OS2: Zuwenig Software und zu hohe Kosten

Noch bietet der designierte DOS-Nachfolger zuwenig

23.03.1990

Drei Jahre nach der Vorstellung beginnt das als DOS-Nachfolger konzipierte OS/2 allmählich seinen Einzug beim Großanwender zu halten. Der Durchbruch bei breiten Anwenderkreisen blieb diesem Betriebssystem bisher aber versagt. Gründe: Zum einen erfüllt die installierte Basis an DOS-Systemen in vielen Fällen die nötigen Anforderungen, zum anderen führte der Anwenderwunsch nach Unix zu verstärkten Anstrengungen der Hersteller in diesem Bereich. Zum dritten sorgen die OS/2-Anbieter IBM und Microsoft durch ihre Ankündigungspolitik für ein hohes Maß an Verunsicherung unter den Anwendern.

Da stellte IBM plötzlich Unix-basierte Systeme vor, die auch im kommerziellen Bereich eingesetzt werden sollen; aus dem Hause Microsoft hört man von einer neuen Windows-Version, die einige der lästigen DOS-Restriktionen - darunter die 640 KB-Grenze - sprengen soll. Die Patentlösung, die von beiden Unternehmen angestrebt wird, scheint auf die einfache Formel hinauszulaufen: DOS und Windows für PCs im unteren Bereich, OS/2 für Anwender mit High-end-Systemen, die Multitasking, Host-Kommunikation und rechenintensive Programme benötigen. Microsoft-Chef Bill Gates meinte sogar, daß sich die Benutzeroberflächen von Windows und OS/2 auf Dauer gar nicht mehr unterscheiden werden.

Großunternehmen, die Multitasking wirklich benötigen, haben denn auch das meiste Interesse an OS/2: Banken, Versicherungen oder Reisebüro-Reservierungssysteme wie Amadeus oder Sabre. Hier laufen Kommunikations-Tasks im Hintergrund, während im Vordergrund im Anwendungsprogramm gearbeitet wird. Außerdem müsse man sich bei Installationen von mehreren hundert PCs auf das System und den Lieferanten verlassen können - so der DV-Leiter einer großen Versicherung. Dazu könnte am ehesten OS/2 geeignet sein, zumal es an IBM-Großrechner angebunden wird. Überhaupt scheinen Anwender, die Connectivity zu IBM-Mainframes oder -Minis im Auge haben, noch am ehesten von OS/2 überzeugt zu sein.

Der PC-Spezialist einer Großbank, der anonym bleiben will, dazu: Bei uns muß alles von IBM sein, deshalb kam wohl auch nur OS/2 als PC-Betriebssystem in Frage. Ein anderer Grund ist, daß die meisten Geldinstitute auf ein einheitliches System setzen. Trotzdem halte ich persönlich die Entscheidung für verfrüht. Man hätte abwarten sollen, was noch in Sachen Unix auf uns zukommt, was Workstations am Arbeitsplatz bringen."

Dennoch: Als DOS-Nachfolger bei Großanwendern scheint OS/2 das Rennen zu machen. Das bestätigt auch Gerhard Slamanik, PC-Spezialist bei der Österreichischen Wüstenrot-Hauptverwaltung in Salzburg: "Wir haben OS/2 getestet, weil wir uns gerade in Sachen Anbindung an den Großrechner, in unserem Fall ein Amdahl-Mainframe, einiges erwartet haben. In der Version 1.1 waren unsere Anforderungen aber noch nicht in allen Punkten erfüllt. Wir warten jetzt auf die Version 1.2 und dann werden wir es uns wieder anschauen. Wir setzen jetzt noch DOS ein, wollen dann aber in jedem Fall zu OS/2 wechseln."

Als Hauptgrund für den Wechsel zu OS/2 nennt Slamanik das Multitasking: "Bei uns muß jeder PC-Anwender neben seinen PC-Applikationen auch ständig mit dem Host kommunizieren. Daraus ergeben sich dann oft Probleme mit dem Speicherplatz. Ein Multitasking, das über die PC-Host-Kommunikation und ein Anwendungsprogramm hinausgeht, benötigen wir nicht. Wir haben keine Anwender, die drei oder mehr Programme gleichzeitig laufen lassen. Deshalb haben wir OS/2 auch noch nicht im Einsatz, da OS/2 unsere Erwartungen in Hinsicht auf PC-Host-Kommunikation noch nicht erfüllen kann. Für uns wird es erst interessant, wenn einmal über Communications- und Database-Manager auf einfache Art und Weise ein Datenaustausch möglich wird. Und da sehen wir die Zukunft: Auf dem Host setzen wir DB2 ein und wir hoffen, nachdem sowohl DB2 als auch OS/2 strategische Produkte sind daß sie irgendwann über den Database-Manager zusammenwachsen und wir über unsere PCs einfach auf die Großrechnerdatenbanken zugreifen können. Außerdem sind die Preise für OS/2-Maschinen und Speicheraufrüstung für uns zur Zeit noch zu hoch."

