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Offiziell: Alcatel und Lucent fusionieren

03.04.2006
Mit einem Umsatz von rund 21 Milliarden Euro entsteht der weltweit größte TK-Konzern.

Seit Sonntagabend ist offiziell, worüber die ITK-Branche seit einer Woche spekulierte: Alcatel und Lucent fusionieren zum "ersten wirklich globalen Communications Solutions Provider", wie die beiden Partner den transatlantischen Schulterschluss selbst bewerten.

Hauptsitz des neuen TK-Giganten, der Branchengrößen wie Cisco, Ericsson, Nokia und andere mit einem Umsatz von rund 21 Milliarden Euro überflügelt, wird Paris. Das Nordamerika-Business wird auch künftig von New Jersey aus geleitet, wo die weltberühmten Bell Labs, das Filetstück von Lucent, weiterhin ihren Hauptsitz haben werden. Designierte Chefin des neuen Unternehmens, dessen Namen zu einem späteren Zeitpunkt bekannt gegeben werden soll, ist Patricia Russo, bislang Chairman und CEO von Lucent. Serge Tchuruk, Chairman und CEO von Alcatel, soll in dem neuen Konzern die Funktion eines Nonexecutive Chairmans übernehmen. Nach der derzeitigen Planung lenkt die Geschicke der transatlantischen Company, die rund 88.000 Beschäftigte hat, ein 14-köpfiges Board of Directors, das sich paritätisch aus Managern beider Unternehmen zusammensetzt.

Zwar feierten Tchuruk und Russo den Zusammenschluss offiziell als "merger of equals", doch die Besitzverhältnisse in dem neuen Konzern sprechen eine andere Sprache: Bei einer Marktkapitalisierung von rund 30 Milliarden Dollar halten die Alcatel-Aktionäre rund 60 Prozent an dem Gemeinschaftsunternehmen, während die Lucent-Anteilseigner auf rund 40 Prozent kommen. Die Lucent-Aktionäre erhalten im Zuge der Fusion 0,1952 Anteile einer American Depositary Share (ADS), die den Gegenwert einer Alcatel-Aktie hat. Die Zustimmung der jeweiligen Behörden vorausgesetzt, wollen die Partner die Transaktion innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate abschließen.

Den Zusammenschluss beider Firmen begründeten Tchuruk und Russo in einer ersten Stellungnahme mit den signifikant besseren Wachstumschancen eines Gemeinschaftsunternehmens in Sachen Next-Generation-Networks, -Services und -Applikationen. Gemeinsam, so Tchuruk, werde man zum Weltmarktführer in Sachen konvergenter Netze aufsteigen und könne dabei auf das am breitesten angelegte Portfolio an Wireless- und Festnetzprodukten zurückgreifen. Eine Aussage, die Branchenkenner als klare Kampfansage in Richtung Cisco werteten, denn der Konzern versuchte sich mit seinen Zukäufen der letzten Zeit als die Nummer Eins im Konvergenz-Geschäft zu positionieren. Ferner sieht sich der neue Gigant mit weltweit über 26.000 Entwicklungsingenieuren, darunter die Bell Labs, als die führende Forschungsinstitution im TK-Segment. Allerdings bleibt abzuwarten, ob der neue Konzern seine Forschungskapazitäten in der derzeitigen Form beibehält. Tchuruk und Russo haben nämlich für die nächsten drei Jahre ein Einsparpotenzial von 1,4 Milliarden Euro ausgemacht, das sie durch Synergien verwirklichen wollen.

Eine elegante Lösung haben die beiden Firmenlenker für die militärischen Engagements der Unternehmen gefunden. Zahlreiche Analysten hatten befürchtet, dass eine Fusion daran scheitern könnte. Diese Klippe umschifft der Konzern dadurch, dass man in den USA die entsprechenden Aktivitäten in eine eigenständige Holding ausgliedert. Diese sollen drei US-Bürger leiten, die von der US-Regierung bestätigt werden. Ähnlich verfährt die Company in Frankreich mit Alcatels Beteiligung an dem Rüstungskonzern Thales. So werde das Gemeinschaftsunternehmen nur Europäer in den Thales-Aufsichtsrat entsenden. Ferner prüfe man, in wie weit man die Zusammenarbeit mit Thales ausbauen könne. Im Gespräch sind sowohl die Ausgliederung von Alcatel-Bereichen als auch eine Erhöhung der Thales-Beteiligung. (hi)