Virtualisierungsbrücke in die Cloud

Oracle kauft Ravello Systems

Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Mit den Ravello-Lösungen sollen Anwender Anwendungs-Workloads auf Knopfdruck in die Cloud verlagern können. Oracle könnte damit die eigene Cloud aufwerten. Ob die bis dato gepflegte Unterstützung anderer Anbieter wie AWS und Google weiter bestehen wird, ist allerdings fraglich.

Mit der Übernahme von Ravello Systems will Oracle sein Cloud-Standbein weiter stärken. Das 2011 gegründete und im kalifornischen Palo Alto ansässige Cloud-Software-Startup ging aus dem Team hervor, das den KVM Hypervisor entwickelt hatte. Auf dessen Open-Source-Basis baut beispielsweise die Enterprise Virtualiserungslösung von Red Hat auf. Heute entwickelt Ravello eine Lösung, die das Unternehmen selbst als "verschachtelte Virtualisierung" bezeichnet. Anwenderunternehmen sollen damit in die Lage versetzt werden, Anwendungs-Workloads aus ihrer virtualisierten On-Premise-Infrastruktur einfach auf Knopfdruck in eine Public Cloud zu verlagern. Dabei spiele es keine Rolle, wie komplex oder wie alt diese bereits bestehenden Applikationen sind, hieß es von Seiten der Ravello-Verantwortlichen.

Ravello Architektur: Ein Software-Layer, die "Nested Virtualization"-Schicht, schlägt eine Brücke zwischen On-Premis-Infrastrukturen und der Cloud.
Ravello Architektur: Ein Software-Layer, die "Nested Virtualization"-Schicht, schlägt eine Brücke zwischen On-Premis-Infrastrukturen und der Cloud.

Investoren des Startups sind unter anderen Sequoia Capital, Norwest Venture Partners und Bessemer Venture Partners. Vor gut einem Jahr erhielt Ravello in einer dritten Finanzierungsrunde 28 Millionen Dollar. Mit beteiligt waren auch Qualcomm Ventures und SanDisk Ventures. Insgesamt hätten die Geldgeber bis dato 54 Millionen Dollar in das Unternehmen gesteckt, hieß es damals.

Oracle hat den Deal in einer Kurzmeldung bestätigt und angekündigt, die Ravello-Mitarbeiter würden künftig als Teil des Public-Cloud-Teams in die Oracle-Organisation integriert. Weitere Einzelheiten gab der US-Softwarekonzern nicht bekannt. US-Medienberichte, die sich auf mit dem Deal vertraute Personen berufen, sprechen von einem Kaufpreis in Höhe von etwa 500 Millionen Dollar. In einem Blog-Post kündigte Ravello-CEO Rami Tamir an, die eigenen Produkte würden künftig einen Bestandteil der Oracle-Cloud bilden. Anwender würden damit in die lage versetzt, bestehende Anwendungen einfach und schnell in in die Cloud zu übertragen. Zeitaufwendige und Kostenintensive Entwicklungsarbeiten, um diese Applikationen für die Cloud anzupassen, entfielen.

Ravello verspricht seinen Kunden 'Support wie immer'

Es sei oberste Priorität, Produkte und Services für die eigenen Kunden weiter am Laufen zu halten, versicherte Tamir. "Ravellos Service werde weitergehen wie bisher." Zu den Kunden Ravellos zählen die Linux-Anbieter Red Hat und Suse, die Security-Spezialisten Symantec und McAfee, aber auch Firmen wie Brocade, Riverbed und Nutanix. Letztere spielt eine wichtige Rolle bei Anbietern wie Dell und Lenovo, deren Converged-Infrastructure-Systeme auf den Nutanix-Produkten aufbauen. Außerdem hatte Ravello im November vergangenen Jahres eine spezielle "Nutanix Community Edition" angekündigt, mit der Verbindungen in die AWS- und Google-Cloud geknüpft werden könnten.

