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Nichts geht mehr - ohne Portal

21.12.1999
Virtuelle Marktplätze sind im Kommen

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Wie Pilze schießen derzeit virtuelle Marktplätze aus dem Boden. In den Online-Internet-Shops rücken Einkäufer und Verkäufer zusammen. Anbieter wie SAP, Oracle und Peoplesoft melden erste Kunden und hoffen auf gute Geschäfte, um den stagnierenden Umsatz im ERP-Markt zu kompensieren.

Es könnte zum Wort des Jahres gekürt werden: Portal. Verstand die Allgemeinheit vor einem Jahr darunter noch den Zugang zu klerikalen Einrichtungen, so sind die universellen, mit einem Browser zu bedienenden Frontends zu Daten, Informationen und Applikationen aus der Welt des elektronischen Handels heute nicht mehr wegzudenken. Zweck dieser Industrie- und Business-Portale ist es, produzierenden Unternehmen, ihren Kunden und Lieferanten eine einheitliche Kommunikations- und Informationsplattform zu bieten. Die virtuellen Marktplätze sollen sowohl im Handel zwischen Unternehmen als auch für den Verkauf an die Verbraucher eingesetzt werden. Daneben entstehen Portale, die sich an bestimmte Branchen richten oder die auf die Belange von Interessengruppen, etwa Vertriebsmitarbeitern zugeschnitten sind.

Waren die Tore zur Internet-Welt bis dato Companies wie Yahoo, Lycos oder Altavista vorbehalten, haben seit Mitte des Jahres auch Anbieter von Enterprise-Resource-Planning-(ERP-) und Customer-Relationship-Management-(CRM-)Systemen Kurs auf das Web genommen. Vorreiter sind hier SAP, Oracle, Peoplesoft und Siebel Systems. Aber auch hiesige Softwarehäuser wie die Pirmasenser CAS GmbH basteln an virtuellen Handelsplätzen.

So teilte SAP Anfang der vergangenen Woche mit, einen Online-Marktplatz für die chemische und Pharmaindustrie zu bauen (CW Infonet berichtete). Basis sind die Internet-Produkte der "Mysap.com"-Familie. Im zweiten Quartal 2000 soll der Web-Store seine Tore öffnen. Zum Start werden auf Käuferseite BASF, Bayer, Degussa-Hüls, Henkel und Wacker Chemie antreten, um ihren Bedarf elektronisch bei den Lieferanten KSB, Linde, Sartorius, Siemens sowie der Heinz Wollschläger GmbH zu decken. SAP stellt dafür die nötige Infrastruktur, Software und Technik im kalifornischen Palo Alto bereit. Damit alles zum angekündigten Termin sauber über die Bühne geht, haben sich die Walldorfer noch Schützenhilfe von EDS für technischen und Integrationssupport sowie KPMG für Beratung bei der E-Commerce-Integration gesichert.

Ein weiterer Mysap.com-Kunde konnte in den USA gewonnen werden. Neoforma.com, ein Service-Anbieter im Bereich Gesundheitswesen, möchte seinen globalen Marktplatz mit den Walldorfer Internet-Produkten gestalten. Mit Mannesmann wird das Softwarehaus ebenfalls einen virtuellen Marktplatz aufbauen, teilte SAP mit (CW Infonet berichtete). Erste Ergebnisse ihrer Kooperation wollen die beiden Konzerne zur CeBIT im Februar vorstellen. Auch die beiden IT-Companies Hewlett-Packard und Texas Instruments konnte SAP für seine Internet-Lösungen gewinnen. In fünf Jahren, so teilte SAPs Vorstandsvorsitzender Hasso Plattner mit, will die Softwareschmiede zehn bis 20 Prozent ihres Umsatzes aus dem Verkauf und Betrieb von Portalen erwirtschaften.

Um für den Bekleidungshersteller Guess das "Apparel Buying Network" aufzubauen, kooperieren der ERP-Anbieter Peoplesoft und der E-Commerce-Spezialist Commerce One. In der ersten Phase soll Guess-Mitarbeitern und Lizenznehmern ein elektronischer Katalog zur Verfügung stehen. Als nächstes wird der Marktplatz für bisherige Lieferanten geöffnet, und in Phase drei können auch Unternehmen, die bisher keine Geschäftsverhältnisse zu Guess pflegen, in den Marktplatz eintreten.

Erst im November hatte Oracle bekanntgeben, in Zusammenarbeit mit dem Automobilhersteller Ford den Online-Shopping-Mall "Autoxchange" auf Basis von Oracles Marktplatz "Exchange", namensgleich mit Microsofts Groupware, Internet-Lösungen zu realisieren (CW Infonet berichtete). Teilnehmer sind alle weltweiten Zulieferer von Ford.

Das allgemeine Informationsbedürfnis von Vertriebsmitarbeitern möchte der CRM-Anbieter Siebel mit dem Web-Portal "www.sales.com" stillen (CW Infonet berichtete). Neben einer Jobbörse sind dort Informationen zu Verkehrsverbindungen, Produkten für die spezifische Zielgruppe und Foren zu finden, aber auch für Siebel-eigenes Marketing wird die Portal-Site genutzt. Die Pirmasenser Softwareschmiede CAS dagegen zielt mit dem Internet-Portal "www.CP-central.com" speziell auf Unternehmen der Konsumgüterindustrie. Gemeinsam mit Verlagen baut CAS ein Informations- und Service-Angebot auf, mittelfristig werden Funktionen aus dem Kunden-Management, Supply-Chain-Management und E-Commerce integriert.

Analysten von Forrester Research gehen davon aus, daß im Jahr 2003 Waren im Wert von rund 1,5 Billionen Dollar elektronisch gehandelt werden. 1999 waren es etwa 130 Milliarden. Internet-Marktplätze fungieren dabei als wichtige Informationsdrehscheibe, so die Einschätzung der Analysten.