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Open-Source-Überlegungen bei HP

29.06.2007
Topmanager Martin Fink beschreibt im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE zentrale Positionen von Hewlett-Packard und interne Debatten über weitere Schritte in Richtung Open Source.

Von CW-Redakteur Ludger Schmitz

Open Source hat auch bei traditionsreichen IT-Unternehmen wie Hewlett-Packard tiefe Spuren hinterlassen. Ein Musterbeispiel für die zunehmende Bedeutung des Softwaretrends ist der Aufstieg von Martin Fink: Der HP-Manager hat sich seit Ende der 90er Jahre mit seinem Engagement für Linux in der Community einen Namen gemacht. HP-intern stieg er zunächst zum Verantwortlichen für Open Source auf und wurde inzwischen Chef der übergeordneten Abteilung Business Critical Systems.

Martin Fink, Open-Source-Chefstratege bei Hewlett-Packard
Martin Fink, Open-Source-Chefstratege bei Hewlett-Packard
Foto: Martin Fink

Doch seit die IT-Hersteller Linux für sich entdeckt haben, vergrößert sich auch ihr Einfluss auf das Open-Source-Geschehen. Deutlich wurde das beispielsweise, als im Januar 2007 die recht unabhängige Linux-Standardisierungsgruppe FSG mit den Open Source Development Labs zur Linux Foundation verschmolz. Dabei haben IT-Anbieter an Bedeutung gewonnen. Für Fink ist das nur ein logischer Vorgang: "Ohne die Unterstützung von IT-Firmen wäre Open Source wohl nicht dieser Erfolg geworden. Die ganze Entwicklung wäre wesentlich langsamer gelaufen, weil Open Source ohne die Anbieter weniger sichtbar gewesen wäre und weniger Codebeiträge erhalten hätte." So hat HP im letzten Jahr ein Installations-Tool als Open Source freigegeben, mit dem sich über 100 verschiedene Linux-Distributionen verwalten lassen: das Linux Common Operating Environment (LinuxCOE). Es wurde in sechsjähriger Arbeit entwickelt und steht nun frei zur Verfügung.

Verbreitet ist allerdings auch die Befürchtung, mit der Industrie könnten partikulare Geschäftsinteressen Unfrieden in die Open-Source-Entwicklung bringen, beispielsweise die Linux-Standardisierung behindern. Das schlechte Beispiel der "Unix-Kriege" wird gern bemüht. Grundsätzlich sei eine vergleichbare Verankerung proprietärer Eigenarten unter dem Deckmantel eines Standards nicht mehr möglich, so Fink: "In der Open-Source-Welt gibt es keinen Anreiz für diese Art der Differenzierung."

"Aber die Theorie endet, wenn aus dem Linux-Kernel eine Distribution wird", erklärt HPs Open-Source-Vordenker. "Statt Unix International gegen OSF könnte es zu Novell-Suse gegen Red Hat kommen. Die Unterschiede könnten sich diesmal jenseits des Kernels beim Paket-Management und bei den Softwarepaketen und den begleitenden Supportangeboten ausprägen." Wenn die Reichweite von Standards schon fraglich ist, meint Fink: "Ich empfehle professionellen Anwendern, sich auf eine Distribution festzulegen und sie zu ihrem Unternehmensstandard zu machen."

Solche Momente, die zur Verunsicherung der an Linux und quelloffener Software interessierten Anwender beitragen – dazu gehört auch Finks persönliches Hauptärgernis der vielen Open-Source-Lizenzen – hat es mehr gegeben, als dem HP-Strategen akzeptabel war. Hinzu kam die mehr als eineinhalb Jahre dauernde Diskussion um die künftige GNU General Public License (GPLv3). Wie andere Open-Source wohlgesonnene Unternehmen hatte HP Einwände gegen zahlreiche dort vorgesehene Einschränkungen, so zu Terminierungsklauseln oder dem Digital Rights Management. HP ist auch jetzt noch nicht sicher, ob man für eigene quelloffene Software die neue Lizenz vorzieht oder lieber bei der alten GPLv2 bleibt.

Anscheinend hat die GPL-Diskussion einen HP-internen Trend zu Open Source behindert. Manager Fink berichtet von Überlegungen, eigene IT-Management-Tools quelloffen herauszugeben. "Die Grenze ist dann erreicht, wenn der Code eines Tools verrät, wie die zugrunde liegende Hardware-Infrastruktur funktioniert." Man diskutiere, den "System Insight Manager" schrittweise Open Source zu stellen, so Fink, "zum Beispiel indem wir Entwickler-Schnittstellen öffnen, um Plug-ins zu vereinfachen. Wenn das gelingt, könnte man überlegen, diese gesamte Infrastruktur quelloffen freizugeben."

Die Hauptrichtung des aktuellen Open-Source-Trends sieht Fink allerdings nicht in diesem systemnahen Bereich: "Alles redet von einer Open-Source-Offensive auf der Ebene der Applikationen: Wann kommt die quelloffene Alternative zu SAP und Siebel? Jedoch gibt es momentan sehr viel Open-Source-Dynamik im Middleware-Layer – und hier muss auch noch sehr viel getan werden. Daher wird es bis zu einer wirklich großen Offensive auf Applikationsebene noch etwas dauern."

"Das Vertrauen, das Anwender in Produkte wie Linux, Jboss oder MySQL zeigen, ist bei Anwendungen noch nicht zu erkennen", konstatiert Fink. "Diese Ebene könnte andere, spezielle Communities erfordern. Es könnte sein, dass sich die Durchdringung der Applikationsebene vertikal vollzieht." Topkandidaten sind für ihn die Telcos und die öffentlichen Verwaltungen. Erste Ansätze seien darüber hinaus bei Finanzdienstleistern, im Gesundheitswesen und in der produzierenden Industrie zu erkennen. Hier zeichnet sich in der Tat die Entstehung neuer Communities aus Firmen mit ähnlich gelagerten Interessen ab.