Windows 3.0 hat Slamanik zwar noch nicht gesehen. Sollte es aber halten, was es bisher verspricht, dann wäre es für ihn eine echte Alternative. Dreh. und Angelpunkt bleibt aber die Host-Kommunikation: "Auf den DOS-PCs verwenden wir dazu ein IBM-Produkt. Wir wissen aber nicht, inwieweit IBM dieses Produkt unter Windows unter. stützen wird, besonders im Hinblick auf den verwendeten Speicher. Ich glaube fast, die IBM wird dann sagen, daß Anwender wie wir, die auf verstärkte Host-Anbindung Wert legen, mit OS/2 arbeiten sollen."

Jemand, der auch die Version 1.2 von OS/2 und den LAN-Manager bereits testen konnte, ist Detlev Borchers, Betreiber eines Redaktionsbüros mit mehreren vernetzten PCs. Nach seiner Ansicht bestimmt die Anwender. Software die Akzeptanz eines Betriebssystems. Man könne OS/2 durchaus einsetzen, wenn man Datenbank-Applikationen benötigt. OS/2 wird sich aber nur durchsetzen können, wenn es auch sinnvolle Netzanbindungen gibt: "Wir haben eigentlich ein Novell-Netz, zu Testzwecken haben wir den LAN-Manager installiert. Ich gehe aber davon aus, daß die meisten Anwender auch Novell-Netze fahren. Der Novell-Requester bei OS/2-Version 1.1 lief noch phantastisch. Jetzt haben wir die IBM-Version 1.2 mit erweiterten Dateinamen und anderen Verbesserungen ein insgesamt sehr vernünftiges System aber hier fehlt der Requester. Das heißt: Wir können mit unseren OS/2 1.2-Maschinen nicht an den File-Server ran." Im Vergleich zu 1.1 wertet Borchers die neue Version 1.2 als akzeptables Betriebssystem: "Sie ist noch nicht für den 386er geeignet, ist aber viel absturzsicherer als die Vorläuferin. Version 1.1 ist mir pro Tag etwa einmal abgestürzt. Irgendein Prozeß hakte immer. Da brach das System in eine Art Panik aus, brachte Meldungen, die nur für den Debugger einen Sinn haben, und das war's dann. Das neue OS/2 kann man jetzt auch benutzen. Jemand, der seine Tabellenkalkulation macht und Unternehmensdaten bearbeitet, der möchte ja nicht einmal am Tag einen völligen Blackout haben. Einen Entwickler stört das nicht. Der ist das gewohnt und entwickelt ja auch, um die Blackouts zu sehen."

Was die Absturzstabilität der neuen OS/2-Version betrifft, meint Borchers, daß OS/2 1.2 zwar nicht so stabil wie ein vergleichbares Unix-System sei, aber genauso wie DOS-Systeme, die über Windows 386 laufen. Und in Sachen Presentation Manager kommt er zu dem Schluß: "Betrachtet man einmal die vorhandene Software, gibt es zwar für den Presentation-Manager schon gute Programme, aber noch nicht genug, daß man sagen könnte, es sei unbedingt nötig, den Presentation Manager einzusetzen. Das gilt aber auf der Unix-Ebene genauso: Auch dort ist es nicht nötig, Motif einzusetzen, weil es kaum Unix. Programme gibt, die die neuen grafischen Oberflächen nutzen."

Die Kernfrage bleibt schließlich doch, ob es sich für den kleinen und mittleren Anwender lohnt, auf OS/2 umzusatteln. In Sachen LAN-Manager rät Borchers, erst einmal auf die LAN-Manager-Version 2.0 zu warten, da der jetzige seiner Ansicht nach nur eine "Spielerei" ist.

Wer ein Novell-Netz hat, sollte auf den Requester für die neue OS/2-Version warten. Hat der Anwender aber große Datenbanken, und hat er die Software als OS/2-Version, dann würde nach Borchers Ansicht der Umstieg Sinn machen: Unsere Erfahrungen mit Paradox, Rbase und Concept 16 zeigen, daß sie unter OS/2 komfortablere Arbeitsmöglichkeiten als unter DOS bieten. Der Anwender muß aber alles ganz genau kalkulieren: Lohnt sich das Upgrade auf dem File-Server und den Workstations? Denn trotz des fallenden Preises für Speichererweiterungen wird das eine teure Sache. Dazu kommt die Umschulung. Die Leute müssen einfach mehr geschult werden, als der Presentation Manager Glauben macht. Man kann da einfach nicht nur mit der Maus im System herumfahren. Der Anwender, der den Umstieg auf OS/2 in seinem Unternehmen plant, muß Umschulungskosten realistisch einkalkulieren, auch wenn Microsoft erzählt, man müsse nur mit der Maus klicken. Das geht einfach nicht."

Dem Neueinsteiger will Borchers OS/2 nicht empfehlen. Bei kommerziellen Anwendern drehe sich die Installation ja zunächst um eine Hauptanwendung, und die müßte erstmals auf OS/2 verfügbar sein. Und der Einzelanwender hat von OS/2 den allerwenigsten Nutzen: "Er fährt weder riesige Datenmengen, eine vernünftige Textverarbeitung unter OS/2 gibt es noch nicht. Und was die sogenannte 'Zukunftssicherheit' betrifft, bin ich eher skeptisch. Man kann einfach nicht dauernd auf die Zukunft verweisen, wenn die Firmen, die OS/2-Software herstellen, immer noch beim Entwickeln sind. Ein Argument für die Zukunftssicherheit wäre es, wenn schon jetzt jede Menge OS/2-Software auf dem Markt wäre."