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Oracle will SAP in Deutschland Marktanteile abluchsen

20.04.2005
Oracles deutsches Management macht sich Hoffnungen, auch hierzulande gegenüber SAP Boden gut machen zu können.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nach der erfolgreichen Übernahme von Peoplesoft macht sich das deutsche Oracle-Management Hoffnungen, auch in Deutschland gegenüber SAP Boden im Applikationsgeschäft gut machen zu können. "Die Vorzeichen dafür stehen gut", sagte Rolf Schwirz, Regional Senior Vice President Nordics & Germany bei Oracle, vor der Presse. So habe Peoplesoft im vergangenen Geschäftsjahr in Deutschland trotz aller Irritationen durch die bis zum Jahresende währende Übernahmeschlacht ein Rekordergebnis erwirtschaftet. Gleiches kündigte Schwirz für Oracle an, dessen Geschäftsjahr Ende Mai 2005 endet. "Beide Gruppen sind in Deutschland erfolgreich", so sein Fazit. Zahlen will er jedoch nicht nennen.

Zumindest im ERP-Markt scheint Oracle aber einige Probleme zu haben. Laut den jüngsten Zahlen der Analysten von Pierre Audoin Consultants (PAC) verzeichnete der Datenbankspezialist im Geschäft mit Enterprise-Resource-Planning- (ERP-)Lösungen zuletzt rückläufige Umsätze im hiesigen Markt. Nach Einnahmen von 34 Millionen Euro im Jahr 2003 standen laut PAC im darauf folgenden Jahr nur mehr 33 Millionen Euro zu Buche. Das bedeutet einen Rückgang von drei Prozent. Insgesamt kommt Oracle auf einen Marktanteil von zwei Prozent am deutschen ERP-Markt. Zum Vergleich: SAP steigerte von 2003 auf 2004 in Deutschland seinen ERP-Umsatz um sechs Prozent von 965 Millionen auf 1,025 Milliarden Euro und kam damit auf einen Marktanteil von 55 Prozent.

Schwirz gibt sich dennoch zuversichtlich. Gerade vor dem Hintergrund sich ändernder Unternehmensstrategien ständen bei vielen Firmen die eingesetzten ERP-Lösungen auf dem Prüfstand. Hier hofft der Manager auf Ablöse-Projekte. Nachdem Oracle bereits im vergangenen Jahr mit Thyssen-Krupp einen SAP-Kunden abwerben konnte, präsentiert der Datenbankspezialist mit Hochtief einen weiteren SAP-Abtrünnigen, der die ERP-Seiten wechselt. Mit dem Projekt "Aristoteles 2005" will der Baudienstleister innerhalb eines Jahres Oracles "E-Business-Suite" einführen. Das Vorhaben wird von dem Dienstleister Capgemini begleitet.

"Wir müssen jedoch realistisch bleiben", warnt der 46-jährige Manager vor zu hohen Erwartungen. Die Kunden würden sicher nicht in Scharen wechseln und Oracle die Türen einrennen. Dennoch werde es immer wieder Highlights geben, verspricht der Oracle-Verantwortliche und stichelt damit in Richtung SAP. Gerade Wechselentscheidungen im ERP-Umfeld bedeuteten eine Mutprobe für die IT-Verantwortlichen. Daher lege Oracle großen Wert darauf, dass diese Vorhaben gelängen. "Die Projektqualität hat sich in den vergangenen drei bis vier Jahren deutlich verbessert", bilanziert Schwirz.

Auch von der technischen Seite her glaubt der ehemalige Siemens/Nixdorf-Manager gegen die Konkurrenz bestehen zu können. Von den weltweit 13 000 Oracle-Entwicklern beschäftigen sich aktuell 8000 mit dem Applikations-Portfolio. Davon kämen rund 3000 von Peoplesoft. Oracle habe Schwirz zufolge damit über 90 Prozent der Peoplesoft-Entwickler übernommen. Große Bedeutung misst Oracles Deutschlandchef künftig dem Middleware-Segment zu. Mit Hilfe der "Data Hubs" sollen Oracle-Kunden eine einheitliche Sicht auf ihre Daten erhalten. Gerade in deutschen Unternehmen, die aufgrund ihrer föderalen Struktur oft sehr heterogene IT-Landschaften aufwiesen, sei die Datenanalyse schwierig, berichtet Schwirz von seinen Erfahrungen. Eine Datenkonsolidierung, um an wichtige Informationen zur Unternehmenssteuerung zu kommen, dauere mitunter Wochen. "Oft fehlt die zentrale Sicht auf das eigene Geschäft."

Doch auch Schwirz hat noch keine freie Sicht auf die Oracle-Geschäfte hierzulande. So ist die Integration von Peoplesoft in Deutschland aufgrund rechtlicher Beschränkungen und Vorgaben noch nicht abgeschlossen. Derzeit befinde man sich in der ersten Phase der Verschmelzung, berichtet der Manager. Im Rahmen eines so genannten Gemeinschaftsbetriebs könnten die beiden rechtlich noch getrennt von einander agierenden Firmen zusammenarbeiten. In der zweiten Phase, die Ende April eingeläutet sein soll, werde Peoplesoft Deutschland ein Tochterunternehmen der Oracle Deutschland GmbH. Die endgültige Verschmelzung beider Geschäftsbereiche hofft Schwirz mit dem Beginn des neuen Geschäftsjahres 2006 Anfang Juni erreicht zu haben.

Zwar liege harte Arbeit vor dem Unternehmen, die Stimmung sei jedoch gut, berichtet Oracles Deutschlandchef. Von den wiederholt beschworenen kulturellen Unterschieden, habe er kaum etwas gespürt. Der im Zusammenhang mit der Fusion angekündigte Stellenabbau sei mittlerweile abgeschlossen, "bis auf einige Fälle, deren Nachwirkungen noch abgearbeitet werden müssten." Während weltweit rund fünf Prozent des fusionierten Headcounts ihren Hut nehmen mussten, lag die Rate in Deutschland laut Schwirz darunter. So habe Oracle fast alle Mitarbeiter der Bereiche Vertrieb und Consulting übernommen, um "die Kontinuität an der Kundenschnittstelle zu wahren". Lediglich im administrativen Bereich habe es aufgrund von Überschneidungen Personalabbau gegeben. Diese Entscheidungen seien jedoch in einem fairen Prozess ohne Rücksicht auf die Firmenherkunft der Betroffenen gefallen, versichert der Oracle-Manager. (ba)