Überhaupt scheint Ravello enge Verbindungen zu anderen Cloud-Anbietern wie AWS und Google gepflegt zu haben. Es gebe eine große Nachfrage im Markt, um eine Brücke zwischen auf VMware basierenden virtualisierten Rechenzentren und Public Clouds wie von AWS und Google zu bauen, sagte Tamir Ende Januar 2015. Verschachtelte Virtualisierung sei die richtige Technik, um das zu schaffen. Im August 2015 veröffentlichte der Anbieter "InfinityDC". Die Lösung soll es Anwenderunternehmen erlauben, ihre mit VMware virtualisierten Data-Center-Infrastrukturen zu kapseln und in eine AWS- beziehungsweise Google-Cloud zu verlagern. Ob diese Unterstützung konkurrierender Cloud-Infrastrukturen unter dem Dach Oracles weiter gepflegt und angeboten wird, ist indes anzuzweifeln.

Oracle schnappt anderen Anbietern wichtige Cloud-Technik weg

Ob der Kundensupport in der Form weitergehen wird, wie es Tamir versprochen hat, daran haben auch so manche Experten ihre Zweifel. Anbieter wie Oracle kauften oft Technik zu, die sie selbst nicht haben, sagte Charles King, Principal Analyst von Pund-IT. Es sei aber auch nicht unüblich, Anbieter zu kaufen, um deren Produkte für Wettbewerber vom Markt zu nehmen. Immerhin bilde Ravello einen wichtigen Baustein in den Cloud-Strategien anderer Anbieter. Auch die Tatsache, dass Oracle die Übernahme nur ganz kurz mit zwei Sätzen verkündete - On February 22, 2016, Oracle signed an agreement to acquire Ravello Systems. All Ravello employees will be joining Oracle as part of Oracle Public Cloud - und mit keinem Wort darauf einging, wie die Ravello-Lösungen das eigene Cloud-Portfolio ergänzen, scheint darauf hinzudeuten, dass Oracle die zugekaufte Technik eher flach und vor allem fern von den Konkurrenten halten will.

Grundsätzlich würde Ravello allerdings gut in die Oracle-Strategie passen. Der Datenbankspezialist bemüht sich seit einiger Zeit verstärkt darum, sein Geschäft auf Cloud-Kurs zu trimmen. Erst im Herbst vergangenen Jahres hatte Oracle-Gründer Lawrence Ellison auf der Kundenkonferenz OpenWorld keinen Zweifel daran gelassen, dass der Kurs ganz klar Richtung Cloud zeige. Er bezeichnete Firmen wie Amazon Web Services (AWS), Salesforce und Workday als neue Konkurrenten. Alte Wettbewerber wie IBM und SAP könnten dagegen kein wirklich ernst zu nehmendes Cloud-Angebot vorweisen. Allerdings muss auch Oracle an seinem Cloud-Auftritt noch feilen, wie die jetzt bekannt gegebene Übernahme zeigt. Auf der OpenWorld hatte Ellison getönt, Kunden sollten quasi auf Knopfdruck mit ihren Workloads und Daten zwischen On-Premise- und Cloud-Infrastrukturen hin- und herwechseln können. Doch das dürfte sich erst jetzt mit den zugekauften Lösungen von Ravello umsetzen lassen.

VMware schließt Cloud-Pakt mit IBM

Grundsätzlich wächst offenbar auf Seiten der Anwenderunternehmen der Bedarf, ihre mit VMware virtualisierten On-Premise-Installationen enger mit der Cloud zu verknüpfen. Gerade erst hat VMware eine umfangreiche Partnerschaft im IBM angekündigt. Das Ziel: VMware-Kunden sollen ihre On-Premise-Installationen wahlweise in die IBM-Cloud und zurück verschieben können. Hierzu haben beide Unternehmen eine gemeinsame Architektur entwickelt, über die VMwares Software-Defined Data-Center (SDDC) inklusive vSphere, NSX und Virtual SAN auch über die IBM-Cloud genutzt werden können. Bisher ist eine solche unterbrechungsfreie VMware-Cloud-Lösung nur in VMwares eigener Infrastruktur möglich. Die Kooperation könnte IBMs und VMwares Position gegenüber anderen Cloud-Schwergewichten wie Microsoft (Azure) und AWS stärken.