Web

 

Novell und Microsoft um demonstrative Einigkeit bemüht

21.03.2007
Auf der Brainshare wird die Steigerung der Formulierung "Win-Win-Situation" erfunden.

Microsoft hatte extra seinen Chief Research and Strategy Officer Craig Mundie herübergeschickt. Und das steigerte bei Novells oberstem Marketing-Chef John Dragoon noch die berufsbedingte Euphorie: "Nun, ich schätze, Schweine können fliegen!" Dies war keine Beleidigung, sondern eine amerikanische Redewendung und bezog sich darauf, dass ein derartiger Gast vor dem umstrittenen Friedenvertrag der beiden Firmen vom November letzten Jahres so ein Besuch "undenkbar" gewesen wäre, so Dragoon.

Bei solch einem Anlass wollte Jeff Jaffe, Nocells Chief Technology Officer (CTO), seinem Kollegen im Topmanagement aus Waltham, Massachusetts, nicht nachstehen. Er setzte gleich noch einen drauf: "Wir haben eine Win-Win-Win-Situation geschaffen", verkündete Jaffe. "Microsoft glaubt, sie hätten gewonnen und würden eine Menge davon haben. Wir bei Novell meinen, wir hätten gewonnen. Und der größte Gewinner von allen ist der Kunde, der es endlich mit Firmen zu tun hat, die in heterogenen Umgebungen zusammenarbeiten."

Viele Kunden hätten Novell erklärt, so Jaffe, dass ihnen Interoperabilität ebenso wichtig sei wie Sicherheit und Zuverlässigkeit ihrer IT-Umgebungen. In dieser Richtung sei der Vertrag mit Microsoft jetzt schon ein Erfolg im Sinne der Anwender, meinte der Novell-CTO. Er sprach damit die vor allem aus der Open-Source-Szene vehemente Kritik am Friedensvertrag mit Microsoft an. Novell habe sich nicht für 348 Millionen Dollar aus Redmond an Microsoft verkauft; es gebe weiter unterschiedliche Positionen, so Jaffe: "Microsoft wird Windows vorantreiben und wir Linux. Wir stimmen darin überein, nicht übereinzustimmen. Aber wir sind uns dahingehend einig, Interoperabilität zwischen den Plattformen zu schaffen."

Dass sich Novell unverändert argumentativ gegenüber den Gegnern des Friedensvertrags in der Defensive befindet, zeigen die Ausführungen Jaffes: "Kunden erklären uns: Linux ist wichtig und Windows ebenfalls; dies sind die beiden Plattformen der Zukunft. Und ihr Anbieter müsst für Interoperabilität und Virtualisierung zusammenarbeiten."

Microsofts Mundie sprang höflich seinem Novell-Counterpart zur Seite: "Die Kunden haben uns gebeten, den Deal zu erfüllen. Sie haben große Investitionen in die Microsoft-Umgebung getätigt, sie planen große Investitionen in diese neue Umgebung." Zwei Probleme hätten die Lage überschattet: Integration der beiden Welten und Unsicherheit über Probleme des geistigen Eigentums. Microsoft habe seinen Teil beigetragen zur Überwindung der Grenzen. AIG, Deutsche Bank, Credit Suisse, Wal-Mart, HSBC und andere Unternehmen haben vom Redmonder Softwaregiganten Coupons erhalten, die ihnen kostenlosen Support für Suse Enterprise Linux bescheren, bezahlt von Microsoft.

Novell-CTO Jaffe wiederum verwies auf die ersten technischen Ergebnisse des Interoperabilitätsvertrags: Windows Server kann virtualisiert auf Suse Linux laufen und Windows-Clients können ohne Zusatzsoftware eine Active-Directory-Schnittstelle in Novell Konkurrenzprodukt eDirectory adressieren. Ferner gibt es Formatkonverter zwischen Open XML der MS-Office-Suite und Open Document Format von OpenOffice. (ls)