Städte und Gemeinden mußten als Anbieter dazulernen:

Nüchternheit gegenüber Btx überwiegend

20.06.1986

DÜSSELDORF - Rund 120 Städte Gemeinden und Kreise nutzen heute den Bildschirmtextdienst der Deutschen Bundespost. Damit beweisen sie für Uwe Kassner. Hauptreferent bei der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung (KGSt), daß die Kommunalverwaltung keineswegs auf Ärmelschoner und Gänsekiel fixiert ist. Die Kommunen probierten sich auch zunehmend als Btx-Anbieter wobei die Bürgerinformationen bisher allerdings selten als umfassend bezeichnet werden könnten.

Zunächst einmal wird Bildschirmtext in der Kommunalverwaltung als Mitteilungsdienst beziehungsweise als elektronische Post genutzt. Die Btx-Station ist neben der konventionellen eine weitere Posteingangs- und Ausgangsstelle geworden. Dieser elektronische Briefverkehr ist aber in seiner Bedeutung noch relativ gering. Er leidet zudem darunter, daß nach wie vor unaufgefordert Werbemitteilungen in den elektronischen Briefkasten flattern. Diese informationelle Umweltverschmutzung bereitet allein schon deshalb Ärger, weil man de nicht ungelesen in den Papierkorb werfen kann, sondern sie sich erst einmal zeitaufwendig anzeigen lassen muß. Wer das nicht will, muß darauf warten, daß nach einer Frist von 14 Tagen die elektronische Mitteilung von der Post automatisch gelöscht wird. Wer weiß, ob da nicht auch einmal eine wichtige individuelle Meldung verloren gegangen ist? Jedermann in der Verwaltung hofft, daß ab 1. Juli, wenn die Mitteilungsseite 0,20 Mark kosten wird, die Flut unerwünschter Werbemitteilungen nachläßt. Eines ist jedenfalls nicht sinnvoll: den Btx-Briefkasten einfach zu sperren. Eine wesentliche Dienstleistung des Btx-Dienstes bliebe damit ungenutzt.

Weniger Erfahrungen liegen heute darüber vor, wie die kommunalen Btx-Teilnehmer die zirka 700 000 Angebotsseiten nutzen, die heute in den Btx-Rechnern der Deutschen Bundespost gespeichert sind. Deshalb können dazu noch keine gesicherten Aussagen gemacht werden. Vermutlich werden die Informationsangebote öffentlicher Anbieter am ehesten nachgefragt, sowohl auf Bundes- wie auf Landesebene: Bundestag, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbahn und BfA seien als Beispiele genannt. Da die Btx-Anbieter ihre Seiten bisher mit nur geringen Kosten im Postrechner anbieten konnten, hat sich hier noch keine echte Marktauslese herausbilden können, bei der Angebot und Nachfrage letztlich den "Informationsmarkt regeln".

Die dritte Anwendungsmöglichkeit für kommunale Bildschirmtextteilnehmer ist der Dialog im externen Rechnerverbund. Da gibt es bereits sehr attraktive Angebote für kommunale Informations-Nachfrager. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein Großteil des Wissens unserer Welt - so wird behauptet - ist heute in Datenbanken gespeichert. Und ein Teil dieser Datenbanken ist über den Btx-Rechnerverbund auch für den Btx-Teilnehmer erreichbar. Das betrifft bibliografische Datenbanken wie Volltextdatenbanken. Allerdings ist auch über Btx die Suche nach spezieller Information nach wie vor außerordentlich kompliziert und aufwendig. Dennoch kennen die Kommunen die Möglichkeiten, die sich hier bieten, und sie sind auch bereit, die Kosten, die für die Informationssuche entstehen, zu akzeptieren und zu zahlen.

Btx-Eigendarstellung besser im Griff

Die vorgenannten Anwendungen für kommunale Btx-Teilnehmer werden nicht mehr über Fernsehgeräte genutzt. Dafür gibt es inzwischen Btx-Stationen mit technisch besseren Bildschirmen, mit alphanumerischer Tastatur und mit Drucker. Inzwischen werden auch für Btx-Teilnehmer PC-Lösungen angeboten, die einige der vorgenannten Bedienerschwierigkeiten beheben! Die Bereitschaft, hier die Möglichkeiten der modernen Technik zu nutzen, besteht.

Daß Kommunalverwaltungen alle Formen der Nutzung von Bildschirmtext ausprobieren wollen, zeigt sich unter anderem auch in dem (erfolgreichen) Bemühen, am Multitel-Feldversuch der Deutschen Bundespost beteiligt zu werden. Dafür waren zum Teil sogar sehr schnelle und unbürokratische Maßnahmen notwendig. Denn die Multitel-Geräte können nach den Versuchsbedingungen der Post nicht an private Nebenstellenanlagen angeschlossen werden. Und das betrifft nahezu alle Kommunalverwaltungen. Darum haben sich einige auf die Schnelle einen neuen Hauptanschluß legen lassen, damit sie dabei sein können. Im übrigen wird die Hauptnutzung des "multifunktionalen" Telefons (Multitel) im Bereich der elektronischen Post und beim Anzapfen von Datenbanken in externen Rechnern vermutet. Hier liegen die Anwendungsschwerpunkte weniger im Betrachten der Angebotsseiten in den Btx-Rechnern der Post. Eine Anmerkung am Rande: Der Name "Multitel" ist sicherlich etwas zu weit gegriffen. Schließlich werden nur zwei Funktionen des Telefons unterstützt: das Telefonieren und die Nutzung des Bildschirmtextdienstes. "Bifunktionales" Telefon wäre sicherlich richtiger. Aber der Name Bitel ist ja schon vergeben!

