MWC12

NSN-Chef sieht gewaltige Branchenkonsolidierung kommen

28.02.2012
Der Chef des Telekomausrüsters Nokia Siemens Networks (NSN), Rajeev Suri, sieht eine gewaltige Konsolidierung der Branche kommen.
NSN-Chef Rajeev Suri
NSN-Chef Rajeev Suri
Foto: NSN

"Langfristig werden weltweit nur drei Netzausrüster überleben", sagte der Manager am Montag im Gespräch mit der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX auf der Mobilfunkmesse Mobile World Congress in Barcelona. "Zwei Anbieter werden wegfallen. Wir werden überleben." Heute gibt es fünf große Anbieter, zu denen Frankreichs Alcatel-Lucent und Ericsson aus Schweden zählen sowie auch die chinesischen Konkurrenten Huawei und ZTE.

Wie Alcatel-Lucent wird NSN zwischen Marktführer Ericsson und der Günstigkonkurrenz aus China zerrieben. Schulterschlüsse wie die Zusammenlegung der Netzsparten von Nokia und Siemens, aus der NSN entstand, werde es nicht mehr geben. "Die Verlierer werden sich auf Nischen konzentrieren und sich aus dem breiten Mobilfunkmarkt verabschieden", sagte Suri.

Suri will den defizitären Konzern profitabel machen und sich im harten Wettbewerb behaupten. Seinen Trumpf sieht er darin, dass NSN bereits drastische Maßnahmen ergriffen hat. NSN zieht sich aus dem Festnetz zurück und konzentriert sich auf lukrative mobile Breitbandnetze. "Wir setzen auf Innovation und den Kostenabbau. Andere werden folgen und ihre Strategie ebenfalls verengen. Wir waren nur schneller."

Den drastischen Schnitt machte das Unternehmen im vergangenen Herbst aus der Not heraus. Seit der Fusion der Netzsparten von Nokia und Siemens im Jahr 2007 hatte NSN milliardenschwere Verluste erlitten. Bis Ende nächsten Jahres fallen 17.000 der 74.000 Arbeitsplätze dem Rotstift zum Opfer - davon 2900 in Deutschland. Mit diesem Schritt will Suri die Kostenbasis um eine Milliarde Euro drücken.

Damit dürften die Einsparungen allerdings noch nicht ihr Ende finden. "In diesem Augenblick arbeiten wir an unserem Umbau, aber wir können noch mehr Einsparungen ausmachen", sagte Suri. Kostensenkungen sind für NSN eine Frage des Überlebens. Im Herbst hatten die Muttergesellschaften noch einmal eine Milliarde Euro nachgeschossen. "Weitere Hilfen brauchen wir nicht. Ab hier schaffen wir es alleine." Dem Vernehmen nach hatten die Eigner NSN klargemacht, dass diese Geldspritze die letzte sei.

Den Finanzhilfen folgte eine erfolglose Suche nach einem Käufer. Ziel seiner Bemühungen sei nun, NSN profitabel und fit für einen Börsengang zu machen, sagte Suri. "Mit einem Börsengang können unsere Gesellschafter entscheiden, in welche Richtung sie mit ihrem Engagement bei NSN gehen wollen."

NSN-Zentrale auf dem Nokia-Campus in Espoo, Finnland
NSN-Zentrale auf dem Nokia-Campus in Espoo, Finnland
Foto: NSN

NSN ist in den Pioniermärkten für die neue Mobilfunktechnik LTE stark. Dort, in Japan, Korea und die USA, sind die Märkte am weitesten fortgeschritten und die Netzbetreiber kommen in ihren Bemühungen, die boomende Datennutzung über mobile Geräte in Gewinne umzusetzen, voran. Der Umsatz in Japan hat sich im vergangenen Jahr verdoppelt. In Korea baut NSN LTE-Netze für gleich drei Telekomanbieter. Weltweit hat sich NSN 52 Aufträge für Netze der neuen Technik gesichert.

Aber auch fertige Netze bieten den Ausrüstern weiteres Geschäft. So ist mit Netzpartnerschaften von Telekomanbietern ein Wachstumsfeld entstanden. In Polen vereint NSN die Netze von der Deutschen Telekom und France Telecom . "Dort sind wir sehr gut aufgestellt. Die Mehrzahl dieser Projekte geht über uns. Auch Netzbetreiber stehen unter Kostendruck und verbinden ihre Infrastruktur mit jener der Konkurrenz", sagte Suri. "Dieser Trend wird sich beschleunigen."

Ein erheblichen Teil des Umsatzes erzielt NSN nicht mit Bau und Erneuerung von Netzen, sondern mit Dienstleistungen. Zunehmend überlassen Telekomanbieter den Ausrüstern einzelne Aufgaben wie Überwachung oder gleich den ganzen Betrieb der Netze. Diese Dienstleistungen liefern bereits die Hälfte des Umsatzes, der im vergangenen Jahr bei 14 Milliarden Euro lag. So übernimmt NSN teilweise oder ganz den Betrieb von 180 Kunden mit insgesamt mehr als 700 Millionen Endnutzern. Einen Nachfrageschub erwartet Suri in den gesättigten Märkten in Westeuropa und den USA. "Dort werden sich Telekomanbieter verstärkt darauf konzentrieren, ihre Kundenbindungen zu stärken und den Betrieb der Netze anderen überlassen."

NSN bietet Telekom-Unternehmen zudem Software an, mit der sie ihre Netzeffizienz verbessern und den Umsatz mit Endnutzern steigern können. Das Programm Consumer Experience Management liefert Nutzungsdaten, die Telekomanbietern zeigen, mit welcher Art Kunden sie es zu tun haben. Sie können ihnen somit Angebote passend zu ihren Geräten und ihren Nuztungsgewohnheiten machen. Eine weiteres Produkt ist Liquid Net, eine Dachtechnik, die verschiedene Mobilfunkstandards an den Sendemasten vereint. Der Anbieter erhöht damit die Kapazität und senkt die hohen Stromkosten. Mit der neuen Technik wissen Telekomanbieter, welches Gerät benutzt wird und stellen den Datenstrom darauf ein. Ein Smartphone kann weniger Daten verarbeiten als ein iPad. So verringert sich der Datenstrom auf das nötige Maß. Das ist wichtig, weil die Datennutzung wegen Youtube und Facebook ohnehin explosionsartig steigt. Noch wird Liquid Net erst von wenigen Telekomanbietern genutzt. Richtig einschlagen werde die Technik im zweiten Halbjahr, sagte Suri. (dpa/tc)