Zweitgrößtes Softwarehaus tritt aus

Oracle kehrt dem ITK-Verband Bitkom den Rücken

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Der amerikanische Softwarekonzern Oracle fühlt sich vom deutschen ITK-Verband Bitkom nicht mehr hinreichend vertreten.

Das Jahr 2016 hat für den Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) mit einem Paukenschlag begonnen. Oracle, das weltweit zweitgrößte Softwarehaus nach Microsoft, hat dem Verband nach Angaben von Deutschland-Geschäftsführer Frank Obermeier zum Jahresende den Rücken gekehrt.

Oracles Deutschand-Chef Frank Obermeier hat gegen eine weitere Bitkom-Mitgliedschaft entschieden.
Oracles Deutschand-Chef Frank Obermeier hat gegen eine weitere Bitkom-Mitgliedschaft entschieden.
Foto: Oracle

Über die Hintergründe wollte sich der hiesige Oracle-Chef nicht weiter äußern. Er ließ jedoch durchblicken, dass sich der Datenbankriese als Weltkonzern mit amerikanischen Wurzeln vom deutschen Branchenverband nicht mehr gut genug repräsentiert fühlte.

Der Bitkom reagiert betont gelassen

Beim Bitkom gibt man sich souverän. Im vergangenen Jahr seien per Saldo 96 Mitglieder gewonnen worden, darunter Kaliber wie Amazon Web Services, Bearing Point, Bechtle und Uber. Es sei nicht ungewöhnlich, dass auch Mitglieder ausschieden; der Bitkom bemühe sich stets, diese wieder zurückzugewinnen.

Der Ausritt Oracles dürfte auch mit dem gegenwärtig harten Ringen der weltweiten ITK-Player um Cloud-Marktanteile zu tun haben. Nachdem der Europäische Gerichtshof im Oktober 2015 das Safe-Harbor-Verfahren kippte, sind die Bedngungen für amerikanische Anbieter in Deutschland nicht einfacher geworden.

Digital Leader aufgepasst! - Foto: IDG

Digital Leader aufgepasst!

Während deutsche Anbieter die Gunst der Stunde nutzen und mit der Datenhaltung im sicheren Rechtsraum oder gar einer "deutschen Cloud" werben, suchen die US-Anbieter ebenfalls nach kreativen Lösungen. So kündigte Microsoft im November 2015 an, seine Cloud-Lösungen ab Mitte 2016 aus Rechenzentren von T-Systems heraus anzubieten. Dabei tritt die Telekom-Tochter als Datentreuhänderin auf, die den Zugang zu den Kundendaten streng kontrolliert. Auch Salesforce offeriert seine CRM-Produkte aus der T-Systems-Cloud.

Für den Bitkom wird es zu einem Spagat, die divergierenden Interessen der Mitglieder zu vertreten. Vor allem die amerikanischen Anbieter stecken aufgrund der rigiden europäischen Rechtsprechung und der weiterhin unnachgiebigen Haltung der US-Behörden in Sachen Datenzugriff einer Zwickmühle. Viele von ihnen sind dünnhäutiger geworden.

Wohin das führen kann, zeigt der Fall Microsoft: Das Unternehmen sperrt sich seit Monaten dagegen, die in Irland gespeicherten E-Mails von möglicherweise kriminellen Kunden an amerikanische Ermittlungsbehörden herauszugeben. In solchen Fällen, so argumentiert Microsoft, seien internationale Rechtshilfeersuchen das Mittel der Wahl - nicht der direkte Zugriff auf Daten, die außerhalb der Landesgrenzen gespeichert sind. Microsoft wird in seiner Protesthaltung inzwischen von 28-US-Konzernen unterstützt, darunter Amazon, Apple, Cisco, HP, Salesforce und Ebay.