Nach der "Pleite" mit British Telecom jetzt Anlauf von Big Blue in Fernost.

NTT und IBM Japan planen VAN-Joint-venture

29.11.1985

TOKIO (cmd) - Die bevorstehende Gründung des lange diskutierten Joint-venture zwischen der Nippon Telephone and Telegraph Corp. (NTT) und der IBM Japan Corp. auf den Feldern "Value Added Services" (VAN) sowie DV-Equipment bewegt die Gemüter in Japan. Vor allem die heimische Industrie rechnet mit schwerwiegenden negativen Auswirkungen auf den gesamten DV- und Telecom-Markt.

Das Ende September dieses Jahres von beiden Partnern unterzeichnete Memorandum sieht die offizielle Gründung einer gemeinsamen Tochter für Mitte Dezember vor. Kernpunkt der Vereinbarung ist dabei die Einbindung von IBMs SNA-Architektur in die Data Communications Network Architekture (DNCA) der NTT. Hierüber, so heißt es dazu von NTT aus Tokio, hätten beide Unternehmen länger als anderthalb Jahre verhandelt und umfangreiche technische Studien über die Kompatibilitätsmöglichkeiten der beiden Architekturen angestellt. Nachdem das Ergebnis positiv war, soll die gemeinsame Tochter nun im März nächsten Jahres ihren VAN-Dienst starten. Darüber hinaus ist geplant, daß NTT auch als Distributor für mittlere und kleine IBM-Rechner auf dem japanischen Markt tätig wird, so zum Beispiel für das System /38 und die IBM 5550, die japanische Version des PC.

Hintergrund des spektakulären Deals ist die Liberalisierung des gesamten japanischen Fernmeldemarktes, die am 1. April dieses Jahres per Gesetz in Kraft getreten ist. Danach ging die NTT bei den "Value Added Services" eines Teils ihres bisherigen Monopols verlustig und muß nun mit anderen Anbietern um die Gunst der Kunden wetteifern. Zugleich wurde dieser Markt, für den innerhalb der nächsten Jahre boomartige Zuwachsraten prognostiziert werden, für ausländische Anbieter geöffnet, um so wenigstens in Teilbereichen der amerikanischen Kritik an der protektionistischen Fernmeldepolitik der Japaner den Wind aus den Segeln zu nehmen. Seit April wurden denn auch mehr als 160 VAN-Anbieter, vorwiegend aus den Bereichen DV, Chemie, Banken, Handel und Bauwesen, registriert, von denen allerdings die Mehrzahl nach eigenem Bekunden noch keine Gewinne abwirft. Sie alle befürchten nun, daß ihre Marktchancen durch das Zusammengehen der beiden "Giganten" ernstlich behindert werden.

NTT dagegen sieht in der Vereinbarung mit IBM eine gute Möglichkeit, seine Dienstleistungen bei Anwendern mit Equipment von Big Blue verstärkt an den Mann zu bringen und sich so erfolgreich gegen die Konkurrenz zur Wehr zu setzen. Den auch von den drei großen japanischen DV-Herstellern NEC, Fujitsu und Hitachi geäußerten Befürchtungen, das Zusammengehen mit der japanischen IBM-Tochter verändere den Markt grundlegend zu Lasten der heimischen Anbieter, begegnet die Fernmeldegesellschaft gelassen. So meinte Kaoru Kubo, Vizepräsident und General Manager für "Advanced Communications Systems", kürzlich in einem Interview mit der "Computerworld": "In den USA und in Europa dominiert IBM den Computermarkt, in Japan dagegen hat Big Blue nur einen Marktanteil von 28 Prozent. NEC, Fujitsu und Hitachi zusammen kommen auf 57 oder 58 Prozent der Marktanteile."

Im übrigen, so Kubo weiter, habe das geplante Joint-venture durchaus auch Auswirkungen auf die Geschäftspolitik der IBM insgesamt. Da Japan traditionell ein "Multi-Vendor" -Land sei, komme der vereinbarten Architekturangleichung zwischen SNA und DCNA eine besondere Bedeutung zu; noch herrsche bei den Armonkern die Mentalität vor, ihre eigene Welt sei die ganze DV Welt, sie könnten jetzt aber eine ganze Menge vom japanischen Markt lernen.

Soweit bisher feststeht, wird die gemeinsame Tochter von NTT und IBM Japan mit einem Grundkapital von rund drei Millionen US-Dollar ausgestattet sein, das je zur Hälfte von den beiden Muttergesellschaften beigesteuert wird. Nach Aussage von Kubo ist der japanische Big-Blue-Ableger offiziell für den IBM-Part zuständig, aber wer den Managementstil des DV-Marktführers kenne, wisse, daß all die wichtigen Themen wie Strategie, Preispolitik und Konditionen natürlich in den Kompetenzbereich des Hauptquartiers in Armonk fielen.

Inzwischen beanstandete auch Post- und TeIekommunikationsminister Negumu, daß NNT den Vertrag mit IBM abgeschlossen habe, ohne vorher die Zustimmung der inländischen Gesellschafter einzuholen, zu denen auch sein Ministerium gehört. Allerdings rechnet man in Japan im Unterschied zu Großbritannien, wo das britische Handelsministerium ein ähnliches Joint-venture zwischen der ebenfalls privatisierten Britisch Telecom und der englischen IBM in letzter Minute untersagte, nicht mit einer derartigen Aktion.