IBM-Abteilungsrechner sorgt bei Diskussion um Data Dictionaries für Zündstoff:

"Nur auf DB2 zu schauen ist kurzsichtig"

13.02.1987

Zunehmend fordern die Anwender ein ausgereiftes Data Dictionary für DB2, IBM gerät deshalb Immer stärker unter Zugzwang (siehe CW Nr. 4 vom 23. Januar 1987, Seite 1). Im Gespräch mit der COMPUTERWOCHE kommentiert Ernst Kelting, seit mehr als fünfzehn Jahren auf den Bereich Data Dictionaries spezialisiert, die Situation.

- Herr Kelting, die IBM entwickelt derzeit sogenanntes Repository. Hat damit das Warten der Anwender auf ein vernünftiges Data Dictionary ein Ende?

Handelt es sich nun bei dieser Entwicklung um eine Ergänzung beispielsweise zum heutigen DB2-Katalog, oder wird es ein Super-Dictionary im Sinne einer eierlegenden Wollmilchsau? Diese Thematik erinnert mich an den Zeitraum 1977 bis 1980. Wählten Interessenten damals ein Dictionary aus, so wurde auf jeden Fall das IMS-Data-Dictionary der IBM in den Vergleich miteinbezogen. Anwender, die nicht nur die IMS-spezifischen Kontrollblöcke DBD und PSB dokumentieren wollten - und somit nur dem Datenbankadministrator ein Hilfsmittel zur Verfügung stellten -, hatten trotzdem häufig Bedenken, ein anderes als das IBM-DD einzusetzen. Mit ein Grund dafür war die Überzeugung vieler Anwender, daß zu diesem Data Dictionary sicherlich - oder wenigstens vermutlich - noch vielfältige Erweiterungen kommen könnten. Auch würde ein IMS-Nachfolge-Datenbanksystem möglicherweise nur noch laufen, wenn man das IBM-DD im Hause hätte. Die meisten dieser Kunden haben irgendwann das Warten aufgegeben - einige warten sicherlich immer noch.

- " Gab es ähnliche Reaktionen bei den Anwendern, als DB2 von IBM angekündigt wurde?

Ja. Der DB2-Katalog hatte vom Dictionary-Standpunkt her gesehen nur einen minimalen Leistungsumfang. Viele Anwender glaubten jedoch, daß es sehr einfach sein würde, Relationen hinzuzufügen und so zu, einem allumfassenden Dictionary zu kommen. Auch berichtete schon vor mehr als vier Jahren einer unserer Kunden das erste Mal von einem geheimnisvollen Repository der IBM, in dem nicht nur DAS-Parameter, sondern auch die anderer oder aller MVS-Systeme integriert werden sollten. Und sicherlich wird es auch damals Anwender gegeben haben, die ihre Entscheidungen aufschoben, um zu warten, ob nicht vielleicht doch noch etwas Allumfassenderes kommt.

- Und Ihr persönlicher Rückblick zu den Geschehnissen?

Bereits 1977 habe ich den Standpunkt vertreten - damals noch oft belächelt von meinen Gesprächspartnern -, daß in zehn Jahren mehr als ein Datenbanksystem beim Anwender in Produktion sein würde oder geplant sei. Auch würden neue DB-Systeme sicherlich generell mit einer Directory ausgeliefert werden; so wie jetzt DB2 mit dem DB2-Katalog. Damit könnte die Kontrollblockgenerierung wie zum Beispiel für DBD und PSB beim IMS wegfallen. Nicht gelöst werden durch Directories die Probleme der Administration aller im Unternehmen vorhandenen Daten. Dem Anwender ist es doch nicht zuzumuten, in mehreren Dictionaries zu suchen, bis er endlich das Umsatzfeld gefunden hat. Nur mit einem vom Datenbanksystem unabhängigen Data Dictionary ist eine leichte Überwachung des gesamten Datenbestandes auf allen eingesetzten DB-Systemen möglich.

- Wie stellt sich die Situation für Sie heute dar?

