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Oracle und seine Anwender

10.07.2000
Interview mit EOUG-President Erich Wessner

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Besonders großer Zuhörerandrang herrschte auf der Madrider Tagung der European Oracle User Group (EOUG), wenn es um Internet-Techniken ging. Interesse ist aber noch keine Zustimmung zur Internet-Orientierung von Oracle. Mit EOUG-President Erich Wessner sprach CW-Redakteur Ludger Schmitz.

CW: Was sagen Sie zum Rücktritt von Oracles COO und President Ray Lane?

WESSNER: Ray Lane hat in den letzten Jahren die globalen User-Group-Aktivitäten sehr unterstützt. Die Entscheidung von Ray Lane dürfte persönlich motiviert sein und weniger mit Strukturänderungen bei Oracle zu tun haben. Bei unserem letzten globalen User-Group-Meeting im Oracle-Headquarter wurden wir bereits informiert, dass das globale Anwendergruppen-Programm in Zukunft von Mark Jarvis, Senior Vice President Marketing, unterstützt wird.

CW: Wie klappt denn die Zusammenarbeit von EOUG und Oracle?

WESSNER: Wir haben gerade in einem Meeting mit Mark Jarvis vereinbart, dass wir ein sogenanntes Global-User-Group-Portal einrichten, völlig unabhängig von Oracle. Aber sie werden uns dabei unterstützen, dass die Mitglieder des Oracle Technology Network, OTN, bei uns Mitglieder werden. Wir sehen der weiteren Kooperation sehr positiv entgegen.

CW: Gibt es eine direkte Unterstützung?

WESSNER: Direkte Unterstützung ist immer sehr kritisch, denn wir wollen ja eine unabhängige User-Group sein. Es ist eher eine gute Kooperation. Wir sind unabhängig von Oracle. Wir bekommen kein Geld von denen. Wir erhalten Unterstützung, wenn wir Oracle sagen, welche Pläne wir haben, welche Themen uns besonders interessieren etc. Oracle stellt uns Experten für Reden auf Konferenzen, was mit Kosten für sie verbunden ist.

CW: Hat Oracle ein Ohr für die Anwender?

WESSNER: Auf alle Fälle. Die sprechen viel mit uns. Man fragt uns, was wir von Ideen halten, wie wir sie annehmen. Bisher hat sich das Topmanagement sehr viel Zeit genommen, die Ergebnisse unserer laufenden Anwenderbefragungen Punkt für Punkt durchzugehen, besonders wenn es um schlechte Noten geht.

Es ist eine stark Business-orientierte Firma, und man bekommt sicher nur dann Gehör, wenn man auch eine sehr laute Stimme hat. Es wäre vermessen zu glauben, Oracle würde seine Business-Orientierung über den Haufen werfen, weil die EOUG daher kommt. Oracle muss agieren, und wir können keine Verantwortung übernehmen. Aber man hört uns zu, die Firma agiert und reagiert.

CW: Mit dem Oracle-Slogan "E-Business or Out-of-Business" geht es um Integration auf der Basis von Internet-Techniken. Korrespondiert das mit den Forderungen der Anwender?

WESSNER: Oracle-Spezialisten unter den Anwender sind nicht immer begeistert von E-Business. Aber ich bin überzeugt, dass Oracle mit den Ankündigungen und ihrem Motto "Drive Your Business to the Internet" einen sehr guten Erziehungsfaktor bei den Kunden und Softwarepartnern bringt. Es führt kein Weg daran vorbei, diese Entwicklung wird den Markt so revolutionieren, wie es sich heute niemand vorstellen kann.

CW: Sie billigen dem Hersteller Oracle zu, seine Kunden voranzutreiben?

WESSNER: Ja, ganz sicher. Es ist gut.

CW: Haben Anwender die Befürchtung, Oracle könnte den angestammten Datenbankmarkt aus den Augen verlieren?

WESSNER: Gott sei Dank muss ich mir nicht den Kopf des Oracle-Marketings machen. Ich habe aber niemals in den User-Group-Diskussionen die Kritik gehört, Oracle würde im Datenbankbereich zu wenig investieren oder dort gebe es zu wenig Fortschritte.

CW: Ein zweiter hier häufiger propagierter Aspekt sind Hosting-Services. Ist Oracle auch hier den Anwendern voraus?

WESSNER: Weit voraus. Nur wenige Anwender nützen diese Services oder denken darüber nach. Wie sehr das ankommt, muss die Zukunft zeigen. Ich kann es mir vorstellen, aber ich sehe es nicht unmittelbar als das Big Business.

