Oracle greift für Bea tief in die Tasche

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Im zweiten Anlauf gelingt Firmenchef Lawrence Ellison die Übernahme des Konkurrenten Bea Systems.

Nach einem monatelangen Katz-und-Maus-Spiel kommt die Ellison-Company bei Bea Systems doch noch zum Zug. Rund 8,5 Milliarden Dollar legt Oracle für den Middleware-Spezialisten auf den Tisch - ein satter Aufschlag gegenüber der ursprünglichen Offerte von 6,7 Milliar-den Dollar. Die Bea-Aktionäre erhalten für ihre Papiere nun jeweils 19,38 Dollar. "Wenn wir ein weiteres Angebot für Bea abgeben würden, dann zu einem niedrigeren Preis", hatte Ellison noch im November 2007 getönt. Die in Aussicht gestellten 17 Dollar je Anteilschein seien in-zwischen eindeutig zu hoch. Beas Verwaltungsrat hatte Oracles erstes Angebot im Oktober postwendend als zu niedrig abge-lehnt und stattdessen einen Preis von 21 Dollar je Aktie gefordert. Ellison reagierte mit einem Ultimatum, das Bea verstreichen ließ.

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Dass Oracle letztlich nachbesserte, kam dennoch nicht überraschend. Schon bei der ähnlich langwierigen Übernahme von Peoplesoft im Jahr 2005 hatte der Konzern am Ende deutlich mehr bezahlt, um seinen aggressiven Wachstumskurs fortzuführen. Rechnet man den Kaufpreis für Bea hinzu, hat Oracle seit dem Jahr 2004 fast 35 Milliarden Dollar für Zukäufe ausgegeben. Analysten sehen darin die eigentlichen Beweggründe der Strategen um Firmenchef Ellison: Mit der Übernahme von Bea Systems gehe es Oracle weniger um die Technik des Konkurrenten, sondern schlicht um Marktmacht, kommentiert etwa Gartner-Analyst Massimo Pezzini. Wenn der Deal wie geplant Mitte des Jahres abgeschlossen ist, steht Oracle als zweitgrößter Middleware-, Portal- und Prozess-Management-Anbieter hinter Marktführer IBM da, rechnet er vor. Im Java-zentrierten Middleware-Markt könne es dann kaum ein anderes Softwarehaus mit den beiden Schwergewichten aufnehmen. Auch gegenüber Microsoft, das mit seiner Middleware rund um das .NET-Framework ebenfalls eine starke Position innehat, ergebe sich ein deutlicher Vorsprung.

"Schlicht Größenwahn"

Ganz ähnlich hatten professionelle Marktbeobachter kommentiert, als Oracle sich im Oktober 2007 erstmals um Bea bemühte. "Das Motiv für den Zukauf ist schlicht Größenwahn", sagte etwa Andreas Zilch von der Experton Group. Logisch lasse sich der geplante Deal nicht rechtfertigen; Oracle verfüge mit der Integrationstechnik Fusion bereits über eine komplette Middleware. Auch IDC-Analyst Rüdiger Spies vermutete, Oracle wolle um jeden Preis wachsen, auch wenn dies unternehmerisch und technisch keinen Sinn gebe. Die Übernahme und eine mögliche Einbindung der Integrationsprodukte von Bea würden den Fahrplan für Oracles Fusion-Anwendungen gehörig durcheinanderwirbeln: "Oracle muss jetzt ganz schnell erklären, wie es mit Fusion weitergeht." Ebendies ist bis heute nicht geschehen, was auch Gartner-Experte Pezzini moniert: "Eine klare Roadmap zur Zusammenführung der Produktportfolios steht noch aus."

Tatsächlich überschneiden sich die Produktpaletten der Hersteller erheblich: In einem fusionierten Unternehmen würde etwa Beas Java-Applikations-Server "Weblogic" mit dem "Oracle Application Server" konkurrieren; bei der Portaltechnik wären es sogar vier Produkte: "Oracle Portal", "Oracle Webcenter", "Bea Weblogic Portal" und "Bea Aqualogic User Interaction" (vormals Plumtree). Beide Unternehmen offerieren zudem einen Enterprise Service Bus (ESB), der in einer SOA als zentrale Integrationsschicht dient. Last, but not least müssten die Oracle-Strategen entscheiden, was aus den Java-Entwicklungsumgebungen "Bea Weblogic Workshop" und "Oracle Jdeveloper" werden soll.

Andererseits könnte die Ellison-Company auch von einigen Bea-Technologien profitieren. Christopher Haddad vom Analys-tenhaus Burton Group nennt in diesem Kontext das SOA-Verwaltungswerkzeug "Bea Aqualogic Registry Repository", das unter anderem Governance-Funktionen zur Registrierung und Freigabe von Services zur Verfügung stellt. Synergien erkennt er auch durch die Kombination der Oracle-Datenbank mit der "Aqualogic Data Services Platform".

Spott erntete Oracle hingegen von seinem ärgsten Rivalen SAP. Die Übernahme sei "ein klares Zeichen dafür, dass Oracle mit seiner Fusion-Middleware Probleme hat", kommentierte Bill Wohl, Vice President Strategic Communications beim größten deutschen Softwarehaus. Oracles zugekaufte Techniken bezeichnete er als "Spaghetti-Ball" aus komplexer Software und legte nach: "Oracle hat mehr als 30 Milliarden Dollar ausgegeben, um mit uns mitzuhalten. Trotzdem gewinnen wir Marktanteile."

Stellenabbau wahrscheinlich

Auf jeden Fall profitieren wird von dem Deal Beas Großaktionär Charles Icahn, der das Management massiv zu einem Verkauf drängte. Im September 2007, kurz vor Oracles erstem Angebot, hatte er sich einen Anteil von 13 Prozent gesichert. Inzwischen dürfte sein Aktienpaket rund 300 Millionen Dollar mehr wert sein. Ganz anders stellt sich die Situation für Beas 4100 Mitarbeiter dar. Sie müssen damit rechnen, dass Ellison mehrfach besetzte Stellen in der Verwaltung sowie in Vertriebs- und Marketing-Abteilungen streicht. (wh)