Datenbank- beziehungsweise allgemeine Steuerdateninformationen für Softwaresysteme sehe ich in Directory-Systemen - wie umfassend ,sie auch immer sein mögen. Das heißt: Alles, was heute zum Beispiel als IMS-Data-Dictionary, DB2-Katalog oder auch als Repository-Projekt läuft, wird in diese Klasse fallen. Hier wird der aktuelle Produktionszustand beschrieben. Darüber hinaus wird es jedoch ein zentrales Dictionary- und Kommunikationssystem geben, das den gesamten Prozeß der Softwareentwicklung unterstützt. Man wird sicherlich in einem zentralen Dictionary nur einmal dokumentieren, wie beispielsweise die Auftragsabwicklung im Unternehmen abläuft. Hiermit meine ich nicht nur die DV-technische Dokumentation, sondern im wesentlichen die sehr viel umfassendere Beschreibung aus dem Analyseprozeß. Nur die für die Produktion wesentlichen Informationen werden dann in ein Directory oder bei dezentraler Datenverarbeitung in viele verteilte Directories geladen.

- Können Sie das näher erläutern? Ein kleines Beispiel zeigt ganz eindeutig die Möglichkeiten eines Dictionary als Dokumentationssystem und Werkzeug zur Unterstützung der Systementwicklung im Gegensatz zu einer Directory zur Verwaltung der Produktionsinformationen. Auch wenn viele Datenbankhersteller heute von einem aktiven Dictionary reden, so ist es in Wahrheit nur eine Directory. Denn sonst müßte das DB-System ja zu diesem Zeitpunkt, an dem etwa die Kundennummer von 6stellig auf 7stellig geändert wird, sofort die entsprechende Datei oder Relation abändern, beziehungsweise müßte sich merken, daß alte Sätze mit 6stelliger und neue mit 7stelliger Kundennummer gespeichert sind. Dies ist doch sicherlich nicht gewollt. Diese Erweiterungen gehen erst dann in Produktion, wenn von der Systementwicklungsseite her alle hiervon abhängigen Änderungen durchgeführt sind. Ganz zu schweigen von Anforderungen der Revision an die Dokumentation von Programmen oder an die Programmabnahme, etwa der Übergang vom Test zur Produktion. Sollen solche Informationen heute in einer Directory abgelegt werden, so erfordert dies meist eine Kopie der bestehenden Daten. Wer will denn diese Directory-Kopien alle verwalten?

- Wäre es nicht besser, ein zentrales Dictionary enger mit der relationalen DB-Technik zu verknüpfen?

Es ist einfach gesagt, daß man in modernen, relationalen Datanbanksystemen - wie etwa DB2 - nur die Relationen definiert für ein zentrales Dictionary. Ein Dictionary- und Kommunikationssystem auf relationaler Basis besteht größenordnungsmäßig sicherlich aus weit über hundert Relationen und Relationships. Es ist mehr bis dato keine DB2-Anwendung bekannt, die auch nur annähernd diese Größenordnung. erreicht. Zudem ist es viel zu kurzsichtig, nur auf DB2 zu schauen. Gerade durch die weitere Verteilung von Rechenkapazität werden immer und mehr Daten auf kleineren IBM-Rechnern verwaltet. Ich denke da zum Beispiel an die 9370 unter VM, VSE, MVS mit VSAM, DL/1, IMS SQL, DB2. Des weiteren sind sogar Rechner anderer Hersteller, die nicht direkt als IBM-kompatibel zu beschreiben sind, im Einsatz. Das gleiche gilt im sich immer stärker ausweitenden PC-Bereich. Beispiel dBase III: Auch diese Datenbank hat eine eigene Directory der auf dem PC vorliegenden Daten.

- Was konnte Ihre, Ansicht nach die Transparenz zum Thema Dictionary?

Dazu mußte die unterschiedliche Verwendung des Wortes Dictionary einmal klargemacht werden. Hilfreich wäre es, wenn nicht immer wieder neue Begriffe wie Katalog, Repository oder Super-Data-Dictionary ins Spiel gebracht würden, sondern die Trennung auf der Basis Dictionary und Directory vollzogen würde.

Ernst Kelting ist Geschäftsführer der MSP Manager Software Products GmbH, Pinneberg.