SAP auf Linux

Open Source erobert die Rechenzentren

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Das Open-Source-Betriebssystem Linux verdrängt immer häufiger klassische Unix-Derivate als Plattform für SAP-Anwendungen.

Konkrete Zahlen zu SAP-Migrationen auf Linux sind Mangelware. Der Walldorfer IT-Dienstleister Realtech analysiert bereits seit einigen Jahren Projekte seiner Kunden. Schon die erste Erhebung, die sich auf den Zeitraum von Juni 2001 bis September 2005 bezog, brachte überraschende Ergebnisse. Der Tenor: Linux hat sich als Backend-Betriebssystem im SAP-Umfeld etabliert (siehe dazu: SAP auf Linux - eine Alternative?).

Den Beratern zufolge gingen 60 Prozent aller Migrationen von Unix aus, knapp 20 Prozent von Windows. Aber auch die alten IBM-Plattformen OS/400 (Midrange) und OS/390 (Mainframe) gehörten mit 13 Prozent und knapp sieben Prozent zu den Verlierern. Dieser Trend setzt sich fort. "Die Zahl der Linux-Migrationen hat sich gegenüber der ersten Auswertungsperiode verdoppelt", berichtet Consulting Manager Helmut Spöcker. In den vergangenen zwei Jahren, genauer gesagt zwischen Ende 2005 und März 2008, sei der Anteil von Unix als Ausgangs-Betriebssystem für Migrationen auf gut 68 Prozent gestiegen. Anders ausgedrückt: Mehr als zwei von drei SAP-Migrationen auf Linux gingen von klassischen Unix-Derivaten aus. Die wichtigsten Gründe für Umstellungsprojekte sind geringere Kosten und mehr Herstellerunabhängigkeit, hat Realtech herausgefunden.

Die meisten SAP-Migrationen auf Linux gehen von Unix aus, berichtet der IT-Dienstleister Realtech.
Die meisten SAP-Migrationen auf Linux gehen von Unix aus, berichtet der IT-Dienstleister Realtech.

Die Erhebungen des Serviceanbieters passen zu internationalen Studien zur Verbreitung von Linux. Laut dem amerikanischen Marktforschungs- und Beratungshaus Saugatuck Technology etwa setzen immer mehr Anwenderunternehmen Open-Source-Software auch für Enterprise-Anwendungen in Rechenzentren ein (siehe dazu: Die Zukunft von Open Source). Als wichtigstes Motiv nennen die Analysten Lizenzbedingungen und Kosten. Nach einer Prognose von IDC soll der Markt für quelloffene Software bis zum Jahr 2012 auf ein Umsatzvolumen von 4,83 Milliarden Dollar wachsen.

HP-UX und AIX verlieren

Im SAP-Bereich geht die aktuelle Entwicklung vor allem zu Lasten von Hewlett-Packards Unix-Variante HP-UX und IBMs AIX. Mehr als 40 Prozent der von Realtech begleiteten Umstellungsprojekte auf Linux gingen vom HP-Unix aus, von AIX wendeten sich 18 Prozent der Unternehmen ab. Bereits nicht mehr neu erhältliche Unix-Derivate wie das einstige Siemens-System Reliant oder das von Digital Equipment stammende Tru64 Unix, die in der ersten Erhebung noch mit 20 Prozent auftauchten, spielten im aktuellen Untersuchungszeitraum mit fünf Prozent kaum noch eine Rolle. Kritisch äußert sich Realtech-Manager Spöcker auch zur Betriebssystem-Plattform von Sun Microsystems: "Es sind nur bedingt gute Nachrichten für Unix-Anbieter, dass Solaris nur selten der Ausgangspunkt für SAP-Migrationen nach Linux ist." Das könne sich bald ändern. Die Verteilung der Unix-Derivate hängt nach seiner Einschätzung eher mit deren Marktanteil in bestimmten Industriezweigen zusammen als mit der potenziellen Attraktivität bezüglich einer Linux-Umstellung. Sun ist mit seinen Produkten vor allem im Bankensektor und der öffentlichen Verwaltung erfolgreich. IT-Verantwortliche in diesen Bereichen verhalten sich nach Spöckers Erfahrung besonders konservativ, wenn es um Linux in SAP-Rechenzentren geht.