Cloud-Manager Borgmann im CW-Interview

Oracle propagiert die "Cloud at Customer"

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Im COMPUTERWOCHE-Interview erklärt Mark Borgmann, Cloud Sales Leader Germany, wie sich Oracle im Public-Cloud-Markt von den mächtigen Konkurrenten unterscheiden möchte.

CW: Oracle ist spät in den Markt für Public-Cloud-Services eingestiegen. Mit welcher Strategie wollen Sie gegen Schwergewichte wie Amazon Web Services (AWS), Microsoft oder IBM bestehen?

BORGMANN: Ein wichtiger Teil unserer Strategie ist, dass wir nicht nur in einem einzigen Cloud-Layer unterwegs sind, sondern in allen dreien, sprich IaaS, PaaS und SaaS. Hier unterscheiden wir uns von allen anderen Anbietern. Zugegeben: Im Bereich Infrastruktur sind wir eher Follower, inzwischen aber haben wir ein Angebot, das von Kunden sehr positiv aufgenommen wird (siehe auch: Die Oracle-Cloud hat noch viel Luft nach oben).

"Wir begleiten die Dekade der Transformation, indem wir on premise wie in der Cloud die gleichen Produkte und Standards verwenden", sagt Mark Borgmann von Oracle Deutschland.
"Wir begleiten die Dekade der Transformation, indem wir on premise wie in der Cloud die gleichen Produkte und Standards verwenden", sagt Mark Borgmann von Oracle Deutschland.
Foto: Oracle

CW: Gilt das auch für den deutschen Markt?

BORGMANN: Ja, das gilt insbesondere auch für den Markt in Deutschland.

CW: Was kann Oracle einem klassischen IaaS-Kunden bieten, das er nicht auch von AWS oder IBM Softlayer bekommen kann?

BORGMANN: In unserem IaaS-Portfolio gibt es ja mehrere Modelle, beispielsweise "Elastic Compute" in einer Shared-Umgebung, "Dedicated Compute" bei uns in der Public Cloud oder auch Bare Metal-Ressourcen. Sehr positiv aufgenommen wird derzeit die Option "Cloud at Customer".

CW: Verbirgt sich dahinter ein Private-Cloud-Angebot?

BORGMANN: Unter einer Private Cloud verstehen wir ja historisch, dass ein Kunde irgendwann anfängt, seine Silos zu konsolidieren und zu standardisieren. Für solche Szenarien positionieren wir unseren Exa-Stack mit den Oracle Engineered Systems als Konsolidierungsplattform. Hinter dem Modell "Cloud at Customer" steht jedoch ein anderes Konzept: Oracle betreibt das System; dieses befindet sich jedoch hinter der Firewall des Kunden. Der profitiert sofort von den Effizienzpotenzialen unserer Public Cloud, muss sich aber keine Gedanken über Latenz und Security machen. Die Daten verbleiben im Rechenzentrum des Kunden; auch Oracle hat keinen Zugriff darauf.

CW: Das heißt, der Kunde betreibt ein physisches Oracle-System im eigenen Data Center?

BORGMANN: Ja. Das Besondere an dem System ist aber, dass darauf exakt die gleiche Softwareumgebung läuft wie in unserer Public Cloud. Das betrifft beispielsweise auch die Provisionierungs-Software und alle Services aus unserem Public-Cloud-Portfolio. Das System ist offen: Sie können darauf nicht nur Oracle-Workloads betreiben, sondern es auch als Infrastruktur-Maschine für ganz unterschiedliche Zwecke einsetzen (siehe auch: Oracle startet Cloud-Offensive gegen Microsoft und VMware).

CW: Oracle hat sich vor geraumer Zeit das ehrgeizige Ziel gesteckt, all seine Softwareprodukte auch als Cloud-Services verfügbar zu machen. Wie weit sind Sie damit?

BORGMANN: Larry Ellison hat es auf der Oracle OpenWorld 2015 bereits kommuniziert: Wir haben dieses Ziel fast erreicht.

CW: Gibt es überhaupt Kunden, die ihre Oracle-Datenbank mit womöglich geschäftskritischen, sensiblen Daten in die Cloud verlagern wollen?

BORGMANN: Die gibt es. Wir reden ja sehr viel mit Geschäftsführern darüber, wie sie Cloud-Konzepte in ihrer Strategie verankern. Und da gehören solche Szenarien durchaus zu den Top-Prioritäten. Etwa 75 Prozent unserer Kunden wollen sich strategisch in die Cloud bewegen. Dass sie auf diesem Weg mit dem Kernsystem anfangen, also die Datenbank produktiv in der Cloud betreiben, halte ich für eher unwahrscheinlich. Aber deswegen lautet eine unserer zentralen Aussagen ja auch: Wir begleiten die Dekade der Transformation, indem wir on premise wie in der Cloud die gleichen Produkte und Standards verwenden.

CW: Dieser Transformationsprozess läuft ja auf einen hybriden Ansatz hinaus, wie ihn auch IBM, VMware oder Microsoft propagieren. Dazu gehört das Versprechen, dass Unternehmen ihre Anwendungen quasi nahtlos zwischen On-Premise- und Cloud-Plattformen hin- und herschieben können. Wie weit ist diese Vision von der Realität entfernt und gibt es überhaupt Kunden, die so etwas nutzen?

BORGMANN: Das funktioniert und ist durchaus eine attraktive Option für viele Unternehmen. In der Praxis wird es etwa dann interessant, wenn Kunden Anwendungen in der Cloud entwickeln und testen, diese anschließend in die On-premise-Welt portieren und dabei beide Umgebungen über eine einzige Konsole verwalten. Solche Beispiele gibt es bereits. Der Oracle Enterprise Manager etwa ist bezüglich der User Experience so angepasst, dass sich beispielsweise eine Datenbankinstanz in der Cloud kaum von einer On-Premise-Installation unterscheidet. Diese Instanz lässt sich per Drag and Drop auch entsprechend verschieben.

CW: Viele kleine und mittelständische Unternehmen sind noch immer zurückhaltend, wenn es um das Thema Cloud geht. Hier spielen unter anderem Compliance- und Security-Bedenken eine große Rolle. Wie sieht Oracles Strategie für dieses Kundensegment aus?

BORGMANN: Die KMUs sind wichtig für Oracle. Deshalb haben wir auch angekündigt, im Raum EMEA rund 1400 Cloud-Sales-Mitarbeiter einzustellen, die sich speziell um die Anforderungen kleiner und mittelständischer Unternehmen kümmern. Daneben arbeiten wir natürlich auch mit Partnern wie zum Beispiel Systemintegratoren zusammen. (wh)