Online-Recruiting: Ernüchterung statt Euphorie

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Als das Internet noch für Fortschritt und Prosperität stand, sprachen Unternehmen gerne davon, zukünftig alle Bewerbungen nur noch online zu managen. Inzwischen sind einige Personalabteilungen von einer E-Mail-Bewerbungsflut überrollt worden, so dass sie heute die neuen Möglichkeiten differenzierter beurteilen.

„Die Euphorie lässt nach. In Zukunft wird es ein sinnvolles Nebeneinander von Internet und Print geben”, meint Hans-Christoph Kürn, Personal-Manager bei der Siemens AG und für das Recruiting verantwortlich. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass einige Kollegen aus den Fachabteilungen lieber eine Bewerbungsmappe in der Hand halten und darin blättern, als am Bildschirm durch die Unterlagen des Bewerbers zu klicken. “Wir in der Personalabteilung sehen uns als interne Dienstleister und erfüllen die Wünsche unserer Kunden aus den Fachabteilungen”, zeigt sich der Personal-Manager diplomatisch.

Siemens erhält jährlich zirka 240 000 Bewerbungen, darunter 70 000 Initiativbewerbungen. Zwei Drittel erreichen das Unternehmen elektronisch. Auch in fünf bis sechs Jahren, davon ist Kürn überzeugt, wird es weiterhin Bewerbungen per Briefpost geben. “Es ist weder ein Bonus noch ein Malus, welchen Weg die Interessenten wählen”, ergänzt Kürn. Gerade bei Großunternehmen stieg durch die neuen Kommunikationswege die Zahl der Anfragen an. “Die Bewerber sind selbstbewusster geworden, und die Hemmschwelle, Anfragen zu schicken oder sich zu bewerben niedriger”, weiß SAP-Pressesprecher Markus Berner. Die Walldorfer erhielten 2001 zirka 30 000 Bewerbungen, davon kamen knapp die Hälfte über das Netz.

“Durch Online-Bewerbungen und E-Mails steigt die Zahl der Anfragen dramatisch an. Allerdings lässt die Qualität oft sehr zu wünschen übrig”, erzählt Marcus Fischer, der bei Audi in Ingolstadt für das Personal-Marketing in den Neuen Medien zuständig ist. Die klassischen Bewerbungsstandards gelten online genauso wie auf Papier, werden aber oft nicht eingehalten. “Wir bekommen E-Mails, in denen Interessenten beispielsweise schreiben: ‘Ich habe Betriebswirtschaft studiert und möchte irgendetwas in diesem Bereich bei Ihnen machen’,” erzählt er verwundert.

Doch die Personalabteilung beantwortet alle halbwegs ernsthaften Anfragen, fordert weitere Informationen an, verweist auf den Online-Bewerbungsbogen und fragt genauer nach den Qualifikationen. “Rund die Hälfte der Bewerbungen erreichen uns als Initiativbewerbungen ohne Bezug zu einer ausgeschriebenen Stelle”, konkretisiert Fischer. Momentan erhält das Unternehmen schon 40 Prozent der Bewerbungen über das Internet, zukünftig möchte der Personalexperte die Quote auf 80 Prozent erhöhen. Allerdings räumt auch er ein, dass sich nicht jede Position für eine elektronische Bewerbung eignet.

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