Application Streaming

Nutzen von Desktop-Virtualisierung noch unklar

12.03.2008
Alle großen Anbieter von Virtualisierungssoftware stellten auf der CeBIT ihre Produkte und Pläne für die Verlagerung der PC-Installationen in das Rechenzentrum vor. Doch viele PC-Arbeitsplatzanforderungen eigenen sich nicht zur Virtualisierung.

Die Virtualisierung von Servern und Speichern genießt seit einiger Zeit große Aufmerksamkeit. Sie wird in den Rechenzentren immer mehr zur Realität, weil sie hilft, durch bessere Auslastung der Hardware Kosten zu sparen. Gleichzeitig lässt sich mit den dafür benötigten Basistechnologien immer schwerer Geld verdienen. Microsoft packt seinen Hypervisor "Hyper-V" in das Betriebssystem Windows Server 2008, Sun gibt "Logical Domains" für seine Ultrasparc-T1-Maschinen kostenlos ab, und "Xen" liegt als Open Source vor. Hersteller wie VMware und Citrix, die ihr Business in einer eigenen Virtualisierungsinfrastruktur sehen, versuchen sich durch immer neue Features und Anwendungen von solchen Commodity-Angeboten abzuheben.

Der neueste Vorstoß in diese Richtung betrifft die Virtualisierung von Desktops. Dabei läuft das Client-Betriebssystem inklusive aller normalerweise lokal installierten Anwendungen in einer virtuellen Maschine auf dem Server. Für jeden Mitarbeiter in einer solchen Konstellation existiert im Backend ein virtueller Arbeitsplatzrechner, auf den er von seinem Desktop-PC oder einem Terminal aus zugreifen kann.

VMware eilt voraus

Als Vorreiter für dieses Modell gilt VMware mit seiner "Virtual Desktop Infrastructure" (VDI); mittlerweile ziehen Citrix, Microsoft und Sun mit eigenen Produkten nach. Besonders VMware und Citrix verfechten diesen Ansatz, während er für Microsoft nur eine unter mehreren Desktop-Optionen darstellt. Als Vorteile eines solchen zentralistischen Modells versprechen die Hersteller geringere Administrationskosten und mehr Sicherheit. Allerdings birgt es auch einige Nachteile und löst Probleme, für die bis dato bewährte Alternativtechniken eingesetzt werden.

Die "traditionelle" Alernative: Thin Client (hier von Wyse) statt PC.
Die "traditionelle" Alernative: Thin Client (hier von Wyse) statt PC.

Die zentrale Verwaltung und Ausführung von Desktop-Software eignet sich traditionell für Arbeitsplätze, an denen Sachbearbeiter mit wenigen Standardanwendungen wiederkehrende Tätigkeiten verrichten. In solchen Fällen könnten viele Arbeitsplatzrechner über wenige Systemabbilder versorgt und der Verwaltungsaufwand reduziert werden. Allerdings setzen viele Unternehmen für solche Einheits-Desktops, etwa in Call-Centern, häufig Thin-Client-Lösungen auf Basis von Windows-Terminal-Server und Citrix ein. Virtuelle Desktops würden in einer solchen Konstellation die Server-Hardware weit höher belasten, weil für jeden Benutzer eine eigene Instanz des Client-Betriebssystems ausgeführt werden muss - und das, ohne erkennbare Vorteile zu bieten. Citrix und VMware propagieren virtuelle Desktops als Alternative, da einige Anwendungen sich unter dem Terminal-Server nicht problemlos ausführen ließen.

Anspruchsvolle Wissensarbeiter

Weit höher liegen die Anforderungen bei den so genannten Wissensarbeitern, die ihre Arbeitsumgebung individuell gestalten und eigene Anwendungen installieren möchten. In diesen Fällen reichen einige Standard-Images nicht aus, vielmehr benötigt im Extremfall jeder Anwender sein eigenes Systemabbild. Dies steigert den Speicherbedarf in astronomische Höhen und macht die Verwaltung der virtuellen PCs zu einer komplizierten Aufgabe. Angesichts eines immer besseren Managements klassischer Desktops, für das ausgereifte Werkzeuge und entsprechende Kenntnisse in den IT-Abteilungen vorhanden sind, müssen die Anbieter virtueller Desktop-Lösungen ihre behaupteten Kostenvorteile erst belegen.

Gerade für anspruchsvollere Nutzer erweist es sich als Nachteil, dass sie bei den meisten Lösungen über Thin-Client-Protokolle auf die entfernt ablaufenden virtuellen PCs zugreifen müssen. Dies führt zu einer schlechteren Darstellungsqualität des Desktops auf dem Bildschirm, umständlichem Zugriff auf lokale Hardware und fehlende Offline-Fähigkeit.

Streaming statt Thin-Client-Protokolle

Um diese Defizite zu beseitigen, arbeiten die Hersteller an Streaming-Techniken, die den Code von virtuellen Desktops zur Laufzeit auf den lokalen PC herunterladen. So würde dessen Rechenleistung genutzt, und Anwendungen verhielten sich wie traditionelle lokal installierte Programme. Mit Hilfe von Caching-Funktionen könnten sie auch offline eingesetzt werden.

Citrix integriert solche Features in die nächste Version des "Presentation Server", der in "Xenapp" umbenannt wird. VMware äußerte sich bisher über keine Pläne, eine derartige Technik zu entwickeln, und beschränkt sich in seiner VDI auf den Zugriff über Microsofts Remote Desktop Protocol (RDP). Ähnliches gilt für Sun. Nach verbreiteter Ansicht ist "Softgrid" das derzeit beste Tool für das Application Streaming. Dessen Hersteller Softricity wurde im Juli 2006 von Microsoft übernommen. Allerdings wird noch einige Zeit vergehen, bis Microsoft eine vollständige Infrastruktur für virtuelle Desktops anbieten kann. Derzeit harrt noch Hyper-V seiner Fertigstellung. (ws)