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Oracle wollte MySQL übernehmen

16.02.2006
Das schwedische Open-Source-Unternehmen zog die Unabhängigkeit vor.

Oracle im Kaufrausch: Auf der "Open Source Business Conference" in San Francisco hat Marten Mickos, Chief Executive Officer von MySQL AB, berichtet, dass der Softwaregigant versucht habe, den schwedischen Anbieter einer Open-Source-Datenbank zu übernehmen. Das erzählte Mickos in einem Interview mit dem Nachrichtendienst "Cnet". Allerdings verriet er nicht, wann Oracle die Offerte unterbreitet hat und welcher Preis geboten wurde. MySQL AB habe das Angebot abgelehnt, weil man es vorziehe, unabhängig zu bleiben. Von Oracle gibt es keine Stellungnahme zu dem Vorgang.

Nach Ansicht des Analysten Stephen O'Grady vom Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Redmonk, wäre eine Übernahme von MySQL für Oracle sinnvoll gewesen, ist doch der Datenbankmarkt derzeit im Umbruch. IBM, Oracle und Microsoft bieten im Low-end-Segment kostenlose oder preisgünstige Einstiegsprodukte an, um das Interesse der Kunden für die teureren High-end-Produkte zu wecken. Auf dem gleichen Level gibt es aber auch Open-Source-Produkte wie MySQL, Ingres und Enterprise DB, deren Eigenschaften - vor allem im Fall Ingres -schon an den High-end-Bereich heranreichen.

Oracle hätte laut O'Grady MySQL im Low-end und als Datenbank für Internet-gerichtete Anwendungen positioniert, wo das Open-Source-Produkt bisher schon weit verbreitet ist. Auf diese Weise hätte der Softwaregigant sein profitables High-end-Geschäft sichern können. Ein Beispiel für diese Taktik hat IBM mit der Übernahme von Gluecode abgeliefert. Deren Open-Source-Java-Applikations-Server "Geronimo" bietet Big Blue nun unter dem Namen "Websphere Community Edition" als kostenloses Einstiegsprodukt an. Als solches schützt es die kostenpflichtige und professionellere Version von Websphere, auf die Anwenderunternehmen, die einmal auf den Geschmack gekommen sind, letztlich nicht verzichten werden.

Die gleiche Rolle hätte MySQL bei Oracle spielen können. Oracle versucht offenkundig, die zentralen Produkte für das High-end zu positionieren und sie nach unten durch Open-Source-Angebote zu ergänzen. Alles getreu der Devise von Firmenchef Larry Ellison, die Open-Source-Konkurrenz sei ohnehin nicht kleinzukriegen, also müsse man sich mit ihr arrangieren. So hat das Unternehmen, wie hier berichtet, vor zwei Tagen Sleepycat und im vergangenen Jahr InnoDB gekauft. Beide Firmen sind Anbieter quelloffener Datenbanktechnik.

Außerdem möchte Oracle nach Presseberichten JBoss kaufen. Der gleichnamige Application-Server ließe sich unterhalb des "Oracle Application Server 10g" einordnen. Mit dem ebenfalls auf der Einkaufsliste stehenden PHP-Anbieter Zend könnte das Softwarehaus sein Standing im Bereich der Infrastrukturprodukte verbessern. Wenn die Open-Source-Community nicht bereit ein sollte, Produkte wie MySQL, PHP oder JBoss unter der Aufsicht von Oracle weiterzuentwickeln, hätte das Unternehmen auch ein Ziel erreicht: Die Open-Source-Konkurrenz würde in ihrem Streben aufgehalten, erfolgreiche Produkte für den High-end-Sektor weiterzuentwickeln. (ls)