Wie steht es nun mit den kommunalen Btx-Anbietern? Von Aachen bis Berlin, von Oldenburg bis Konstanz gibt es heute rund 70 Städte Gemeinden und Kreise als Btx-Anbieter. Sie haben teils selbst, teils mit ihrer kommunalen Datenverarbeitungszentrale, einige auch mit Btx-Agenturen ihr Btx-Angebot erstellt. Angesichts der bisher noch recht geringen privaten Nutzung von Bildschirmtext sind darunter aber nur wenige Kommunalverwaltungen, die ein umfassendes Btx-Informationssystem für ihre Bürger entwickelt haben. In der Mehrzahl der Fälle liegt der Schwerpunkt kommunaler Btx-Angebote in der Wirtschaftsförderung und im Fremdenverkehr. Es werden Gewerbeflächen für die Industrieansiedlung angeboten, es werden attraktive Urlaubsmöglichkeiten beschrieben. Wer die These vertritt, daß eine Kommunalverwaltung auch die Aufgabe hat, ihre Bürger umfassend über das kommunale Geschehen zu informieren, insbesondere über alle kommunalen oder sonstigen Dienstleistungen, der wird ein entsprechendes Btx-Angebot fordern - das schon deshalb, um auch auf diesem Feld gegenüber nichtamtlichen, kommunalfremden Anbietern zu bestehen. Neben Hinweisen auf aktuelle Veranstaltungen werden insbesondere Informationen angeboten zum Thema "Hilfe und Beratung" mit den Unterpunkten Notdienste. Ämter und ihre Öffnungszeiten, Einwohner und Auto, Gewerbe und Umwelt, Jugend, Schule, Weiterbildung, Gesundheit und Soziales, Planen, Bauen und Wohnen sowie Abfall und Energie. Daneben sollte unter dem Motto "Bildung, Kultur, Freizeit und Sport" über Kindergärten und Schulen, über die Volkshochschule, über Theater, Musik, Museen und Galerien, über Bibliotheken, Bildstellen und Archive, über Freizeit und Sport und über Vereine informiert werden. Selbstverständlich darf der Btx-Dialog mit den Bürgern nicht fehlen. Er ist fester Bestandteil in nahezu allen kommunalen Btx-Programmen.

Es hat sich gezeigt, daß Kommunalverwaltungen mit dem Medium Bildschirmtext hinsichtlich ihrer Eigendarstellungen dazugelernt haben. Angeboten wird die Information, die für den Bürger besonders wichtig ist. Die Eigendarstellung der Verwaltung tritt dagegen zurück: Die Namen der Mitglieder des Stadtrates sind für den Bürger oft weniger wichtig gegenüber Hinweisen auf aktuelle Veranstaltungen. Es gibt inzwischen einen Standardvorschlag für die Gestaltung eines kommunalen Btx-Angebots, in den die vorgenannten Erkenntnisse eingeflossen sind. Viele Kommunalverwaltungen orientieren sich an diesem Standard. Dennoch erscheinen kommunale Btx-Angebote keinesfalls uniform. Jedermann kennt das oft zitierte Beispiel der unleserlichen Verbrauchsabrechnung für Wasser und Energie. Die Tatsache, daß auf eine Bildschirmtextseite maximal 22 Zeilen mit 40 Zeichen passen, erfordert eine sehr prägnante und deutliche Formulierung des jeweiligen Informationsgehaltes. Kommunen, die Btx-Anbieter sind, haben hier sicherlich dazugelernt und präsentieren sich als verständige Informationsanbieter. Aber nicht nur der Inhalt, der mit Bildschirmtext übermittelt wird, sondern auch die Darstellung der Information muß lesbar sein. Wer ohne Absatz eine ganze Bildschirmtextseite mit Text vollknallt, erzeugt Augenpulver. Auch wurde erkannt, daß der Namensbestandteil "Text" im Wort "Bildschirmtext" beachtet werden sollte. Lediglich schöne bunte Bilder, die zudem noch zu einer verzögerten Übermittlung führen, können nicht befriedigen. Aktuelle textliche Information der Bürger ist das Ziel. Hier haben sich Erkenntnisse für die Gestaltung einer Btx-Seite herausgebildet, die vielleicht auch einmal ausstrahlen auf andere öffentliche Verlautbarungen.

Wenige Kommunalverwaltungen haben als Btx-Anbieter zugleich den Btx-Rechnerverbund verwirklicht. In den meisten Fällen wird auf diesem Gebiet noch experimentiert. Dennoch ist zu vermuten, daß hier, wo der echte Dialog mit dem Bürger möglich wird, in Zukunft ein weiterer Schwerpunkt kommunaler Btx-Angebote liegen wird.

Was ist als Fazit zu ziehen? Bildschirmtext ist kein neuer Dienst mehr. Seine Einschätzung ist nicht mehr geprägt durch Euphorie oder generelle Ablehnung. Die Nutzung dieses Routinedienstes der Deutschen Bundespost und seine Möglichkeiten im Rahmen des gesamten kommunalen Aufgabenspektrums werden nüchtern eingeschätzt. Einige Kommunalverwaltungen sind vorgeprescht und haben am Bildschirmtextdienst die Möglichkeit moderner Telekommunikation erprobt. Andere warten vielleicht noch ab, bis sichergestellt ist, daß hier voneinander gelernt werden kann. Der internationale Erfahrungsaustausch zum Thema Bildschirmtext, eine höchst ökonomische Verhaltensweise, ist in Gang gesetzt.