Der finnische Patient

Nokia am Scheideweg

08.02.2011
Bei Nokia kündigen sich große Veränderungen an. Unter dem Druck erfolgreicher Rivalen muss der Weltmarktführer dringend Anschluss bei Smartphones finden.
Nokias Zentrale - noch liegt sie in Espoo vor den Toren von Helsinki.
Nokias Zentrale - noch liegt sie in Espoo vor den Toren von Helsinki.
Foto: Nokia

Gemunkelt wird über ein Bündnis mit Microsoft. Oder könnte Nokia sogar Teile der Zentrale in die USA verlagern?

Nokia steht wieder im Mittelpunkt - allerdings nicht so, wie es den Chefs des weltgrößten Handy-Herstellers lieb wäre. Der einst stolze Weltmarktführer wird heute als der "finnische Patient" wahrgenommen, der von kreativeren Konkurrenten abgehängt wird. Auch die Absatz- und Gewinnzahlen sprechen eine klare Sprache: Bei Nokia muss sich etwas ändern. Am Freitag dürfte es soweit sein. Der neue Konzernchef Stephen Elop wird in London seine Strategie vorstellen. Seit Tagen wuchern Spekulationen, wie radikal der Kanadier durchgreifen wird.

Das mit Abstand beliebteste Gerücht: Nokia gibt das eigene Smartphone-Betriebssystem Symbian auf und wechselt zu Microsofts Windows Phone 7. Handfeste Belege dafür gibt es bisher keine. Da die Spekulation an sich aber so spektakulär ist, wird munter nach Argumenten gesucht. Schließlich komme Elop direkt von Microsoft und habe noch einen guten Draht zum Windows-Konzern, heißt es dann etwa. Und Microsoft könnte auch höhere Stückzahlen für sein eher zögerlich gestartetes neues Smartphone-System gebrauchen. Skeptiker verweisen darauf, dass Nokia zusammen mit Intel das eigene neue Betriebssystem MeeGo entwickelt - von dem aber wiederum bisher noch wenig zu sehen war.

Für die heftigste Spekulation sorgte der britische Branchendienst "The Register". Elop erwäge, die Firmen-Zentrale zumindest teilweise aus dem finnischen Espoo in die USA zu verlagern, hieß es am Dienstag unter Berufung auf Nokia-Insider. Damit könnten mehr strategische Entscheidungen des Top-Managements in einer Art "virtuellem Hauptquartier" in Amerika getroffen werden. Nokia spielt in den USA aktuell so gut wie keine Rolle - unter anderem, weil es kaum Telefone für den dortigen Netzstandard CDMA im Angebot hat.

Nokia-Chef Stephen Elop: Am Freitag lässt er die Katze aus dem Sack.
Nokia-Chef Stephen Elop: Am Freitag lässt er die Katze aus dem Sack.
Foto: Nokia

Nokia hält vor dem großen Showdown am Freitag, an dem eine Analystenkonferenz angesetzt ist, extrem dicht. Jeder Krümel an Informationen erregt aufsehen. Als die "Wirtschaftswoche" am Wochenende aus Konzernkreisen berichtete, weitere Spitzenmanager müssten bald ihren Hut nehmen, ging die Meldung um die Welt. Dem deutschen Magazin zufolge müssten unter anderem die heutige Handy-Chefin Mary MacDowell sowie Produktions- und Logistikchef Niklas Savander gehen. Die radikalen Personalveränderungen werden auch als Zeichen für eine anstehende Strategiewende interpretiert.

Was auch immer Elops Plan ist, er muss schnell handeln. Nokia verliert bei den zukunftsträchtigen Smartphones kontinuierlich an Boden. Alle Versuche, den Abwärtstrend mit eigenen neuen High-Tech- Handys umzukehren, schlugen bisher fehl. Das Schlussquartal 2010 markierte eine Zeitenwende: Laut Marktforschern überholten Telefone mit dem Google-Betriebssystem Android im Smartphone-Markt den langjährigen Spitzenreiter aus Finnland.

Das müsste an sich kein Drama sein - schließlich macht Konkurrent Apple vor, wie man mit einem überschaubaren Marktanteil der Top-Verdiener der Branche wird. Apple wurde seine iPhones zuletzt für 625 Dollar pro Stück los, Nokias durchschnittlicher Handy-Preis lag bei 69 Euro (aktuell rund 94 Dollar).

Natürlich kann Nokia darauf verweisen, dass ein großer Teil des Geschäfts beim Weltmarktführer billige "Brot-und-Butter"-Handys ausmachen. Damit lassen sich etwa Wachstumsmärkte wie China oder Indien beherrschen. Die Frage ist nur, wie lange das noch geht. Jetzt ist erst etwa jedes fünfte verkaufte Mobiltelefon ein Smartphone. Neueste technologische Entwicklungen deuten aber darauf hin, dass sich die Computer-Handys noch schneller ausbreiten könnten als erwartet.

So stellte der Zulieferer Broadcom eine neue Chipserie in Aussicht, mit der ein Smartphone weniger als 100 Dollar kosten könnte. Bei diesem Preis sei es "schwer vorstellbar, warum in zwei Jahren jemand noch Nicht-Smartphones im Angebot haben sollte", schrieb daraufhin Branchenexperte Horace Dediu, der einst selbst bei Nokia gearbeitet hat. (dpa/tc)