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Open-Source-Spezialist kontert Microsofts "Linux-Mythen"

08.10.1999

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Microsoft hat unlängst unter dem Titel "Mythos Amerika: Fünf Dinge, die die Linux-Jungs verschweigen" einige umstrittene Thesen zum quelloffenen Unix Linux veröffentlicht. Darin behauptet die Gates-Company, Windows NT 4 sei Linux in entscheidenden Bereichen (Leistung, Zuverlässigkeit, Total Cost of Ownership = TCO, Sicherheit, Eignung für den Desktop) überlegen und versucht dies auch zu belegen. Zentrale Argumente: Linux fehle noch immer eine vernünftiger SMP-Unterstützung (Symmetrical Multiprocessing) und ein "journalling" Dateisystem, das einen Systemausfall überlebe. Außerdem seien die Kosten von NT auf die Dauer um 37 Prozent niedriger als die von vergleichbaren Unixen - selbst wenn Linux zunächst kostenlos sei.

Die Open-Source-Gemeinde will das natürlich nicht so einfach auf sich sitzen lassen. David Mentre, Autor der "Linux SMP FAQ", verweist darauf, daß bereits der aktuelle Entwickler-Kernel 2.3 für SMP optimiert sei und eine noch stabilere Implementierung noch in diesem Jahr folgen werde. Auch ein Journalling Filesystem sei in Arbeit, sogar gleich in drei Projekten ("ext3", "XFS" von SGI sowie "Reiserfs").

Microsofts TCO-Behauptung fußt bei genauer Betrachtung auf einem Vergleich von NT auf Compaq-PC-Servern versus Solaris auf Sun-Servern - nicht unbedingt mit Linux gleichzusetzen. "Auch wenn die Zahl der Benutzer fast gleich ist, laufen Sun-Maschinen oft in anspruchsvolleren Umgebungen", heißt es in zitierten der Studie. Und weiter: "Im Schnitt sind die Datenbanken auf Sun-Maschinen um 47 Prozent größer als die bei Microsoft/Compaq. Sun-Anwender nutzen häufiger Transaktions-Anwendungen [...]. Sun-Server bedienen mehr gleichzeitige Sitzungen (160 zu 98) und Hits pro Tag (3462 zu 1423)." Mentre meint dazu lakonisch: "Für um 37 Prozent niedrigere Kosten bekommt man also 50 Prozent weniger Leistung. Kann mir mal jemand erklären, warum das ein Sieg für Microsoft ist?"

Auch im Sicherheitsbereich führe Microsoft falsche Argumente ins Feld, meint Mentre. Unter anderem prahlt die Gates-Company damit, alle Versionen von NT seit Version 3.5 sei von der US-Regierung mit dem begehrten "C2"-Sicherheitsstandard ausgezeichnet worden. Diese Behauptung erscheint verwegen: In Wahrheit wurde nur NT 3.5 mit dem US-Service-Pack 3 entsprechend zertifiziert - und das auch nur dann, wenn Netzwerkumgebung und Diskettenlaufwerk abgeklemmt werden. In einem letzten Punkt mußte Mentre dem Microsoft Pamphlet allerdings zähneknirschend zustimmen: Zum jetzigen Zeitpunkt, so der Open-Source-Apostel, sei Linux für den Desktop in der Tat noch ungeeignet.