 1998 verzögerte. Als das Release schließlich im August 1998 zur Verfügung stand, handelte es sich dabei um eine Vorab-Version, die offiziell noch nicht freigegeben worden war, deren reibungsloses Funktionieren aber von der ehemaligen israelischen New Dimension Software glaubwürdig garantiert wurde.

So machte das Projekt zunächst durchaus gute Fortschritte. Im Verlauf der Umstellungsarbeiten wurde jedoch deutlich, dass einige Funktionen der Software nicht in dem Umfang einzusetzen waren wie zunächst angenommen. Um dies zu gewährleisten, musste die GA-Version der Basistechnologie verfügbar und installiert sein.

Da diese noch nicht freigegeben war, fehlte eine der wichtigsten Migrationsvoraussetzungen. Neue intensive Gespräche mit dem Hersteller wurden angesetzt, der mit massiver Unterstützung aus dem Labor in Tel Aviv und deutschen Spezialisten aus Ratingen das Problem schließlich in den Griff bekam. Im Dezember 1998 wurde die GA-Version der Basistechnologie mit der Releasenummer 5.1.4 eingespielt. Die Installation war erfolgreich, konnten doch die meisten der vorhandenen Fehler und Systemschwächen behoben werden. Allerdings entstanden neue Probleme. Es stellte sich heraus, dass bei der Migration die nötige Datenkonsistenz nicht mehr gewährleistet war, Daten konnten verloren gehen.

Das Projekt war massiv aus dem zeitlichen Rahmen gefallen, jedoch nicht gefährdet und sollte in jedem Fall fortgesetzt werden. Das Projektteam und die Entwickler und SEs von Boole & Babbage arbeiteten weiter daran, die aufgetretenen Fehler Zug um Zug zu beheben. Schließlich lief das System im Testumfeld fehlerfrei und zur Zufriedenheit der Anwender. So konnte im April 1999 endgültig mit der Migration vom alten auf das neue System fortgefahren und das Projekt weitergeführt werden.

Bernhard Gruber, IT-Projektleiter bei MAN, sagt heute: "Mittlerweile läuft das System stabil und sicher. Die von uns gewünschte Integration in die Produktionsabläufe ist gewährleistet, und wir haben somit eine durchgängige, eindeutige Architektur zur Verfügung, die uns in die Lage versetzt, die Anforderungen unserer Kunden und Fachbereiche mit hoher Effizienz zufriedenzustellen und mit einem vertretbaren Aufwand die Wünsche unserer Anwender zu erfüllen. Wir haben damit die strategische Basis der Output-/Sysoutverwaltung sowohl im Mainframe als auch im Client-Server-Umfeld respektive Intranet/Internet für die nächsten Jahre geschaffen."

Konsolidierung der SoftwareumgebungSo ist das Projekt durch den intensiven Einsatz aller Beteiligten zu einem guten Ende gekommen, trotz der Verzögerungen und der für ein solches Projekt durchaus typischen Unwägbarkeiten. Auch die Lizenzkostenfrage wurde zur Zufriedenheit beantwortet: Der so genannte Return-on-Investment-Punkt wurde erreicht, die Vertragspartner kamen sich entgegen. Heute, nach erfolgreicher Migration, laufen täglich rund 18000 Produktions-Jobs und 8000 bis 9000 System- und User-Logs in das System ein.

Ein wichtiger Aspekt der Migration soll nicht unerwähnt bleiben: Durch den Einsatz der Software wurde im Bereich der IT-Prozessautomation eine Konsolidation der Softwareumgebung erzielt, da alle installierten Systeme zur IT-Prozessautomation auf einer gemeinsamen Basistechnologie (IOA) aufsetzen, eine identische Benutzeroberfläche aufweisen und über den gleichen Funktionsumfang verfügen. Das trägt zur Reduktion des Systempflegeaufwandes bei, verringert die Lernkurve bei den Anwendern erheblich und hat zur deutlichen Produktivitätsverbesserung in der IT-Produktion der MAN Nutzfahrzeuge AG geführt.

*Rudolf Compensis ist Leiter Datenverarbeitung bei der MAN Nutzfahrzeuge AG in München.