CW: Kein Anlass für die EOUG, die Augenbrauen zu heben?

WESSNER: Wir Anwender haben ja die Freiheit der Wahl. Wenn es für eine Firma interessant ist, die Hosting-Services zu nutzen, warum nicht? Oracle zwingt ja niemanden.

CW: Oracle war früher Befürworter des heterogenen Client-Server-Konzepts. Heute steht das Unternehmen für zentrale IT-Architekturen. Wie kommt die Kehrtwende bei den Anwendern an?

WESSNER: Da müsste man jeden Anwender einzeln fragen. Ich finde es richtig. Oracle hat sicher sehr gut an Client-Server verdient - vor allem an Consulting-Services, die notwendig sind, um in solchen Umgebungen die Applikationen in Gang zu halten.

CW: Das Oracle-Motto der Konzentration läuft auch auf Auslagerung von Datenhaltung und Anwendungen auf fremde Server hinaus. Würden Anwender das mitmachen?

WESSNER: Man muss unterscheiden. Ein Anwender, der technologisch interessiert ist, will natürlich seine Systeme selbst konfigurieren und selbst steuern, was er macht. Der wird sich seine Anwendungen kaum übers Internet holen. Ich kann mir aber vorstellen, dass sich vor allem ein kleineres Unternehmen sehr wohl für Hosting-Services und Anwendungen aus dem Internet interessiert.

Meines Erachtens dürften jedoch in absehbarer Zukunft mindestens 30 Prozent der Firmen nach wie vor ihre eigene IT haben. Man muss sich aber die technische Entwicklung vor Augen halten, die neue Modelle erst denkbar machen. Wenn in zehn Jahren schnelle Breitband-Services rund um den Globus vorhanden sind, wird es für ein Unternehmen mit einem weltweiten Netz von Niederlassungen wahrscheinlich attraktiv, die ganze IT zentral zu organisieren.

CW: Was sind die Wünsche der Anwender in Richtung bestehender Produkte?

WESSNER: Nummer eins in unserer Befragung sind einfachere Preisstrukturen und natürlich niedrigere Preise. Punkt zwei ist besserer Service. Darauf hat Oracle mit Selfservice per Oracle Technology Network, OTN, reagiert. Punkt drei ist, dass der Telefonservice besser und schneller sein soll. Da hat die Firma auf uns gehört, und es ist einiges passiert.

CW: Wie schaut’s aus in Sachen Datenbank?

WESSNER: Da dominieren die Wünsche nach einfacherer Bedienbarkeit, einfacherer Installation und Tools, die anwendergerecht sind und weniger Expertenwissen verlangen. Ich glaube, in den aktuellen Oracle-Entwicklungen diese Anforderung auch erkennen zu können. Der neue Internet File Server ist so ein Ergebnis von unseren Anwenderbefragungen.

CW: Oracle redet gerne von Rapid Deployment. Reicht Anwendern das Time-to-market - gut ein Jahr zwischen Ankündigung und fertigem Produkt - bei Oracle?

WESSNER: Vor zwei Jahren hat es ihnen nicht gereicht, jetzt schon. Damals hatten wir sehr oft die Situation, dass in den USA etwas angekündigt worden ist und hier in Europa die regionalen Oracle-Offices nicht auf dem gleichen Stand der Technik waren. Heute kann sich jeder Entwickler über OTN die neuesten Entwicklungen direkt herunterladen. Das Problem gibt es schon mal nicht mehr. Ich höre kaum Beschwerden von Entwicklern, dass sie die Programme zu spät bekommen.

Die EOUG

Die EOUG gibt es seit 16 Jahren, seit 1993 ist die Gruppe nicht mehr nur auf Europa konzentriert, sondern auch auf den Nahen Osten und Afrika. Zur Zeit gibt es 40 nationale Usergroups mit etwas über 60 000 Mitgliedern, Tendenz steigend, wobei in jüngerer Vergangenheit auch Oracle-Partner und sehr große Kunden Mitglieder geworden sind. Die EOUG finanziert sich durch die nationalen Anwendergruppen. In der EOUG ist die deutsche Oracle Anwendergruppe DOAG neben der britischen User-Group eine der zwei größten und laut EOUG-President Erich Wessner "eine der bestorganisiertesten und effektivsten". Wessner lobt das Engagement und die Unterstützung des DOAG-Vorstands im "nicht immer konfliktfreien User-Group-Leben". Die EOUG führt mindestens zweimal jährlich umfangreiche Befragungen unter Anwendern zu Oracle-Produkten und -Strategien durch. Die Ergebnisse der nächsten Befragung werden im September 2000 vorliegen.